Auf der Schiene Ukrainische Bahn: Zuverlässig sogar im Krieg

Mann vor Flagge
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Trotz der russischen Angriffe auf Energie- und Bahninfrastruktur schafft es die Ukrainische Bahn, zuverlässig und oft sogar erstaunlich pünktlich zu sein. Auch die Deutsche Bahn hat ihren Beitrag geleistet.

Zwei Frauen stehen an einem Bahnsteig und lächeln.
Der erste Zug von Kiew seit Beginn der russischen Großinvasion in der Ukraine erreichte die befreite Stadt Cherson am 19. November. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Wire

"Ich habe heute den 'Plan B' für die Dieselloks überprüft – Dampfloks." Das twitterte kürzlich mit einem Augenzwinkern der Chef der Ukrainischen Bahn Oleksandr Kamyschin nebst Selfie vor einer GR 280-Dampflok und Videos aus dem Maschinenraum. Dampflokomotiven fahren in der Ukraine normalerweise nur noch zu Vergnügungszwecken auf ein paar wenigen Kilometern Schmalspurgleisen. Der eigentliche "Plan B" rollt derweil schon in Gestalt von Diesellokomotiven. Denn im Moment leidet auch die Ukrainische Bahn wie das gesamte Land unter den gezielten russischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur. Die Umstände, unter denen der Bahnverkehr aufrechterhalten wird, sind auch neun Monate nach Kriegsbeginn extrem widrig.

Allein zu Beginn vergangener Woche hat Russland an einem Tag mehr als 90 Raketen auf die Energieinfrastruktur geschossen: der massivste Angriff dieser Art und einer der größten Raketenangriffe überhaupt seit Kriegsbeginn. Die schwierige Situation hat man bei Ukrsalisnyzja, der ukrainischen Eisenbahngesellschaft, gut gemeistert: Zwar hatten mehr als sieben Züge eine Verspätung von mehr als einer Stunde, doch der schnelle und gut vorbereitete Einsatz von Diesellokomotiven half, den Bahnbetrieb aufrecht zu erhalten. Dass "Plan B" zu den Elektroloks so gut greift, liegt daran, dass die Bahn zwischen 2019 und 2020 40 Dieselloks aus den USA eingekauft hat – ein Deal, dessen zukünftige Bedeutung damals noch niemand erahnen konnte.

Zugverkehr ins befreite Cherson rollt wieder

Nicht zuletzt deshalb gelingt es immer wieder Eisenbahnverbindungen in Betrieb zu nehmen, die wegen des Krieges unterbrochen waren. So fuhren seit Kriegsbeginn am 24. Februar keine Züge mehr nach Cherson, die strategisch wichtige Stadt im Süden der Ukraine wurde in den ersten Kriegstagen von russischen Truppen eingenommen. Etwas mehr als eine Woche nach dem Rückzug der russischen Truppen erreichten bereits am 19. November die ersten Bahnreisenden aus Kiew Cherson mit dem "Zug des Sieges", dessen Wagen ukrainische Künstler in bunten Farben angemalt hatten. Auch die nahe gelegene Großstadt Mykolajiw ist seit dem russischen Truppenrückzug im November erstmals seit Kriegsbeginn wieder per Zug aus Kiew erreichbar.

Ein ukrainischer Soldat verabschiedet sich von seiner Frau am Fenster eines Waggons des Evakuierungszuges vom Bahnhof Kramatorsk
Ein ukrainischer Soldat verabschiedet sich von seiner Frau an einem Evakuierungszug am Bahnhof Kramatorsk (März 2022). Bildrechte: dpa

Wiederaufgenommene Zugverbindungen sind im Moment von enormer Bedeutung, denn nach der russischen Invasion und dem Wegfall aller Flugverbindungen ist die Bahn zum wichtigsten Transportmittel der Ukraine geworden. Noch am 24. Februar hat die Eisenbahngesellschaft erste kostenlose Evakierungszüge von der Nähe der Frontlinie aus organisiert. Während diese Züge verständlicherweise anfangs hoffnungslos überfüllt waren und rund 80 Prozent von ihnen mit Verspätung am Ziel ankamen, hat die Ukrainische Bahn unter extrem schweren Bedingungen die Lage schnell stabilisiert und noch bis zum 20. März kostenlose Evakuierungsfahrten angeboten. Mehr als vier Millionen Menschen konnten in der gesamten Kriegszeit bisher dank der Bahn in relative Sicherheit gebracht werden.

