Afghanistan Taliban-Regime: Keine Frauenrechte und humanitäre Krise

Sibylle Licht
Bildrechte: ARD/Tagesschau

Im Sommer haben die Taliban die Regierung in Afghanistan übernommen. Seitdem müssen vor allem Frauen unter dem Regime leiden. Besonders die gut Gebildeten unter ihnen bangen um ihren Job. Die Ärmeren leiden unter Hunger.

Eine Frau hält die Afghanische Fahne
Seit der Machtübernahme der Taliban dürfen Frauen in Afghanistan nur noch verschleiert auf die Straße. Bildrechte: IMAGO / ZUMA Press

Die Fernseh-Reporterin Gita Rahimi steht unter immensem Druck. Sie arbeitet noch immer als eine von 18 Journalistinnen beim größten Medienunternehmen Afghanistans, ToloNews, in Kabul. Die militant-islamistischen Taliban haben gerade weitreichende Einschränkungen für Fernsehinhalte verfügt. TV-Sender dürfen keine Filme oder Serien mehr zeigen, in denen Frauen eine Rolle spielen oder die der islamischen Scharia und den "afghanischen Werten" widersprächen.

So lautet eine der Anweisungen des Ministeriums zur Förderung von Tugend und Verhütung des Lasters. Reporterinnen und Moderatorinnen dürfen zwar weiter arbeiten, müssen aber den Hijab tragen.          

"Jeden Tag schränkt man uns mehr ein", sagt die 26-jährige Journalistin Rahimi.

Wir haben nicht mehr die Freiheit, die wir vorher hatten. Noch aber haben wir Mut und machen unsere Arbeit. Aber wenn diese Restriktionen weiter zunehmen, dann werden wir vielleicht aufgeben müssen. Denn wenn wir all ihre Regeln akzeptieren, dann verlieren wir uns, unsere innere Freiheit.

Gita Rahimi Fernseh-Reporterin von ToloNews aus Afghanistan

Nach Rahimis Einschätzung sind immer weniger Frauen in den Medien zu finden. Sie würden von den Taliban beiseite gedrängt, müssten verschwinden. "Sie mögen es nicht, wenn Frauen vor ihnen stehen und mit ihnen reden. Sie sagen zu uns, wenn ihr hier drehen wollt, dann schickt männliche Reporter."

Arbeiten, um zu überleben

Sätze wie diese seien schmerzhaft für eine Journalistin, erklärt Rahimi. "Zu Interviews sollen nur Männer gehen, nur weil sie Männer sind. Wissen Sie, wie das weh tut, wenn ein anderer deinen Job macht?"

Die Fernsehreporterin gibt auch deshalb vorerst nicht auf, weil sie das Geld braucht. Ihre Anstellung ist eine Frage des Überlebens.

Dar-ul-Aman-Palast Ruine, 2006 3 min
Bildrechte: IMAGO / UIG

Schauspielerinnen dürfen nicht in TV-Serien auftreten

Jahantab Darwish hat ihren Job und ihr Einkommen verloren. Sie ist Schauspielerin und trat in TV-Serien auf. Das ist jetzt verboten. Es sei schon vor den Taliban schwierig gewesen, als Schauspielerin Arbeit zu finden, erklärt Darwish.

Auch damals seien viele dagegen gewesen, dass Frauen diesen Beruf ausübten. "Aber jetzt versuchen die Taliban die Stimmen der Frauen in Afghanistan zum Schweigen bringen, indem sie Frauen nicht mehr als Künstlerinnen zulassen."

Beide Frauen gehörten zur neuen jungen, gebildeten und westlich orientierten Mittelstandsschicht Afghanistans. Die ist nun im Begriff, alles zu verlieren. Ihre Zukunft bedeutet Anpassung und sie ist von Armut bedroht. Millionen Afghanen haben seit der Machtübernahme der Taliban im August ihr Einkommen verloren. Die UN-Organisationen  warnen vor einer humanitären Krise.

Taliban verlangen Staatsbankreserven zurück

Gerade hat sich der Regierungschef der Taliban-Übergangsregierung, Mullah Mohammed Hassan Achund, erstmals öffentlich zu Wort gemeldet. Er verlangte die Freigabe der afghanischen Staatsbankreserven von neun Milliarden Dollar, die vor allem in den USA auf Bankkonten eingefroren liegen. Achund behauptet, mit dem Geld könne die schwere Wirtschaftskrise des Landes gelöst werden.

Die internationale Gemeinschaft aber verlangt die Bildung einer inklusiven Regierung, die Frauenrechte achtet. Gerade hat das eine EU-Delegation in Gesprächen mit den Taliban noch einmal klar gemacht.

An der Übergangsregierung in Kabul sind keine Frauen beteiligt. 90 Prozent der Regierungsmitglieder gehören nur einer ethnischen Gruppe an.

UNICEF hilft vor Ort

UNICEF versorgt in der Taliban-Hochburg Kandahar im Süden von Afghanistan Mütter und deren Kinder mit Nahrungsmitteln. Die meisten sind unterernährt.

