Vierte Corona-Welle bricht alle Rekorde Rumänien: Die Pandemie der Ungeimpften

Rumänien verzeichnet aktuell einen starken Zuwachs von Corona-Neuinfektionen. Alle Intensivstationen sind bis auf den letzten Platz belegt. Die vierte Corona-Welle könnte in Rumänien zu einer Pandemie der Ungeimpften werden, denn das Land gehört bei der Impfquote gegen das Coronavirus zu den Schlusslichtern in der EU. Wegen der hohen Fallzahlen hatte das Robert Koch-Institut das Land Anfang Oktober als Hochrisikogebiet eingestuft.

Eine im weißen Schutzanzug gekleidete Frau steht am Fenster und schaut nach draußen
Eine im weißen Schutzanzug gekleidete Frau steht am Fenster eines Krankenhauses in Bukarest. Bildrechte: dpa

Hausarzt Gindrovel Dumitra hat in diesen Tagen Covid-19-Patienten, die sich weigern, trotz akuter Erkrankung in ein Krankenhaus eingewiesen zu werden: "Sie haben Angst, auf den voll ausgelasteten Intensivstationen nicht richtig versorgt zu werden und bleiben deshalb lieber zu Hause." Der 52-jährige Arzt Dumitra aus der 9.000-Seelen-Gemeinde Sadova im Süden Rumäniens kann darüber nur den Kopf schütteln: "Das wird zu mehr Toten führen, schon jetzt gerät die Lage außer Kontrolle."

Bukarest einer der Hotspots Europa

Rumänien verzeichnet einen spürbaren Anstieg von Corona-Neuinfektionen und neue Höchstzahlen seit Februar 2020, als der erste Corona-Fall im Land bekannt wurde. Die Hauptstadt Bukarest gehört mit einer Sieben-Tage-Inzidenz von 1.094 derzeit zu den Hotspots in Europa (Stand Freitag, 22. Oktober 2021).

Das wird wohl vorerst auch so bleiben, zumindest geht davon der rumänische Gesundheitsministers Attila Cseke aus. Erst vor Tagen sagte er, dass wohl noch lange nicht das Finale dieser vierten Welle erreicht sei. Nach Angaben des Nationalen Gesundheitsamts kursiert im Land inzwischen vorrangig die Delta-Variante, die als deutlich ansteckender und leichter übertragbar gilt als die vorherigen SARS-CoV-2-Virusvarianten. "Zudem hat die Regierung im Sommer eine Euphorie verbreitet, dass die Pandemie vorbei sei, die sich nun bitter rächt", meint Hausarzt Dumitra.

Mann im Arztkittel telefoniert - Der rumänische Hausarzt Gindrovel Dumitra
Hausarzt Gindrovel Dumitra impft seit Monaten seine Patienten in seiner Praxis in Sadova, er leistet viel Überzeugungsarbeit. Bildrechte: Annett Müller-Heinze/MDR

Ein Sommer der Unbeschwerten

In der Tat war es für viele Menschen ein unbeschwerter Sommer angesichts verschwindend geringer Infektionszahlen. An der Schwarzmeerküste genossen einheimische Touristen unbekümmert ihren Urlaub. Im September durfte im siebenbürgischen Klausenburg-Napoca eines der europaweit größten Pop-Festivals stattfinden: Rund 65.000 Zuschauer waren zum Untold-Festival zugelassen, die ausgelassen und dicht gedrängt feierten – Bilder, die man schon lange nicht mehr gesehen hatte. Immerhin sollten die Besucher einen Impf- oder Testnachweis beim Eintritt vorlegen.

Jubelnde Menschenmasse bei einem Konzert
Jubelnde Menschenmasse beim Untold-Festival am 11. September in Cluj-Napoca. Bildrechte: imago images/NurPhoto

Gestürzter Regierungschef Citu

Auch die national-liberale Regierungspartei PNL trug am letzten Septemberwochenende noch unbeirrt eine Großveranstaltung aus, trotz bereits deutlich steigender Fallzahlen. Etwa 5.000 Parteifunktionäre waren zur Kampfabstimmung über den Parteivorsitz gekommen, die Premierminister Florin Citu für sich entscheiden konnte. Genützt hat es ihm wenig. Nach Intrigen und fehlenden Reformen wurde seine Minderheitsregierung Anfang Oktober von der Opposition im Parlament gestürzt. Nun ist Rumänien auf der Suche nach einer neuen Regierung, ausgerechnet jetzt, wo es seine schwerste Gesundheitskrise erlebt.

Schlusslichter in der EU-weiten Impfkampagne

Auch der Nachbar Bulgarien meldet gerade steigende Infektionszahlen – beide osteuropäischen Staaten sind bei den Corona-Schutzimpfungen die Schlusslichter in der EU.

Ein mobiles Impfteam impft im Juni Rentner in der südrumänischen Gemeinde Bratovoesti.
Ein mobiles Impfteam impft im Juni Rentner in der südrumänischen Gemeinde Bratovoesti. Bildrechte: MDR/Annett Müller-Heinze

Einen Teil ihrer Impfstoffe von Biontech, Moderna, Astrazeneca und Johnson & Johnson haben sie inzwischen gespendet oder weiterverkauft, um sie vor dem Verfall zu retten. In Bulgarien sind bislang gut 20 Prozent der Bevölkerung vollständig geimpft.

