Olympische Spiele in Japan Warum Russland bei Olympia über den Westen lacht

Fotomontage Mann vor Fahne
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Russlands Athleten sind in Tokio trotz Dopingsperre erfolgreicher, als viele geglaubt haben. Staatliche Medien stilisieren den Auftritt zur Trotzreaktion und lachen über "amerikanische Loser".

Russische Athleten
Bei den Olympischen Sommerspielen in Tokio muss die russische Mannschaft ohne Nationalflagge und unter dem Namen des Russischen Olympischen Komitees (ROC) antreten. Eine Konsequenz aus dem systematischen Doping im russischen Sport. Bildrechte: IMAGO / Bildbyran

Eigentlich sollten die Olympischen Spiele eine Lektion in Demut für die russische Sportwelt werden. Als Strafe für systematisches, vom Staat gesteuertes Doping musste das Team wie schon bei den Spielen in Rio in deutlich abgespeckter Formation anreisen. Waren 2012 - vor allen Dopingvorwürfen - noch 443 Athleten zugelassen, sind es diesmal nur 329. Und das trotz einiger neuer Disziplinen wie dem 3x3 Basketball. Auch die Länderbezeichnung "Russland" wurde für das Team gestrichen und durch das Kürzel "ROC" für Russisches Olympisches Komitee ersetzt. Bei Siegen russischer Athleten ertönt nun nicht die wuchtige Nationalhymne, sondern das sanfte "Klavierkonzert Nummer 1" des russischen Komponisten Pjotr Tschaikowski.

Stilisierung eines Trotz-Moments

Doch statt sich in Demut zu üben stilisieren russische Staatsmedien, Sportfunktionäre und kremlnahe Kommentatoren den Auftritt der russischen Sportler zu einem Trotz-Moment. Denn bislang kann sich die Leistung der Athleten unter ROC-Fahne durchaus sehen lassen. Schon jetzt gilt als sicher, dass russische Olympioniken insgesamt mehr Medaillen holen, als vor fünf Jahren. Und das, obwohl das Leichtathletik-Team der Russen, einer russischen Paradedisziplin, nur zehn Athleten zählt. Zudem sind davon zwei Top-Favoriten beim Hürdenlauf der Männer und beim Weitsprung der Frauen bereits verletzt ausgeschieden. Im Gold-Ranking würde Russland aktuell einen guten fünften Platz belegen.

Lilia Akhaimova, Viktoria Listunova, Angelina Melnikova und Vladislava Urazova
Trotz aller Widrigkeiten sind die russischen Athleten bei den Spielen in Tokio sehr erfolgreich - wie etwa die Kunstturnerinnen, die im Teamwettbewerb Gold holten. Bildrechte: IMAGO / Schreyer

Vor allem in den Fernsehübertragungen nehmen einige Kommentatoren kein Blatt vor den Mund. So bezeichnete der Sportkommentator des Senders MatchTV aus dem Medienimperium des staatlichen Gasmonopolisten Gazprom die internationalen Sportfunktionäre, die für Russlands Sperre verantwortlich seien, als "Menschen in Anführungszeichen". Die Chefin von MatchTV, Tina Kandelaki, schrieb auf ihrem privaten Instagram-Account, dass die Doping-Einschränkungen Russland nur noch weiter anspornen würden. "Die Olympischen Spiele sind einer der Momente, in denen man nur noch stärker seine Zugehörigkeit zu Russland zeigen will", so Kandelaki. Russlands Außenministerium hat zudem einen eigenen Werbeclip aufgezeichnet, der in den Pausen der Olympiaübertragungen mehrfach täglich gezeigt wird.

Eine Drohung gegen kritische Journalisten?

Der Inhalt ist einfach gestrickt. Die als öffentliche Figur bekannte Sprecherin des Außenministeriums, Marija Sacharowa, bereitet sich in dem gestellten Clip auf eine Pressekonferenz vor und boxt dazu auf eine Puppe mit der englischen Aufschrift "Presse" ein. Eine Anspielung auf die internationalen Medien, die den Doping-Skandal um Russland befeuert haben. Anschließend tritt Sacharowa vor russische Journalisten und erklärt, Russland werde die Spiele rocken - "we will rock you". Letzteres ist als Anspielung auf die offizielle Bezeichnung der Auswahl als "Team ROC" zu verstehen.

Evgeny Rylov
Der Schwimmer Ewgenij Rylow wurde nach dem Sieg über 200-Meter Rücken von seinem US-amerikanischen Konkurenten Ryan Murphy auf Instagram indirekt angegriffen und des Dopings beschuldigt. Mittlerweile sei die Sache jedoch geklärt, so Rylow. Bildrechte: IMAGO / Bildbyran

Für Hajo Seppelt, einen der bekanntesten deutschen Sport - und Investigativjournalisten, war diese Anspielung unmissverständlich. Seppelt war an den Recherchen um das vom russischen Staat geförderte Doping beteiligt und ist seitdem für viele Russen eine Hassfigur. Russland drohe ausländischen Journalisten in einem Werbeclip ausdrücklich, während das IOC stumm bleibt, empörte sich Seppelt in einem Tweet.

Politische Spiele

Verärgert über Russlands angriffslustigen Umgang mit der Dopingstrafe zeigte sich auch der Chef der amerikanischen Dopingagentur USADA Travis Tygert. Die lockere Bestrafung sei eine Farce und werde Russland nur noch zum weiteren Einsatz von Doping ermutigen. Auch dem amerikanischen Schwimmer und Silbermedaillengewinner Ryan Murphy platzte nach dem Sieg seines russischen Mitkämpfers Ewgenij Rylow beim 200-Meter Rücken der Kragen. "Ich schwimme in einem Rennen, das wahrscheinlich nicht sauber ist", sagte der 26-Jährige, der bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro dreimal Gold gewonnen hatte.

Für russische Sportexperten ein willkommener Anlass, um sich über die "amerikanischen Loser" lustig zu machen. Star-Kommentator Dmitrij Guberniew bezeichnete die Reaktion des Amerikaners als einen Erklärungsversuch für eigene Niederlagen. Ewgenij Rylow, der für Russland Gold im Rückenschwimmen gegen Murphy holte, reagierte dagegen durchaus souverän. "Wir haben mit Murphy über Instagram kommuniziert und haben alle Missverständnisse bereinigt", sagte Rylow. "Murphy sagte, dass nicht alle im Schwimmsport sauber sind und zum Teil hat er damit auch recht".

Immerhin, versöhnliche Töne unter Sportlern. Von russischen Medien und Kommentatoren wird man solche wohl kaum erwarten dürfen.

 

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Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT - Das Radio wie wir | 29. Juli 2021 | 08:40 Uhr

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