Unter der Lupe – die politische Kolumne Russland, Putin und wir

Tim Herden, ARD-Hauptstadtkorrespondent Berlin.
Bildrechte: Tanja Schnitzler

Die Welt ist in Schockstarre. Einen Krieg Putins gegen die Ukraine hatten wir trotz der Bedrohung nicht erwartet. Gerade auch wir Ostdeutschen hatten lange eine besondere Beziehung zu Russland. Nun müssen wir unsere Naivität teuer bezahlen.

Polizeibeamte halten nach Russlands Angriff auf die Ukraine eine Demonstrantin mit einem Plakat fest, auf dem "Ich bin gegen den Krieg" steht.
"Ich bin gegen den Krieg" steht auf ihrem Schild: Russische Polizeibeamte führen eine Demonstrantin ab, die gegen Russlands Invasion der Ukraine demonstriert. Bildrechte: dpa

"Meinst du, die Russen wollen Krieg?" Diese Gedichtzeile Jewgeni Jewtuschenkos ging mir in den letzten Wochen immer wieder durch den Kopf bei den Nachrichten von der Grenze zwischen der Ukraine und Russland. Nein, dachte ich. Die Russen wollen keinen Krieg. Nun hat sie Putin beantwortet: Er will Krieg!

Putin wurde lange von vielen Ostdeutschen nicht als Kriegstreiber gesehen

Seine letzten, fast wirklichkeitsfremden Auftritte ähneln denen eines Zaren, der in einer Parallelwelt lebt. Manchmal fühle ich mich bei seinen Reden an die "bad guys" aus James-Bond-Filmen erinnert. Doch das war Fiktion. Putin ist real. Niemand weiß, wo die Machtträume des russischen Präsidenten enden.

Das erschreckt auch viele Ostdeutsche meiner Generation. Zwei Tage vor der Invasion veröffentlichte unser Meinungsbarometer "MDRfragt" Zahlen zur Haltung der Mitteldeutschen zum Russland-Ukraine-Konflikt mit überraschenden Ergebnissen. Nur 47 Prozent der 35.000 Befragten meinten, dass Putin eine Gefahr für den Frieden darstelle. 51 Prozent nicht. Vielmehr wurde US-Präsident Biden als größeres Risiko angesehen mit 61 Prozent. Für 39 Prozent waren die USA verantwortlich für die Eskalation, für 35 Prozent Russland. Die Umfrage erfolgte wohlgemerkt vor dem Kriegsausbruch.

Gerade in meiner Generation der über 50-Jährigen wurde in Putin keine Gefahr für den Frieden gesehen, trotz der zunehmenden Spannungen und der greifbaren Kriegsgefahr. Ich habe mir dann die Fragen selbst gestellt. Für mich war Putin schon eine Gefahr für den Frieden. Bei jeder Begegnung mit den vielen Gipfeltreffen war er immer unzugänglicher für Kompromisse geworden, blitzten immer wieder merkwürdige Weltsichten auf. Zugleich hätte ich mir, wohlgemerkt bis zu diesem Zeitpunkt, mehr Zurückhaltung von Biden gewünscht. Auch bei der Schuldfrage für die Eskalation hätte bei mir Russland vorn gelegen. Aber für mich waren Europa und die USA in den letzten Jahren zu taub gegenüber der wachsenden Gefahr.

Russlandbild durch Vergangenheit und Gorbatschow geprägt

Unter der Lupe: Tim Herden
In der Kolumne "Unter der Lupe" analysiert Tim Herden das politische Tagesgeschehen. Bildrechte: MDR

Auch ich war naiv, was Putin betrifft. Auch ich war ein "Russlandversteher", weil mich in meiner DDR-Vergangenheit das Verhältnis zu Russland oder damals noch der Sowjetunion anders geprägt hat als ein Kind in Westdeutschland. Da lösten zum einen die sogenannten Freunde in mir Unbehagen aus, entweder versteckt in ihren riesigen Kasernen hinter hohen mausgrauen Mauern oder auf der Straße mit den langen Kolonnen mit Panzern und Transportern. Zum anderen blieb von den vielen Filmen und Schullektüren über den Sieg und Blutzoll der sowjetischen Armee auch etwas hängen, ein Mitgefühl mit dem Land im Osten.

