Corona, Krieg - und dann? "Wir haben Putin mitproduziert": Konfliktforscher über Versäumnisse des Westens

Diplomatisch sei es unklug gewesen, den deutschen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier vor seinem Besuch in Kiew auszuladen, sagt Konfliktforscher Andreas Heinemann-Grüder im MDR THÜRINGEN-Podcast. Doch die Reaktion der Ukraine würde er nicht überbewerten. Das Land befinde sich in einem "hochemotionalen Zustand": Die Ukraine wisse nicht, ob sie den nächsten Monat überlebe.

Dr. Andreas Heinemann-Grüder, Bonn International Center for Conversion (BICC) 25 min
Dr. Andreas Heinemann-Grüder, Konfliktforscher und Russland-Experte aus Bonn. Bildrechte: IMAGO / Metodi Popow

Die Deutschen würden in der Ukraine als Putin-Versteher wahrgenommen werden, als Bremser innerhalb der EU, wenn es um Waffenlieferungen an das bedrohte Land gehe, ordnet der Bonner Konfliktforscher und Russland-Experte Andreas Heinemann-Grüder ein. Für die Deutschen habe der Krieg nur die Folgen, dass Flüchtlinge kommen.

"Für die Ukraine geht es um die Existenz", beschreibt er das Gefühl, was die ukrainische Politik momentan gegenüber Deutschland beherrschen mag. Hinzu komme, dass es innerhalb des Krieges keine "normalen Parlamentssitzungen oder normale Medien" gebe, in denen so etwas ausbalanciert werde.

Andreas Heinemann-Grüder 2 min
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Wenn es irgendetwas gibt, was in Russland greift, dann ist es das Trauma des Zweiten Weltkrieges. Dann ist es Nazismus.

MDR THÜRINGEN Mi 27.04.2022 12:43Uhr 01:34 min

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Westen hat Anteil an Entstehung des Krieges

Unabhängig davon habe der Westen, so sagt der Bonner Konfliktforscher weiter, an der Entstehung des Krieges in der Ukraine durchaus einen Anteil, der Jahrzehnte zurückreicht. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kalten Krieges habe man sich zu wenig um Russland und dessen Interessen gekümmert. Der Westen habe die Schwäche Russlands ausgenutzt und getan, was er wollte.

Für die Ukraine geht es um die Existenz.

Andreas Heinemann-Grüder Konfliktforscher

Gegendemonstranten stehen mit ukrainischen Flaggen auf dem Friedrichswall. Im Vordergrund fährt ein Auto des prorussischen Auto-Korso mit zwei russischen Flaggen vorbei.
Gegendemonstranten stehen vor einem prorussischen Autokorso. Das Russland-Bild trifft in Deutschland auf eine "gewisse Demokratieverdrossenheit" (Archivbild). Bildrechte: dpa

Besonders das CDU-geführte Deutschland habe damals die Nato-Osterweiterung befördert, sagt Heinemann-Grüder, der in Moskau promoviert und später seine Habilitation über den russischen Förderalismus verfasst hat: "Da dachte man, jetzt gibt es so ein Fenster der Gelegenheiten, weil Russland schwach ist und deswegen wird es keinen Protest geben." Diese Erfahrung, dass der Westen die Schwäche Russlands ausgenutzt habe, sitze "tief in der Psyche" der russischen politischen Elite.

Rüstungskontrolle "sträflich vernachlässigt"

Gleichzeitig hat der Westen die internationale Rüstungskontrolle "sträflich vernachlässigt", ist sich der Politikwissenschaflter sicher. Verträge, die eine Begrenzung der Rüstung vorsahen, wurden nicht umgesetzt oder gekündigt. Russland wurde dabei "eigentlich lange Zeit nicht als Gefahr oder als Feind angesehen, sondern eher als vollkommen zu vernachlässigend".

Im Gespräch geht der Konfliktforscher auch auf die Frage ein, warum viele Menschen in Deutschland mit der Politik Putins liebäugeln: Die wenigsten davon, so sagt Heinemann-Grüder, hätten eigentlich Kenntnisse von Russland, sondern sie hätten eine Vorstellung von einem starken Staat.

Während der Corona-Pandemie hätten sie den deutschen Staat als "außerordentlich schwach" erlebt. Ständig seien Zahlen angepasst worden, man habe den Eindruck von Missmanagement und von mangelnder Zusammenarbeit zwischen Bundesregierung und den Ländern gehabt.

Russland-Bild trifft in Deutschland auf "Demokratie-Verdrossenheit"

Dagegen präsentiere das Putinsche Regime eine Kontrolle über die Situation. Hinzu kommt eine "gewisse Demokratieverdrossenheit" in Deutschland: Menschen fühlten sich von Parteien nicht mehr repräsentiert. Durch die Große Koalition der Vergangenheit und die Politik der Mitte hätten viele explizit rechte Wähler ihre politische Heimat verloren.

In den Medien sei Russland als "alternative Subkultur" aufgetreten – gegen angebliche Mainstream-Medien in Deutschland oder eine "Lügenpresse", erklärt er. Russland hat diesen vorgeblichen Habitus des investigativen Journalismus, der Wahrheit ans Licht bringt, unterstützt.

Links eingestellte Menschen wiederum könnten mit Putin eine "Rache für 1989" erleben. Schließlich sei das Ende der Sowjetunion und das Ende des real existierenden anderen Gesellschaftsmodells "die große historische Niederlage der Linken" gewesen.

Putin könnte nun diese historische Niederlage revidieren, auch wenn er eigentlich kein Sozialist sei. Als würde er wiedergutmachen, was einst verloren ging.

Zu Andreas Heinemann-Grüder Der Politikwissenschaftler lehrt an der Universität Bonn und ist Senior Researcher am Bonn International Centre for Conflict Studies.

Zudem berät er im Beirat zivile Konfliktpräsentation des Auswärtigen Amtes.

Er promovierte in Moskau und verfasste seine Habilitation zum russischen Föderalismus.

Er forscht und lehrt zu Konflikt- und Friedensforschung, zu autoritären Regimen und zu Föderalismus im Vergleich.

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Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Der Morgen | 30. April 2022 | 06:10 Uhr

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