Frauen verlassen eine Verteilungsstelle des Welternährungsprogramm WFP am Stadtrand mit Lebensmittelrationen.
Die Humanitäre Lage in Afghanistan ist schwierig. Viele Menschen sind auf Lebensmittel von Hilfsorganisationen angewiesen. Bildrechte: picture alliance/dpa/World Food Programm WFP

Mit ihren mobilen Teams ist die Hilfsorganisation auch in den Provinzregionen unterwegs. Viele Gebiete waren Taliban-Gebiet und für UNICEF nicht zugänglich. Jetzt begleiten Taliban-Kämpfer die UNICEF-Teams, um für deren Sicherheit zu sorgen.

Diese humanitäre Hilfe entscheide inzwischen nicht nur in dieser Region über Leben und Tod, so Salam Al-Janabi von UNICEF Afghanistan. "Die Frauen bringen ihre unterernährten Kinder zu unseren Helfern. Sie erzählen, dass ihre Männer oft nur noch einmal in der Woche einen Job finden."

Krieg und Klimawandel

Viele Frauen verzichteten zugunsten ihrer Kinder auf die eigene Mahlzeit. Deshalb könnten sie ihre Säuglinge nicht mehr ernähren. Der jahrzehntelange Krieg, durch Klimawandel verursachte Dürre und die Covid-Pandemie hätten zu der katastrophalen Lage mit beigetragen, so der UNICEF-Sprecher. Die Taliban haben UNICEF aufgefordert, so wie alle UN-Hilfsorganisationen, im Land zu bleiben.

Der Schriftsteller und Investigativ-Journalist Ahmed Rashid aus Pakistan ist einer der weltweit ausgewiesenen Experten, die seit Jahren über Afghanistan berichten. Sein Buch "Taliban" gilt als Standardwerk und wurde in 40 Sprachen übersetzt.

Er mahnt die USA und die Westeuropäer: "Ich habe mich immer dafür eingesetzt, dass der Westen zwischen Nahrungsmittellieferungen und humanitärer Hilfe einerseits und der Anerkennung der Taliban-Regierung andererseits unterscheidet. Er sollte diese beiden Themen auch weiter auseinander halten."

Bundeswehrsoldaten zwischen afghanischen Menschen 44 min
Der Krieg, der offiziell keiner war, dauerte länger und war verlustreicher als jede andere Bundeswehr-Mission. 59 Soldaten verloren ihr Leben, die Kosten werden auf über 20 Milliarden Euro geschätzt. Die Bilanz fällt zwiespältig aus. Zwar ist das ursprüngliche Ziel erreicht und die Terrorgruppe Al-Qaida in Afghanistan ausgeschaltet. Frauen können an vielen Orten studieren und sogar mitregieren. Die Infrastruktur wurde ausgebaut. Aber ein Großteil der Hilfsgelder ist in den Händen korrupter Politiker gelandet, und wurde statt in Schulen etwa in Dubai-Luxusvillen investiert. Die Taliban rücken scheinbar unaufhaltsam vor. Droht dem Land das gleiche Schicksal wie vor 40 Jahren nach dem Abzug der Russen, als wenige Jahre später eine finstere Religionsdiktatur errichtet wurde? (Archivbild) Bildrechte: MDR

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL- Das Nachrichtenradio | 30. November 2021 | 06:00 Uhr

Mehr aus Politik

Ein Überlebender sitzt auf Unterseite des gekenterten Schlepperboots 1 min
Ein Überlebender sitzt auf Unterseite des gekenterten Schlepperboots Bildrechte: Reuters
1 min 26.01.2022 | 16:46 Uhr

Vor der US-Küste von Florida ist ein mutmaßliches Flüchtlingsboot gekentert. Eine Person konnte sich auf das Schiff retten. 39 weitere Insassen gelten als vermisst. Das Boot soll von den Bahamas gekommen sein.

Mi 26.01.2022 16:22Uhr 00:39 min

https://www.mdr.de/nachrichten/welt/politik/video-boot-unglueck-usa-florida-kuestenwache-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video

Mehr aus der Welt

Orthodoxer Jude läuft durch Flockenwirbel 1 min
Schnee in Jerusalem. Orthodoxer Jude läuft durch Flockenwirbel Bildrechte: AP
Schwere Zerstörungen an Häuserzeile 1 min
Schwere Zerstörungen an mehreren Gebäuden Bildrechte: Reuters
1 min 26.01.2022 | 12:12 Uhr

In einem leerstehenden Wohn- und Geschäftshaus in Athen hat es eine gewaltige Explosion gegeben. Sie beschädigte auch an angrenzende Gebäude. Die Polizei geht nicht von einem terroristischen Hintergrund aus.

Mi 26.01.2022 11:21Uhr 00:41 min

https://www.mdr.de/nachrichten/welt/panorama/video-explosion-athen-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video
Tiefverschneite Autos stehen auf Athener Stadtautobahn 1 min
Tiefverschneite Autos stehen auf Athener Stadtautobahn Bildrechte: Reuters
1 min 25.01.2022 | 16:05 Uhr

Starke Schneefälle haben vielerorts den Verkehr zusammenbrechen lassen. Menschen mussten aus eingeschneiten Fahrzeugen befreit werden. Zahlreiche Flüge fielen aus. Umgeknickte Bäume sorgten für Stromausfälle.

Di 25.01.2022 15:34Uhr 00:48 min

https://www.mdr.de/nachrichten/welt/panorama/video-schnee-chaos-griechenland-tuerkei-100.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Video