Eisenbahninfrastruktur als Angriffsziel

Weil die Eisenbahn immens wichtig für die Versorgung und den Transport der ukrainischen Armee ist und eine große Rolle für die westlichen Waffenlieferungen spielt, gerät sie ebenso wie militärische Objekte immer wieder ins Fadenkreuz der russischen Angreifer. Und so wurde schon im Frühjahr die Bahninfrastruktur vor allem in der Westukraine gezielt angegriffen. Allerdings wenig erfolgreich. Dennoch sind mehr als 300 von insgesamt 250.000 Mitarbeitern der Ukrainischen Bahn seit Februar in der Folge des russischen Angriffskrieges ums Leben gekommen.

Heißt das aber, dass die Reisen mit dem Zug gefährlich sind? "Im Prinzip kann überall etwas einschlagen, auch in einem Café um die Ecke der eigenen Wohnung", teilt die Bahn ihren Passagieren mit. "Ein Zug ist jedoch ein deutlich schwierigeres Ziel, weil er sich bewegt. Außerdem wird er wird von gut ausgebildeten Menschen geführt." Die Bahnhöfe sind überdies meist mit Luftschutzkellern und unterirdischen Gängen zu den Zügen sowie mit Unterkünften und Verpflegungspunkten ausgestattet – für den Fall, dass Reisende während der nächtlichen Ausgangssperre an ihrem Ziel ankommen. In Kiew beispielsweise dauert diese von 23 bis 5 Uhr.

Fahrgäste laden ihr Gepäck aus, als sie mit dem ersten Zug aus Kiew in die von russischen Besatzern befreiten südukrainischen Stadt Cherson ankommen.
Reisende steigen in Cherson aus dem "Zug des Sieges" aus. Am 19. November kam dieser erste Zug aus Kiew seit dem 24. Februar in Cherson an. Bildrechte: dpa

Insgesamt kann die Ukrainische Bahn inzwischen trotz des Krieges auf die stolze Quote von rund 90 Prozent pünktlicher Züge verweisen. Das klappt vor allem deswegen, weil das Unternehmen es meistens schafft, die Schäden an der Infrastruktur schnell zu beseitigen. "Mit der Reparatur beginnen wir gleich nach der Aufhebung eines Luftalarms", sagte Bahn-Chef Oleksandr Kamyschin unlängst bei einem Presseauftritt. "Das betrifft alles: Schienen, Umspannwerke, Brücken. Eine Brücke Richtung Tschernihiw haben wir innerhalb von vier Tagen repariert. Die Eisenbahnbrücke in Irpin nahe Kiew – exakt einem Monat nach der Befreiung."

Begonnene Bahnreform zahlt sich im Krieg aus

Dass die Ukrainische Bahn sich an die Herausforderungen der Kriegszeit so gut angepasst hat, dazu hat auch die Deutschen Bahn (DB) beigetragen. Vor 2019 wurde das Zugfahren zwar von den Ukrainern als bequem und günstig gelobt. Allerdings machte die Bahn im Personenverkehr große Verluste und fiel im Güterverkehr mit merkwürdigen Tarifen für Großunternehmen auf, die auf Korruption hindeuteten. Unter Präsident Wolodymyr Selenskyj begann man dann mit Reformen und wird dabei seit 2020 von der DB unternehmerisch und technisch unterstützt. 

Seit letztem Herbst arbeiten DB-Experten vor Ort in der Ukraine auch an einem fünfjährigen Entwicklungsplan für die Ukrainische Bahn. In diesem Februar wurde nun mit Gebhard Hofer ein ehemaliger hochrangiger DB-Funktionär zum Aufsichtsratsvorsitzender des ukrainischen Staatsunternehmens gewählt. Außerdem hilft die DB Cargo, das Güterverkehrsunternehmen der DB, ukrainisches Getreide in deutsche Seehäfen zu bringen. Der russische Angriffskrieg bedeutet für die Ukrainischen Bahn zwar große finanzielle Verluste. Dass sie ihre Strukturen aber bisher erfolgreich optimiert hat, zeigt, dass die Ukrainische Bahn gerade im Krieg einen "Plan B" hat und effektiv arbeitet.

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 18. November 2022 | 15:10 Uhr

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