Tschechien Jung, liberal und EU-skeptisch

Marek Šoška ist Jura-Student und Kommunalpolitiker, liberal und EU-skeptisch. Er würde gern raus aus der Europäischen Union, doch stört ihn, dass unter den EU-Kritikern die Populisten den Ton angeben.

Marek Šoška sitzt im Stadtrat von Ladná. Mit seinen 21 Jahren ist er der jüngste Ratsherr in dem 1.300-Einwohner-Ort nahe der Autobahn von Břeclav nach Brno. Und er steht vor einem Dilemma. Ladná sei eine der letzten Gemeinden in Tschechien, die noch keine Kläranlage hätten, erklärt er: "Das ist für unsere Gemeinde ein großes Projekt, weil das viele Millionen kostet – das beschäftigt uns zur Zeit."

EU-Skeptiker im Dilemma

Junger Mann mit Brille sitzt auf einer Couch und schaut in die Kamera
Marek Šoška im Büro seiner Partei Svobodní Bildrechte: Kilian Kirchgeßner

Das Dilemma ist nun Folgendes: Das Geld kommt zu großen Teilen von der EU – und die sieht Marek Šoška kritisch. Er ist bei einer Partei aktiv, die Svobodní heißt – zu Deutsch "die Freiheitlichen" – und die ist dezidiert europaskeptisch. Kann man also Geld von der Union nehmen, obwohl man eigentlich gegen sie ist? Šoška hört diese Frage nicht zum ersten Mal; mit seinen Parteifreunden, sagt er, habe er intensiv darüber nachgedacht:

Ich finde: Das Geld der EU ist ja teilweise aus unseren Steuern finanziert, und wir haben keine andere Möglichkeit, das Geld zurückzukriegen.

Marek Šoška

Natürlich, so sagt er, wäre es einfacher, wenn es die EU-Subventionen nicht gäbe und man dadurch von vornherein mehr Geld in der Kasse hätte.

Liberal und für den Austritt aus der EU

Marek Šoška studiert Jura, er trägt ein legeres Sakko und hat ein freundliches Lächeln. Die Svobodní sind eine liberale Partei, die einen schlanken Staat fordert – ein Projekt vor allem von Intellektuellen. Die Abschnitte zur EU gehören in ihrem Parteiprogramm zu den ausgefeiltesten Kapiteln. Der Tenor: Sie wollen ein Referendum über den Austritt Tschechiens aus der EU.

Uns stört die Europäische Union nicht an und für sich – aber wir wollen zurück zu den Grundsätzen, die sie regeln soll.

Marek Šoška

Šoška zählt die Grundsätze auf: "die Freizügigkeit von Menschen, Arbeitskräften, Kapital und Besitz." Und er fügt hinzu: "Aber wir wollen nicht, dass sie uns mit Regularien überzieht. Im letzten Jahr zum Beispiel habe ich eine Informationsveranstaltung zur Datenschutzverordnung organisiert, da sind 100 Unternehmer zusammengekommen, die keine Ahnung hatten, wie sie das Thema angehen sollen. Niemand hatte vorher den Eindruck, dass es ein Problem mit dem Datenschutz gibt – aber seither haben die Firmen ein Problem mit der Datenschutz-Regelung."

Generation Europa

Innenstadtaufnahme von Brno mit einer schwarzen Säule im Mittelpunkt und einer Straßenbahn, die durch eine Fußgängerzone fährt
Die Säule auf dem Freiheitsplatz im nahen Brno ist keine Rakete, mit der die Freiheitlichen aus der EU fliegen wollen. Sie ist eine Uhr, soll eine Patrone darstellen und an das Ende der schwedischen Belagerung im Dreißigjährigen Krieg erinnern. Bildrechte: Kilian Kirchgeßner

Marek Šoška gehört zu der Generation von Tschechen, die mit der Europäischen Union aufgewachsen sind: Als das Land 2004 der EU beitrat, war er sechs Jahre alt: "Ich erinnere mich", sagte er, "dass ich als Kind einmal mit meinen Eltern nach Kroatien gefahren bin und wir bei der Einreise warten mussten. Ansonsten habe ich Grenzen nie erlebt: Wir waren oft mit dem Fahrrad in Österreich, das ist ja bei uns um die Ecke, oder zum Schwimmen in der Slowakei – da gab es schon quasi keine Grenze mehr."

Šoška will Kritik an EU nicht den Populisten überlassen

Am Schengen-Raum will Marek Šoška deshalb auch festhalten – aber dafür, sagt er, sei ja eine Mitgliedschaft in der EU nicht zwingend nötig. Und: Die West-Orientierung seines Landes sei für ihn unbestreitbar – Tschechien gehöre in den Westen und nicht in den russischen Einflussbereich, wie es sich manche EU-Kritiker im Land wünschen. Ohnehin stört ihn die tschechische Debatte über die Union, in der Populisten den Ton angeben. Besonders gegen die Rechtsextremen grenzt er sich ab. Sobald deren Chef etwas sage, sei er intuitiv dagegen, meint er.

Und dann fängt er an, die EU zu kritisieren – und ich denke mir, da stimmt irgendwas nicht, wenn wir in diesem Punkt der gleichen Meinung sind. Die Populisten kritisieren die EU mit billigen Parolen.

Marek Šoška

Diese oberflächliche Stimmungsmache, fürchtet Šoška, könnte die ernstgemeinten Einwände übertönen, die er und seine Parteifreunde gegen die Europäische Union haben.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 23. April 2019 | 09:00 Uhr