Russland Corona: Warum es in Russland so viele Impfskeptiker gibt

Fotomontage Mann vor Fahne
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In Russland hat die langerwartete Corona-Massenimpfung begonnen. Doch die Zweifel in der Bevölkerung bleiben. Teilnehmer der Testphase von Sputnik V stellen ihre Erfahrungen Online.

Wochenlang wurde der Termin immer wieder hinausgezögert. Nun ist es endlich so weit. Gut vier Monate nach der umstrittenen Zulassung des russischen Corona-Impfstoffs Sputnik V ist in Russland die nun mehrfach verschobene Massenimpfung gestartet. Die Regierung verspricht sich davon eine Besserung der Situation, denn in Russland jagt bei den Todes- und Infiziertenzahlen ein Rekord den anderen.

Sergei Sobyanin
Moskaus Bürgermeister Sergei Sobjanin: Alles Nötige stehe bereit für die Corona-Impfung. Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Vor wenigen Tagen gab Präsident Putin den Startschuss mit einer schriftlichen Anordnung. Der Moskauer Bürgermeister Sergej Sobjanin verkündete kurz darauf öffentlichkeitswirksam, dass alles Nötige bereitstehe. Kühlschränke zur Lagerung, Impfstationen in den städtischen Kliniken, Vorräte des Impfstoffs für mehrere Tage. Seit vergangenem Freitag konnten sich die ersten Impfwilligen der Hauptstadt in einer elektronischen Warteschlange einschreiben. Zunächst jedoch sollen vor allem Ärzte, Lehrer und Sozialarbeiter den Impfstoff bekommen: Erst in Moskau und in wenigen Tagen auch in ganz Russland. Der Vorrat von Sputnik V belaufe sich derzeit auf zwei Millionen Dosen.

Imfdosen werden aus einem Gefrierschrank entnommen.
Impfdosen in einem Kühlschrank in einer russischen Klinik. Bildrechte: imago images/Xinhua

Große Skepsis in der Bevölkerung

Doch wie groß der Ansturm auf den lang erwarteten Impfstoff sein wird, bleibt fraglich. Umfragen des unabhängigen Levada-Insituts Ende Oktober zeigten, dass nur etwa 40 Prozent der Russen zu einer Impfung bereit waren. Wichtigster Kritikpunkt der Skeptiker: Die entscheidende dritte Testphase mit 40.000 Freiwilligen ist noch in vollem Gange. Dennoch hatten die Macher des Impfstoffs im November anhand bisheriger Ergebnisse eine Wirksamkeit des Impfstoffs von 95 Prozent gemeldet. Der russische Branchenverband von Organisationen für klinische Studien kritisierte diesen Schritt als vorschnell. Misstrauen sei damit nur noch weiter geschürt worden.

Wladimir Rusetzki mit Frau
Testete den Corona-Impfstoff: Wladimir Rusetzki gemeinsam mit seiner Frau Bildrechte: Wladimir Rusetzki

Einer der die Impfung als Freiwilliger bereits hinter sich hat, heißt Wladimir Rusetzkij. Vor einigen Monaten setzte sich der Programmierer aus Omsk mit seiner Frau in einen Flieger nach Moskau, um sich für die Sputnik-V-Studie impfen zu lassen. "Als IT-Spezialist hat mich beeindruckt wie gut alles geplant war, wir hatten zwei Apps fürs Smartphone bekommen, wo wir eine Art Tagebuch führten und uns immer direkt mit Ärzten der Studie in Verbindungen setzten konnten", sagt Rusetzkij. Einige Wochen später dann die Gewissheit: In einem Labor in Omsk zeigte ein Test, dass in seinem Blut nun tatsächlich reichlich Antikörper gegen das gefährliche Spike-Einweiß des Coronavirus vorhanden waren. "Ich trage zwar noch immer eine Maske und nutze Desinfektionsmittel, psychologisch war das jedoch eine große Erleichterung, vor allem weil ich nun für meine Verwandten keine Gefahr mehr bin", sagt Rusetzkij.