In Rumänien waren es dagegen Ende Oktober rund rund 30 Prozent. Das sind zwar deutlich mehr als im Nachbarland, aber weit unter dem, was die rumänische Regierung zu Jahresbeginn als Ziel ausgegeben hatte. Sie wollte bis September gut die Hälfte der Bevölkerung erreichen und ist damit sang- und klanglos gescheitert. Gründe für den Misserfolg der Impfkampagne gibt es viele:

  • Das Vertrauen in den Staat ist in Rumänien verschwindend gering. Eine Mehrheit der Wählerinnen und Wähler beklagt, dass es viele Versprechen gebe, aber nur wenige umgesetzt würden – ganz gleich, welche politische Kraft regiert.
  • Es gibt für Erwachsene keine Tradition einer Gesundheitsvorsorge, die von Staat oder Krankenkasse als Präventivmaßnahme finanziert wird und zu der auch Impfungen gehören.
  • Priester der Rumänisch-Orthodoxen Kirche gelten vor allem in Dörfern vielen noch als Vertrauensperson. Doch ein Großteil sprechen sich öffentlich oder im Kirchenraum gegen Impfungen aus.

Ein OP-Saal in einem rumänischen Krankenhaus. Die Aufnahme stammt von 2015
Ein OP-Saal im Krankenhaus von Călărași im Süden des Landes. Die Aufnahme stammt von 2015. Bildrechte: MDR/Annett Müller

Kollaps des Gesundheitssystems droht

Rumänien erlebt in dieser Corona-Welle etwas, was das Land unbedingt vermeiden wollte: eines Kollaps des staatlichen Gesundheitssystems, das chronisch unterfinanziert und von einem massiven Ärztemangel geprägt ist und damit eh stark geschwächt ist. Zudem ist in vielen Krankenhäusern die Infrastruktur völlig marode. Kurzschlüsse und falsche Belüftungen lösten auf mehreren Intensivstationen zuletzt Feuer aus, Covid-19-Patienten starben in den Flammen. Anfang Oktober war es in einem Krankenhaus zum dritten schweren Brandunglück innerhalb eines Jahres gekommen.

Ende Oktober waren alle Intensivbetten belegt, Ärzte berichten von apokalyptischen Zuständen, weil neben Intensivbetten, Beatmungsgeräte fehlen, Medikamente und vor allem Personal. Wegen der dramatischen Zustände in den staatlichen Krankenhäusern hat Rumänien derzeit (Stand Ende Oktober) die höchsten Covid-19-Todeszahlen weltweit.

"Die Arbeit ist deprimierend"

Die Stimme von Intensivmediziner Radu Tincu klingt müde am Telefon. Er betreut im Notfallkrankenhaus Floreascu in Bukarest seit vorigem Jahr Covid-19-Patienten. "Es gibt nicht ein staatliches Krankenhaus in Rumänien, das seine ausgeschriebenen Stellen auch alle besetzen kann", sagt Tincu. Tausende Ärztinnen und Ärzte sind seit den 1990er-Jahren ausgewandert, weil sie im Westen mehr Geld verdienen können, oft bessere Karrierechancen und eine modernere medizinische Ausrüstung haben. Für die in der Heimat Gebliebenen heißt das deutlich mehr Arbeit, die sich in der Pandemie noch einmal gesteigert hat. Die rumänische Regierung ließ deshalb im vorigen Jahr das Einstellungsverfahren in staatlichen Krankenhäusern vereinfachen, um schneller Nachwuchs zu rekrutieren. "Einige Neuankömmlinge haben nach zwei, drei Tagen gleich den Dienst quittiert, weil sie den Stress und die Anspannung auf einer Intensivstation gar nicht ausgehalten haben", sagt Tincu.

Mann im Arztkittel - Der rumänische Intensivmediziner Radu Tincu
Der rumänische Intensivmediziner Radu Tincu Bildrechte: Radu Tincu/MDR

Schichtwechsel alle vier Stunden

Aufwendig eingepackt in Schutzanzügen löst sich das medizinische Personal auf der Intensivstation alle vier Stunden ab. "Wir sind inzwischen nicht nur physisch erschöpft, sondern auch psychisch. Die hohe Todesrate bei Covid-19 Patienten geht nicht spurlos an einem vorbei. Im Gegenteil, sie deprimiert einen auf Dauer", erzählt der 39-jährige Arzt. Er hatte auf eine hohe Impfquote im Land gehofft, da die Corona-Schutzimpfungen schließlich einen schweren Krankheitsverlauf verhindern können. Stattdessen kämpft Tincu jetzt um das Leben von Covid-19-Patienten, seit die Fallzahlen im Land wieder dramatisch steigen. Fast alle, sagt er, seien nicht geimpft.

Ein Mann an einem Beatmungsgerät im Krankenhaus in Rumänien
Ein Mann an einem Beatmungsgerät im Krankenhaus in Rumänien. Bildrechte: dpa

Alle vier Minuten ein Toter

Die rumänische Presse erinnerte dieser Tage an die blutige Revolution von 1989, bei gut 1.000 Menschen starben. Das tödliche Ausmaß der Corona-Pandemie sei weitaus schlimmer. Alle vier Minuten sterbe gerade in Rumänien ein Patient an den Folgen einer Corona-Erkrankung. Ein Ende des Dramas ist vorerst nicht abzusehen. Doch eines lässt sich in diesen Tagen auch vermelden: Die Zahl der Impfwilligen steigt jetzt wieder deutlich an.

Erstveröffentlichung: 2. Oktober 2021/Update 22. Oktober 2021

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 01. Oktober 2021 | 11:30 Uhr

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