Der Redakteur | 25.02.2022 Russlands Medien-Krieg: Wie verlässlich sind die Informationen?

Der Krieg in der Ukraine ist auch ein Medien-Krieg. Russland setzt dabei gezielt mit fragwürdigen bis falschen Behauptungen auf Desinformation. Doch welche Informationen sind verlässlich? Wie erkennt man gefälschte Bilder oder Videos? Und wer berichtet aus den Kriegsgebieten? Unser Redakteur Thomas Becker ist der Sache auf den Grund gegangen.

Was wird in den russischen Medien berichtet?

Im Krieg stirbt die Wahrheit zuerst, heißt es, oft sogar schon früher. Denn verbal hat der Krieg bereits vor Jahren begonnen, sogar noch vor der Krim-Annexion. Dazu gehörte auch, die russische Bevölkerung auf einen "Wissensstand" zu bringen, der letztlich zu einer gewissen Toleranz führt, wenn der Krieg tatsächlich real wird. Schließlich sei es ein westlich unterstütztes Neonazi-Regime, das in der Ukraine herrscht, die russische Minderheit ermordet und dabei ist, sich Atomwaffen zu beschaffen.

Demzufolge muss das ukrainische Volk nun befreit werden, ob es will oder nicht. Prof. Christoph Garstka ist Russland-Experte vom Institut für Russische Kultur an der Ruhr-Uni Bochum und schaut viel russisches Fernsehen. Wie in den Talkshows über den Westen hergezogen wird, das ist für unsere Sehgewohnheiten unvorstellbar. Als die Aktivistin Aljona Katajewa unter Tränen im unabhängigen Internet-TV-Kanal Doschd berichtete, man habe ihr nach ihrer Festnahme eine Plastiktüte über den Kopf gestülpt, damit sie den Zugangscode zu ihren Kontakten und Nachrichten auf dem Smartphone herausgibt, dann hört sich die Geschichte in der Talkshow von Kreml-Propagandist Wladimir Solowjow so an, dass Plastiktüten das beste Mittel seien, um Menschen mit Atemproblemen zu helfen.

Was Solowjow vom Westen hält, das wissen seine Zuschauer, dass er unter anderem Immobilien in Italien besitzt, nicht. Nun findet er sich auf der Sanktionsliste der EU wieder, das ist etwas, das Prof. Christoph Garstka schon vor Wochen gefordert hat, als er im Interview mit MDR THÜRINGEN auch die "Fäkal-Nummer" erzählte, die sich in einer anderen Talkshow abgespielt hat. In der setzte sich ein Gast für den Erhalt der Ukraine ein und sprach sich gegen eine russische Intervention im Osten des Landes aus. Weil das so zu erwarten war, hatte sich der Moderator vorbereitet, sehr zur Freude des Publikums.

Artjom Schejnin hat in einer Polit-Talkshow einen Gast, einen Eimer Fäkalien auf den Tisch gestellt und gesagt: Hier, iss! Das ist russisches Staatsfernsehen.

Prof. Christoph Garstka Institut für Russische Kultur Ruhr-Uni Bochum

Können Bilder und Videos gefälscht sein?

Die Desinformationskampagne seitens der russischen Medien wird jetzt noch verstärkt werden, befürchtet Prof. Dr. Martin Löffelholz vom Lehrstuhl für Medienwissenschaft TU Ilmenau. Das schließt auch ein, dass Bilder und Videos gefälscht werden oder als aktuelle Bilder "verkauft" werden könnten, obwohl sie in einem ganz anderen Kontext entstanden sind.

Das ist auch schon geschehen und es ist angesichts der chaotischen Lage vor Ort sehr aufwendig herauszufinden, ob vermeintliche Augenzeugenvideos tatsächlich den aktuellen Konflikt abbilden. Und natürlich wird auch die ukrainische Seite mit allen Mitteln arbeiten, um sich Vorteile zu verschaffen.

Das heißt, Journalisten müssen noch sorgfältiger als sonst, Bilder und eingehende Informationen auf ihren Wahrheitsgehalt prüfen.

