Ukraine Bücher lesen statt Knast

Mann vor Flagge
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Im südukrainischen Odessa sorgt ein Richter am Bezirksgericht für Aufsehen. Olexander Harskyj erlässt kreative Urteile. Unlängst verurteilte er zwei Diebe, die ein Auto geknackt und Radio sowie Lautsprecher geklaut hatten, dazu, ein Jahr lang Bücher zu lesen. Die Staatsanwaltschaft hatte drei Jahre Gefängnis gefordert.

Maskierter Mann versucht Auto aufzubrechen.
Maskierter Mann versucht Auto aufzubrechen Bildrechte: Colourbox.de

Die verurteilten Diebe sollen u.a. Wolfsblut von Jack London, Tom Sawyers Abenteuer von Mark Twain sowie Gedichte des berühmtesten ukrainischen Schriftstellers Taras Schewtschenko lesen. Die Delinquenten stammen aus schwierigen sozialen Verhältnissen. Einer von ihnen, 23 Jahre alt, wuchs in einem Waisenhaus auf, sein 19-jähriger Komplize in einer bedürftigen Großfamilie. Der Richter kam deshalb zu dem Schluss, dass die Angeklagten zwar eigentlich als Erwachsene betrachtet werden müssten, ihrem Entwicklungsstand nach aber noch Kinder seien. Ihre Vorstellungen von Privateigentum seien vage und sie würden nicht vollständig verstehen, wieso das Stehlen grundsätzlich schlecht sei. Eine Rolle bei der Urteilsfindung des Richters spielte sicher auch das äußerst seltsame Verhalten der beiden Diebe: Sie hatten ihre Rucksäcke mit ihren Ausweispapieren am Tatort liegen lassen.

Mark Twain
Mark Twain: Die Lektüre seines Romans "Tom Sawyers Abenteuer" soll zwei ukrainischen Autodieben dabei helfen, auf den rechten Pfad zurückzufinden. Bildrechte: IMAGO / agefotostock

Urteilsbegründung mit Zitaten von Lew Tolstoj

"Die Angeklagten sind nicht sozialgefährdend und nicht fähig zur systematischen Begehung von Straftaten", hieß es in Harskyjs Begründung. Die Korrekturmaßnahmen sollen laut Harskyj auch "vernünftige menschliche Werte" vermitteln. Daher sei das Lesen der richtigen Bücher womöglich effektiver als andere im Strafrecht vorgesehene Bestrafungen.

Es ist bei weitem nicht das erste Urteil Harskyjs, mit der er die Aufmerksamkeit auf sich zog. Als etwa ein bereits fünfmal wegen Diebstahls verurteilter Mann dabei erwischt wurde, wie er ein geklautes Kupferkabel in handliche Stücke zersägte, hätte er eigentlich eine Haftstrafe von bis zu sechs Jahren bekommen müssen.
Weil der obdachlose Angeklagte aber in der Kanalisation lebte und unter Medikamenteneinfluss stand, bekam er eine dreijährige Bewährungsstrafe mit Probezeit – und dieses Urteil wurde prominent mit Zitaten aus dem Roman "Auferstehung" von Lew Tolstoj begründet. "Für einen Richter ist es wichtig, klassische Literatur zu lesen, Theater, Ausstellungen oder Rockkonzerte zu besuchen", sagt der 40-jährige Richter der Odessaer Nachrichtenseite Dumskaja. Im gleichen Interview betont er, nach seiner Richterkarriere Schriftsteller werden zu wollen, was mit Blick auf die Urteile wenig überraschend klingt.

Am Ende eine Prüfung?

Doch lässt das ukrainische Rechtssystem die als beispiellos geltenden Urteile des Richters aus Odessa eigentlich zu? Obwohl es sich hier wohl um eine rechtliche Grauzone handelt, sind sich viele Juristen des Landes einig, dass das Gericht von einer Haftstrafe absehen kann, wenn es geeignetere und aussichtsreichere Mittel und Wege gibt, die Straftäter auf den rechten Pfad zurückzuführen. "Es ist eine legale Entscheidung und ein guter Versuch des Richters, das Schicksal der Angeklagten positiv zu beeinflussen", sagte Jewhen Sacharow von der Charkiwer Menschenrechtsgruppe der Nachrichtenagentur Ukrinform.

Wie die beiden Diebe, die zu einem Jahr Bücherlesen verurteilt wurden, nachweisen müssen, dass sie ihre Aufgabe ernstgenommen und tatsächlich mit Gewinn für sich gelesen haben, bleibt offen. Im Urteil ist zwar davon die Rede, dass sich die Verurteilten einem Test unterziehen müssen, doch wie genau der ablaufen soll, ist offenbar noch unklar.

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Quelle: MDR

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