Tourismus Baltikum: Warum in Litauen, Lettland und Estland die Urlauber wegbleiben

Porträt Markus Nowak
Bildrechte: Markus Nowak/MDR

Nach den Pandemiejahren hoffte die Tourismusbranche im Baltikum auf eine Erholung. Doch mit dem Ukrainekrieg brachen die Buchungszahlen erneut massiv ein. Werbekampagnen sollen nun die Angst vor einer russischen Invasion nehmen und die Touristen zurückholen.

Altstadt von Tallinn
Die Altstadt von Tallinn ist weniger gut besucht als vor der Pandemie. Bildrechte: Markus Nowak

"Habt Ihr gewusst, dass Litauen der größte Staat Europas war? Klingt verrückt, was?", fragt die Mittvierzigerin Violeta eine Handvoll Touristen auf dem Kathedralplatz von Vilnius. "Vom 13. bis zum 16. Jahrhundert haben unsere Fürsten so viel Territorium erobert, dass wir flächenmäßig der größte Staat waren." Dann geht die Fremdenführerin mit ihrer Gruppe durch die engen Gassen der Altstadt, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Hier sind heute deutlich mehr Urlauber unterwegs als in den vergangenen beiden Pandemie-Jahren – aber immer noch zu wenig für den Geschmack der Tourismusbranche.

Eine Gruppe Menschen bei einer Satdtbesichtigung.
Fremdenführerin Violeta (re.) bei der Arbeit in Vilnius. Bildrechte: Markus Nowak

"Anfang des Jahres waren wir optimistisch, dass der Tourismus zurückkommt", sagt Olga Gončarova von "Lithuania Travel", der staatlichen Tourismusagentur. "Die Reisebeschränkungen sind gefallen und wir hofften auf Besucherzahlen wie vor der Pandemie." 2019 etwa war mit zwei Millionen Touristen ein "goldenes Jahr" für die Baltenrepublik – und die Zielmarke für 2022. Doch der russische Angriffskrieg auf die Ukraine veränderte alles. "Seit Ende Februar beobachten wir viele Buchungsstornierungen", sagt die Tourismusexpertin. "Vor allem von deutschen Reiseveranstaltern, aber auch von italienischen und französischen. Das sind die Länder, aus denen wir normalerweise die meisten Touristen haben."

Der aggressive Nachbar verschreckt Touristen

"Der Krieg in der Ukraine verschreckt Touristen", berichtete vor kurzem schon der öffentlich-rechtliche Sender LRT aus Litauen. Es gehe die Angst um, Litauen, Lettland und Estland seien unsichere Länder, heißt es darin. Denn nicht nur Litauen als größter der drei Ostsee-Anrainerstaaten hat mit masseweisen Stornierungen zu kämpfen. Auch Inese Sirava von der Investitions- und Entwicklungsagentur Lettlands bestätigt, das rund 60 Prozent der Buchungen für den Sommer zurückgenommen wurden. Insbesondere Gruppenreisen seien betroffen. "Für Lettland ist Deutschland der Topmarkt, daher ist der Rückgang der Buchungen sehr schmerzhaft", so Sirava.

Blick auf den Strand.
Einsame Strände an der kurischen Nehrung in Litauen. Bildrechte: Markus Nowak

In Estland ist die Lage etwas entspannter, sagt Evely Baum Helmis von der estnischen Tourismusagentur "Visit Estonia". Es gebe Absagen von Gruppenreisen, bislang schlagen sie sich in den Statistiken nicht stark nieder. "Da der Krieg zudem mit der Erholung von der Pandemie einhergeht, ist es zurzeit nicht möglich zu sagen, wo die Auswirkungen der Erholung von der Pandemie enden und wo die aktuellen Auswirkungen des Krieges beginnen."