Prof. Martin Löffelholz, Lehrstuhl für Medienwissenschaft an der TU Ilmenau

Dazu gehört auch, offen zu legen, dass viele Informationen mit einer gewissen Unsicherheit behaftet sind, so Prof. Löffelholz. Haben sich russischen Soldaten, wie berichtet wurde, tatsächlich in ukrainischen Uniformen und Lkw der Hauptstadt Kiew genähert? Wenn nicht, wer profitiert von dieser Geschichte? Wie lässt sich das feststellen?

Wie erkennt man gefälschte Bilder und Videos?

Indem man sich zum Beispiel das Material Bild für Bild anschaut. Vielleicht gibt es Auffälligkeiten an den Fahrzeugen, so wie wiederholt auftauchende identische Kennzeichen an offensichtlich verschiedenen Fahrzeugen schon eine Weile Anlass sind, für genauere Recherchen von Investigativjournalisten.

Und es ist ein aufwendiges Geschäft - unkritisches und ungeprüftes Weiterleiten ist einfacher. Wer war es, der einen Kindergarten beschossen hat beziehungsweise hat das überhaupt stattgefunden und wenn ja, wo? Mühselig durchsuchen in diesen Tagen Redaktionen in der Fülle der Materialien nach Hinweisen, um sich am Ende ein gesichertes Bild machen zu können, das am Ende vielleicht nur ein paar Stunden Bestand hat.

Wurde das Material retuschiert, gibt es Hinweise auf das Erstelldatum oder Geodaten, sind früher ähnliche oder gar identische Bilder beziehungsweise Personen schon einmal auffällig geworden? Für den Außenstehenden ist es mitunter nicht so leicht erkennbar, ob ein Facebook-Video oder Twitter-Foto echt ist. Aber ein Versuch ist es allemal wert.

Zum Beispiel lässt sich über die Rückwärtssuche von Google Bilder innerhalb von Sekunden feststellen, ob ein Foto schon einmal in einem anderen Zusammenhang veröffentlicht wurde. Dazu das Bild herunterladen, in der Bildersuche auf den kleinen Fotoapparat klicken, das Bild wieder hochladen und … staunen. Auch Amnesty international bietet für Youtube-Videos ein Tool an, das die Geschichte eines hochgeladenen Videos nachvollziehbar macht.

Wer berichtet eigentlich noch aus der Ukraine?

Die Zahl der unabhängigen Journalisten, die direkt vor Ort sind, ist natürlich überschaubar geworden. Einige wenige Kollegen deutscher Medien sind noch vor Ort. Viele Berichterstatter haben sich und ihre Familien verständlicherweise in Sicherheit gebracht, halten aber Kontakt zu den Menschen vor Ort, die sie kennen.

Also zu jenen, die sie unter normalen Umständen auch befragt hätten. Den Bürgermeister, die Lehrerinnen, Professoren, Sportler oder den Händler um die Ecke. Prof. Martin Löffelholz vom Lehrstuhl für Medienwissenschaft an der TU Ilmenau war früher auch in verschiedenen Kriegs- und Krisenregionen dieser Welt im Einsatz.

Auch "embedded" (zu deutsch: eingebettet), wie wir seit dem Irak-Krieg wissen, also an vorderster Front dabei, aber deshalb eben auch dicht an den Menschen dran. So lange aber die modernen Informationskanäle noch stehen, sollte man heutzutage vielleicht doch auf dieses Risiko verzichten, so Löffelholz. Er rät deshalb ambitionierten Youtubern, Bloggern und Nachwuchsreportern dringend davon ab, ins Kriegsgebiet zu reisen, um vielleicht live und in Farbe für die Follower zu berichten.

Wer die entsprechende Ausbildung und Erfahrung nicht hat, wer die Sprache nicht spricht, kann schnell mit dem eigenen Leben bezahlen.

Prof. Martin Löffelholz, Lehrstuhl für Medienwissenschaft an der TU Ilmenau

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 25. Februar 2022 | 16:40 Uhr

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