Hintergrund Katalonien und die Einheit Spaniens

Trotz des mehrfachen Scheiterns von Versuchen, eine Unabhängigkeit für Katalonien von Spanien zu erreichen ist die Einheit des Landes fragil, und das seit Jahrhunderten. Die Regionen in Spanien haben sich sehr unterschiedlich entwickelt – wofür gerade Katalonien ein prominentes Beispiel ist.

Anhänger der katalanischen Unabhängigkeitsbewegung halten während einer Demonstration anlässlich des Nationalfeiertages von Katalonien Unabhängigkeitsfahnen
Der katalanische Nationalismus ist jung und zugleich sehr alt: Demonstration für die Unabhängigkeit in Barcelona am 11. September 2019. Bildrechte: dpa

Die Katalonien-Frage ist nicht erst jetzt wieder aufgekommen. Sie reicht mehrere Jahrhunderte zurück. Ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt: Tatsächlich können die Katalanen mit einigem Recht behaupten, dass die Tradition ihrer staatlichen Institutionen älter ist als die Spaniens. Zudem zeigt sich, dass Katalonien in der Vergangenheit meist fortschrittlicher und weiter entwickelt war als das Spanien der Habsburger, der Bourbonen und der späteren Militärdiktaturen.

Katalonien im Mittelalter

Statue von Christoph Kolumbus in Barcelona
Statue von Christoph Kolumbus in Barcelona. Bildrechte: Colourbox

Im 11. Jahrhundert hatte sich die Grafschaft Katalonien gemeinsam mit der Grafschaft Aragon zur Seemacht im Mittelmeer entwickelt. Kataloniens Grafen stiegen zu Königen auf, die im 13. Jahrhundert neben den Balearen auch Sardinien und Sizilien regierten.

Anfang des 14. Jahrhunderts reichten ihre Expeditionen bis Konstantinopel. Selbst Athen und weite Regionen von Griechenland wurden einst nach dem Vorbild der Verfassung von Barcelona regiert. In den katalanischen Städten hatte sich auch früh schon ein Handelsbürgertum etabliert, während ihre Sprache und Kultur einen Aufschwung erlebten. Im 14. und 15. Jahrhundert bildete sich die bis heute gesprochene katalanische Sprache in ihrer Region vollständig heraus und damit auch die Grenze dessen, was den Katalanen heute als ihre Nation gilt.

Das katalanische Rechts- und Verwaltungssystem erschien schon damals fortschrittlicher als das der Nachbarn. Die Regierungsform war keine absolute Monarchie. Die Macht der Könige war beschränkt durch frühe parlamentarische Strukturen. Seine Eigenständigkeit verlor Katalonien-Aragon jedoch 1516, als es durch dynastische Verflechtungen an Karl V. fiel – einen Habsburger. Seither versuchte Katalonien immer wieder, sich zu befreien, was nie ganz gelang.

Katalonien in der Neuzeit

Das Jahr 1714 gilt für viele als Geburtsjahr der heutigen katalanischen Unabhängigkeitsbewegung. In diesem Jahr, am 11. September, wurde Barcelona von spanisch-französischen Truppen eingenommen. Damit wurde die Herrschaft der Bourbonen festgesetzt, durch eine Nebenlinie des französischen Königshauses. Katalonien verlor seine Rechte, das kastilische Spanisch wurde Amtssprache. Noch heute ist der spanische König ein Angehöriger der Bourbonen-Familie.

FC Barcelona / Barca gegen Real Madrid
Ein Spiel des FC Barcelona Bildrechte: IMAGO

Dennoch ist der 11. September seit 1980 der Nationalfeiertag Kataloniens. Die Auswirkungen sind selbst im Fußball zu spüren. Jedes Mal, wenn bei Heimspielen des FC Barcelona auf der Anzeigetafel die Zeiger auf 17 Minuten und 14 Sekunden stehen, kommt von den Tribünen der Schlachtruf nach: "Independencia!" – Unabhängigkeit.

Immer wieder flammten Konflikte zwischen Katalonien und der Bourbonen-Herrschaft auf. So löste beispielsweise 1909 die Einberufung von Soldaten für einen Feldzug in Marokko einen Aufstand in mehreren katalanischen Städten aus. Spanische Truppen schlugen den Aufstand blutig nieder. Es folgten Verhaftungen und Hinrichtungen.

Katalonien im 20. Jahrhundert

Spanien war zu Beginn des 20. Jahrhunderts ein größtenteils rückständiges Agrarland, mit noch immer feudalen Verhältnissen und immer wieder regiert von Militärdiktaturen. Die wenigen modernen Industriezentren lagen eben in Katalonien und im Baskenland. Barcelona wuchs zur Wirtschaftsmetropole Spaniens heran.