Die drei baltischen Staaten gehörten bis 1991 unfreiwillig zur Sowjetunion, grenzen an Russland und haben sich seit Beginn des Krieges besonders hervorgetan, was etwa Sanktionsforderungen gegen Moskau und Waffenlieferungen an die Ukraine angeht. So kommen sie immer wieder mit ihrem großen Nachbarn in Konflikt: Zuletzt drohte Russland Litauen Vergeltung an, weil das Land den Transit von Waren und Menschen durch litauisches Territorium in die russische Exklave Kaliningrad eingeschränkt hatte. Berichte über solche Drohungen verunsichern potenzielle Urlauber aus dem Westen, glaubt die litauische Tourismus-Expertin Gončarova. Deshalb betont sie auch, dass Estland, Lettland und Litauen Mitglieder der EU und der NATO sind – mit Kampfverbänden aus vielen Staaten, darunter auch aus Deutschland, vor Ort.

Urlaub unter dem Schutz von Nato und EU

"Es gibt keine sicheren und unsicheren Staaten angesichts des Krieges", sagt auch die lettische Tourismuskennerin Sirava. Um westliche Besucher davon zu überzeugen, dass die drei Länder sichere Reiseziele sind, haben die Tourismusverbände Werbekampagnen gestartet, die zeigen sollen, dass es nichts zu befürchten gibt:  Litauen setzt etwa auf YouTube-Clips, die – trotz des Krieges in der Ukraine – einen "normalen" Alltag zeigen. "Plan your ordinary day in Lithuania", heißt es darin. Estland hat eine Internetseite zur Aufklärung über die Sicherheit im Land eingerichtet.

Blick auf den Strand.
Kaum jemand hier: Ein Strand in Litauen. Bildrechte: Markus Nowak

Ob die Kampagnen verfangen, ist nicht sicher. Alle drei Länder haben neben der Nachbarschaft zu Russland eine weitere – eigentlich für den Tourismus attraktive – Gemeinsamkeit: feinsandige, kilometerlange Strände etwa. Litauen, nur etwas kleiner als Irland, zählt 90 Küstenkilometer. Lettland, das nur wenig kleiner ist, hat 500 Kilometer. Und Estland, flächenmäßig etwa so groß wie Niedersachen, hat sogar knapp 3.000 Kilometer Küste. Darin eingerechnet sind allerdings tausende Inseln, von denen die allerwenigsten bewohnt werden. Ohnehin zählen die drei Staaten zu den am wenigsten besiedelten Regionen Europas, mit viel unberührter Natur, aber auch mit attraktiven, quirligen Hauptstädten, die vor allem bei Individualtouristen beliebt sind.

Hoffnungsträger Individualreisende

Die Alleinreisenden sind daher die Hoffnung der Touristenbranche im erneuten Krisenjahr 2022. Und tatsächlich sieht es so aus, als könnten sie die Lücke, die die ausbleibenden Pauschalreisenden gerissen haben, zumindest ein wenig schließen: "Wenn man auf die Hotels- und Übernachtungsmöglichkeiten hier in Litauen schaut, sieht man, dass viele dennoch recht gut gebucht sind – vor allem von Individualtouristen", sagt Olga Gončarova von "Lithuania Travel".

Das Schwarzhäupterhaus in Riga
Vor Corona ein beliebtes Reiseziel: die lettische Hauptstadt Riga. Bildrechte: Markus Nowak

Auch Fremdenführerin Violeta bestätigt diese Beobachtung: "Die Menschen haben die Art und Weise geändert, wie sie reisen", sagt sie. Zwar habe sie nach dem Beginn des Krieges in der Ukraine mehrere Wochen keine Stadtbesichtigungen angeboten, die Nachfrage war nicht da. Inzwischen sind aber wieder genug Reisende unterwegs, dass Violeta ihre Free-Walking-Touren, an denen man spontan teilnimmt und mit einem Trinkgeld zahlt, zwei Mal täglich anbietet: "Jetzt im Sommer wollen die Menschen irgendwohin, wenigstens für paar Tage."

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | MDR aktuell | 16. Juli 2022 | 07:15 Uhr

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