Trend in Tschechien Chata aus Beton - Militärbunker als Wochenendhaus

Die Prager Journalistin Helena Truchlá
Bildrechte: Helena Truchlá | MDR

Kleine graue Bunker aus den 1930er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts: Einst sollten sie helfen, die Tschechoslowakei vor Hitler-Deutschland zu schützen. Nun werden sie vom Verteidigungsministerium meistbietend versteigert. Die Käufer: Militärfans, Hobby-Historiker oder Tiny-House-Begeisterte.

Bunker
Immobilie zum Schnäppchenpreis: Für umgerechnet rund 4.000 Euro wurde dieser Bunker aus den 1930er-Jahren in Tschechien ersteigert. Bildrechte: Tomáš Griessl

Jeder Bunker ein Original

Der grün-gelb-schwarze Bunker in der Gemeinde Mradice nördlich von Prag sieht gar nicht nach einem Originalgebäudes aus den 1930er-Jahren aus. Doch genau das ist es. Sein Besitzer Tomáš Griessl kennt sich aus. Er, sein Cousin und sein Onkel sind große Fans der Militärgeschichte und restaurieren den Bunker nach historischem Vorbild. Griessl ist einer der Tschechen, die einen Bunker vom tschechischen Verteidigungsministerium gekauft haben. Auch für Deutsche wäre das möglich. 

Antifaschistischer Schutzwall im Wortsinn

Die kleinen Festungen sind in der 1930er-Jahren entlang der tschechisch-deutschen und tschechisch-österreichischen Grenze gebaut worden. Auf tschechisch nennt man sie ‘řopíky’ - von der Abkürzung für die staatliche "Direktion für Festungsarbeiten", der die Bunker damals unterstanden. Sie sollten die Truppen Hitlers abwehren, wurden aber nie genutzt: Mit dem Münchner Abkommen von 1938 wurden Böhmen und Mähren ohne Waffengang dem NS-Regime unterstellt, und die tschechoslowakische Armee kapitulierte. Nach dem Krieg, während der Zeit der sozialistischen Tschechoslowakei, verfielen die meisten der etwa 5.000 Bunker.

Bunker
Im Wald, im Weinberg, auf freiem Feld: Eine Kette von Bunkern sollte die Tschechoslowakei vor einem Überfall Nazi-Deutschlands schützen. Bildrechte: Verteidigungsministerium Tschechische Republik

Bunker meistbietend abzugeben

"Diese Objekte haben keine militärische Bedeutung mehr und werden vom Staat und der Armee nicht mehr benötigt", beschreibt Petr Sýkora von der Presseabteilung des Verteidigungsministeriums die heutige Situation. Viele Bunker wurden schon an Gemeinden oder Fanverbände abgegeben, kostenlos. Etliche wurden aber auch in Auktionen an interessierte Bürgerinnen und Bürger verkauft, für umgerechnet insgesamt rund 350.000 Euro. 23 weitere sind aktuell im Angebot auf der Website des Ministeriums.

Bunker-Besitzer Tomáš Griessl erzählt stolz: "Wir haben diese kleinen Gebäude immer gemocht. Und vor zwei Jahren konnten wir eines ersteigern". Sechs Interessenten seien damals zur Besichtigung nach Mradice gekommen, er habe sie aber alle überboten - mit ungefähr 4.000 Euro. Als er den Bunker übernahm, war er nur ein überwucherter, grauer Würfel. "Die Gitterstäbe fehlten, die Türen waren nicht vorhanden, es war innen ganz leer", erinnert er sich.

Mann bei Erdarbeiten an einem Bunker
Harte Arbeit stand Tomáš Griessl und seinem Cousin bevor, nachdem sie die Stahlbeton-Konstruktion übernommen hatten. Bildrechte: Tomáš Griessl

Also begannen Griessl und seine Familie die Kleinanzeigen zu durchsuchen, um Originalzubehör zu finden. "Unser Ziel ist eine Art Museum. Wir wollen dort von Zeit zu Zeit Führungen machen. Und manchmal im Sommer in Zelten übernachten", so Griessl. Zu dem Bunker gehört auch ein 100 Quadratmeter großes Grundstück.