General Francisco Franco, 1974
Diktator Francisco Franco. Bildrechte: dpa

Nach dem Sieg linksliberaler, sozialistischer und kommunistischer Parteien bei den Wahlen im Februar 1936 putschte das Militär einmal mehr, dieses Mal unter anderem geführt von General Franco.

Im Januar 1939 marschierten dessen Truppen im Barcelona ein. Franco, der sich bald mit spanischen Faschisten und den Monarchisten verband, verfolgte die Einheit Spaniens. "España una, grande y libre" war sein Slogan: Ein Spanien, stark und frei. Dieses Ziel verfolgte er auch in Katalonien mit diktatorischer Gewalt. Die katalanische Sprache wurde unterdrückt.

Erst 1975, dem Todesjahr Francos, wurden Reformen eingeleitet. Seit 1983 ist Spanien in 17 autonome Gemeinschaften mit Parlamenten und Regierungen gegliedert. Auch Katalonien erhielt Autonomie. Immer wieder ringt es jedoch mit Madrid um Befugnisse, etwa um mehr finanzpolitische Unabhängigkeit.

Wie sich Katalonien seit 2010 entwickelte

Das Jahr 2006 brachte zunächst mehr Unabhängigkeit: Das Parlament in Madrid hatte eine neue Autonomie-Charta verabschiedet und mehr Vollmachten im Steuer- und Justizbereich zugestanden. Zudem wurde Katalonien als "Nation" bezeichnet, was aber nicht lange währte. Die konservative Volkspartei klagte vor dem Verfassungsgericht, das im Juni 2010 den Katalanen den Status als "Nation" wieder aberkannte. Seither gibt es immer wieder Demonstrationen der Separatisten.

Abgesetzter katalanischer Regierungschef Carles Puigdemont auf einer Pressekonferenz in Brüssel.
Puigdemont im November 2017 bei einer Pressekonferenz in Brüssel Bildrechte: dpa

Am 9. November 2014 ließ der Regionalpräsident Artur Mas ein Referendum über die Abspaltung von Spanien zu, trotz des Verbots aus Madrid. Fast 80 Prozent der Wähler stimmten dafür, doch die Beteiligung lag bei nur 37 Prozent. Trotzdem leitet das katalanische Parlament im Herbst 2015 eine Abspaltung ein: Innerhalb von 18 Monaten sollte nun eine neue Republik ausgerufen werden.

Der Konflikt eskalierte, als Carles Puigdemont im Januar 2016 als neuer Regionalpräsident gewählt wurde. In einer zweiten Volksbefragung sprach sich am 1. Oktober 2017 wieder eine Mehrheit für die Abspaltung aus, bei einer Beteiligung von knapp 43 Prozent. Polizeigewalt überschattete die von Madrid untersagte Abstimmung. Es gab große Demonstrationen für Unabhängigkeit. Die Regierung in Madrid reagierte kompromisslos: Sie setzte Puigdemont ab, der nach Belgien floh.

Die jüngsten Entwicklungen

Bei einer von Madrid angesetzten Parlamentswahl im Dezember 2017 wurde die pro-spanische Partei Ciudandanos stärkste Kraft. Die Mehrheit im katalanischen Parlament bildeten jedoch die drei Parteien der Separatisten. Die von Puigdemont erhielt 34 Sitze, das beste Ergebnis in diesem Lager.

Der abgesetzte Regionalpräsident tourte derweil durch Europa und warb um Unterstützung. In Deutschland wurde er im Frühjahr 2018 nahe der dänischen Grenze festgenommen, da er in Spanien per Haftbefehl gesucht wurde. Erneut kam es zu Demonstrationen in Barcelona und zu Zusammenstößen mit der Polizei.

Seither hatte sich Puigdemont in Belgien aufgehalten, wo er sich als EU-Abgeordneter gegen seine von Spanien auch unter der neuen Regierung aus Sozialisten und Unidas Podemos verfolgte Auslieferung geschützt sah.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 24. September 2021 | 09:00 Uhr

Mehr aus Politik

Migranten mit Schlauchboot am Ärmelkanal 1 min
Migranten mit Schlauchboot am Ärmelkanal Bildrechte: EBU

Mehr aus der Welt

EIn ausgebranntes Hochhaus bei Tag. Feuerwehr mit Drehleitern in der Luft. 1 min
Mehr als 40 Tote bei Hochhausbrand in Taiwan Bildrechte: EBU