Dann tauchte plötzlich wie aus dem Nichts Gorbatschow auf. Er zerstörte das Potemkin'sche Dorf des erfolgreichen Aufbaus des Sozialismus nicht nur in seinem Land, sondern auch in der DDR. Aber vor allem hat er uns DDR-Bürgern die Freiheit geschenkt. Er ließ keine Panzer rollen, als die Mauer fiel. Dafür sind ihm Ostdeutsche meiner Generation dankbar. Damit verbunden war auch lange Zeit ein Vertrauensvorschuss für Russland und auch für Putin.

Westen hat Putin nicht ernst genommen – mit fatalen Folgen

Mich ärgerte oft die mangelnde Rücksicht auf das Trauma Russlands durch den Zweiten Weltkrieg mit über 20 Millionen Toten, wenn die NATO immer weiter an die Grenze des Landes heranrückte. Da es von Genscher und Kohl nur mündliche Versprechen für einen Verzicht auf eine Osterweiterung gab, aber keine Verträge, wurden die russischen Bedenken ignoriert. 2001 warb Putin bei seiner Bundestagsrede dafür um mehr Verständnis: "Für unser Land, das ein Jahrhundert der Kriegskatastrophen durchgemacht hat, ist der stabile Frieden auf dem Kontinent das Hauptziel. (…) Wir sprechen von einer Partnerschaft. In Wirklichkeit haben wir aber immer noch nicht gelernt, einander zu vertrauen."

Doch trotz anhaltendem Beifall und dem Erheben der Abgeordneten von den Sitzen wurden Putins Offerte und zugleich seine Warnung nicht gehört. Ein Fehler, wie Friedrich Merz vor kurzem im Bundestag bekannte: "Ich habe diese Rede hier im Parlament miterlebt. (…) Ich bedaure, dass die damalige Bundesregierung unter Gerhard Schröder die Angebote, die Putin gemacht hat, nicht angenommen hat." Für die späte Einsicht werden nicht nur die Ukrainer und russische Soldaten mit ihrem Leben bezahlen. Auch wir. Und nicht nur mit höheren Preisen für Gas und Benzin. Aber jetzt ist nicht die Zeit für Fehlerdiskussionen.

Die jüngeren Generationen der Ostdeutschen, besonders die 16- bis 29-Jährigen, haben Putin und Russland schon lange anders gesehen. In unserer Umfrage von "MDRfragt" vor der Invasion war für fast zwei Drittel Putin ein Kriegstreiber und Russland verantwortlich für die Eskalation. Nach Beginn der Invasion sind es über drei Viertel der Teilnehmer – nun auch in meiner Generation und älter.

Die Jüngeren kennen aus den letzten zwei Jahrzehnten den russischen Präsidenten nur als Diktator, der seinen Machtbereich und selbst gewählte Schutzzone immer mit Gewalt verteidigt. Im Kaukasuskrieg 2008, bei der Annexion der Krim und der Unterstützung der Separatisten in der Ostukraine 2014. Und nun in der Ukraine. Nicht nur ich hatte diesen Krieg nicht erwartet. Ich bin in guter Gesellschaft, denn auch Politiker und Diplomaten haben Putin unterschätzt. Genau das sollte man nach der Erfahrung mit Diktatoren im 20. Jahrhundert nicht tun.   

Wir sind auf neuen kalten Krieg nicht vorbereitet

Nun könnten wir einen neuen Kalten Krieg erleben. Für mich wäre diese Erfahrung nicht neu. Der jüngeren Generation hätte sie erspart bleiben sollen. Wir sind alle mental nicht mehr auf eine permanente Kriegsgefahr vorbereitet. Von unserer Verteidigungsfähigkeit ganz zu schweigen. Frieden und Freiheit waren für uns selbstverständlich. Die Bundeswehr und Landesverteidigung galten als Relikt der Vergangenheit, Wehrdienst zu leisten als "uncool". Und das sehr schnell.

Wir müssen lernen, mit dieser neuen Realität zu leben. Ein neuer Gorbatschow ist nicht in Sicht. Putin wird die Ukraine nicht freigeben, wenn sie überhaupt weiter als Staat existieren darf. Trotz aller Beschwörungen in den letzten Tagen und verhängten Sanktionen, können wir nur hilflos am Rand der Katastrophe zusehen, wie ein Volk um seine Existenz kämpft. Putin hat die alte Frage, ob die Russen Krieg wollen, klar für mich beantwortet: Er will den Krieg! Nicht die Russen!  

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 26. Februar 2022 | 12:00 Uhr

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