Griessl hat dem Bunker mit Hilfe seiner Familie bereits einen neuen Außenanstrich verpasst. "Jeder Abschnitt der Befestigungslinie hatte sein eigenes Tarnmuster. Und hier war es wirklich bunt. An der Nordgrenze hingegen waren sie grau", erzählt Griessl begeistert. Eine Hälfte des Innenraums soll bald ihr ursprüngliches Aussehen von 1938 zurückerhalten. "So als hätten unsere Soldaten sich erst vor kurzem zurückgezogen", träumt Griessl. 

Wiesenlandschaft
Ein Bunker, bestens getarnt in einem Hain. Das Tiny House oben drauf - in den 1930er-Jahren undenkbar. Schließlich ging es doch um Landesverteidigung. Bildrechte: Jan Tyrpekl

Bunker unterm Sternenhimmel

Auf einem Feld in Vratěnice in der Region Südmähren nahe Österreich ist der ursprüngliche Bunker auf den ersten Blick nicht mehr zu erkennen. Der Architekt Jan Tyrpekl hat einen hölzernen Anbau darauf gesetzt. Für 24 Euro pro Nacht kann man die kleine "Festung" mieten. Viel Luxus hat man hier zwar nicht. Dafür aber den Blick in den Sternenhimmel.

"Řopíky befinden sich oft an interessanten Orten, und ich wollte sehen, ob man mit ihnen etwas anderes machen kann, als sie in ihren ursprünglichen Zustand zu versetzen", erklärt der junge Architekt. Dass die Bunker, die vom Verteidigungsministerium verkauft werden, oft nicht einmal das Grundstück umfassen, auf dem sie stehen, schränkt die Möglichkeiten der Nutzung allerdings ein. Tyrpekl vermietet seine Holzhütte auf dem Bunker bei Airbnb. Das Interesse ist groß, erzählt der Architekt. "Auf diese Weise bekommen wir unsere ursprüngliche Investition zurück. Die zweite, verbesserte Version des hölzernen Anbaus kostete Tyrpekl fast 18.000 Euro. Für den Bunker selbst hat er vor fünf Jahren dagegen nur 200 Euro bezahlt. Heute sind selbst die Startpreise in Auktionen im Durchschnitt zehnmal so hoch. 

Mann sitzt nachts in einem Haus
Abendstille überall. Nichts lässt jetzt mehr die kriegerische Vergangenheit des Fundaments für dieses Tiny House erahnen. Bildrechte: Jan Tyrpekl

Auf seine Holzkonstruktion habe er überwiegend positive Reaktionen erhalten, so der Architekt. Viele hätten sich bei ihm gemeldet, die auch solch einen Bunker gekauft hatten und dort ebenfalls eine Hütte errichten wollten. "Oft lag der Bunker aber in einem Naturschutzgebiet, und wenn der Flächennutzungsplan es nicht zulässt, ist es nicht realistisch." Die tschechische Seite der Grenze wird von Bergen gesäumt, und gerade hier sind Bauvorhaben wegen des Naturschutzes problematisch. Im Gegensatz zu dem Projekt von Tomáš Griessl, musste Tyrpekl für seine hölzerne Struktur alle Genehmigungen einholen, wie man sie auch für den Bau eines Wohnhauses braucht. Auch infolgedessen gehören Enthusiasten wie Tomáš Griessl zu den häufigsten Käufern von Bunkern in Tschechien. 

Quelle: MDR

Zwei MDR-Reporter erforschen einen Bunker 27 min
Bildrechte: MDR

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Dieses Thema im Programm: Das Erste | Europamagazin | 29. Mai 2022 | 12:45 Uhr

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