Aufklärung per Telegram-Chat

Was ihn heute persönlich noch mehr umtreibt als die Pandemie, ist die Impfskepsis in der Bevölkerung. "Es gibt enorm viele Menschen, die noch immer glauben, man könne sich durch die Impfung mit Corona anstecken oder größere Nebenwirkungen bekommen", erklärt Rusezki. Um für mehr Transparenz und Aufklärung zu sorgen, gründete der Russe einen Chat im Massenger-Dienst Telegram, wo Studienteilnehmer sich miteinander austauschen, Fragen zum konkreten Ablauf der Studie beantworten und Testergebnisse angeben. "Die meisten hatten sich schon aus purer Neugier privat testen lassen." Für die offiziellen Ergebnisse der Studie müssten die Probanden bis Mai warten. Später kam die Idee, diese inoffiziellen Ergebnisse zu systematisieren und in Tabellen zusammenzufassen.

Screenshot Telegram-Chat von Testern des russischen Corona-Impfstoffs
Telegram-Chat von Testern des neuen Corona-Impfstoffss Bildrechte: https://t.me/covid_dobrovolec

Vor allem in den sozialen Medien sorgte die Idee für Furore, denn entgegen großer öffentlicher Zweifel an der Wirksamkeit von Sputnik V zeigten die in privaten Labors durchgeführten Tests mehrheitlich positive Ergebnisse bei der Bildung von Antikörpern. "Wir haben natürlich keinen Anspruch auf Wissenschaftlichkeit", gibt Rusetzkij zu. Auch die Hersteller des Impfstoffs und die Wissenschaftler hinter der offiziellen Studie haben diese Art von Amateur-Studie nicht kommentiert.

Mehrheit bildet Antikörper

"Wir können aber anhand unserer Daten feststellen, dass die Anzahl der Antikörper wie geplant etwa 40 Tage nach der Impfung ein Maximum erreicht", so Rusetzkij. Insgesamt zeigten etwa 75 Prozent der aktuell knapp 400 eingereichten Tests ein Anspringen des Immunsystems nach der Impfung. Das deckt sich mit den offiziellen Angaben, demnach etwa ein Viertel der Probanden ein Placebo erhält.

Natürlich ist die Anzahl der Testergebnisse, die auf Telegram präsentiert werden, verglichen mit dem Maßstab der offiziellen Studie gering. Zudem können nicht alle eigereichten Tests vollständig geprüft werden. Fakes und Manipulationen ließen sich jedoch mehrheitlich aussortieren, so der Chat-Gründer. Zum einen sei an der Art der Antikörper aus den Tests ersichtlich, ob diese nach einer Erkrankung oder nach der Impfung entstanden sind. Zum anderen würden nur schriftliche Labortests berücksichtigt. "Fake-Ergebnisse würden schnell aufliegen, weil die Anzahl der Antikörper nach unserer kleinen Untersuchung stark von der Zeit abhängt, die nach der Impfung vergangen ist", versichert Rusetzkij. Es gäbe einfach zu viele Faktoren, die jemand berücksichtigen müsste, um glaubhaft zu fälschen.

Eine Ampulle des russischen Impfstoffes Sputnik V, daneben eine Verpackungsschachtel mit russischer Schrift.
Eine Ampulle des russischen Impfstoffes Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

Bis heute gibt es in dem Chat 2.000 aktive Teilnehmer. Zehntausende Lesen einfach mit, ohne der Gruppe beizutreten. Für einen Wechsel in der öffentlichen Meinung reicht dies jedoch noch lange nicht.

"Ich habe manchmal das Gefühl, es gäbe zwei parallele Welten", sagt Rusetzkij. "Die eine ist unser Chat, wo wir viele Informationen gesammelt haben, und die andere ist die reale Welt, wo die Angst noch immer regiert", erklärt der Programmierer. Für sich selbst hat der IT-Fachmann die Schlussfolgerung gezogen, "dass ein Impfstoff helfen kann". Zumindest unter den Chat-Teilnehmer habe sich noch niemand nach einer Impfung angesteckt." Überprüfen lässt sich das natürlich nicht so ohne Weiteres. So bleiben doch Zweifel.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL TV | 23. Oktober 2020 | 20:45 Uhr

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