Der Redakteur | 02.05.2022 Muss die russische Bevölkerung aufstehen, damit der Krieg in der Ukraine endet?

Roland aus Rudolstadt hat Angst vor einem Atomkrieg. Ihn beschäftigt, wie der Krieg in der Ukraine beendet werden kann. Macht die Lieferung von schweren Waffen an die Ukraine nicht alles nur noch schlimmer?

Wladimir Kaminer 23 min
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23 min

Im Interview mit Wladimir Kaminer, Buchautor und Satiriker aus Russland, geht Redaktur Thomas Becker der Frage nach, wie wahrscheinlich ein Atomkrieg mit Russland derzeit ist.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 02.05.2022 16:40Uhr 22:55 min

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Mit dem offenen Brief an den Bundeskanzler hat die Diskussion in Deutschland über unsere Rolle in diesem Krieg so richtig Fahrt aufgenommen. Dabei ist es nicht zwingend sachlicher geworden. Wie schwer dürfen die Waffen sein, die wir in die Ukraine schicken, ohne dass uns Russland als Kriegspartei wahrnimmt? Was wissen die Russen mittlerweile über diesen Krieg und ist da irgendwo ein Aufbegehren sichtbar? Und über allem steht die Frage: Wie kann der Krieg beendet werden?

Wladimir Kaminer wurde in der Sowjetunion geboren. Er hat sehr viele und auch sehr direkte Kontakte nach Russland und zu Russen, die im Exil leben. Mit seinen Landsleuten in der Heimat geht er als Satiriker nicht gerade zimperlich um. Sein Fazit: Die Mehrheit dort blendet den Krieg einfach aus.

Diesen Krieg gibt es nicht. Es gibt wohl irgendwelche Probleme in Europa, dort werden Russen gehasst und zusammengeschlagen, dann gibt es noch Probleme in der Ukraine, aber in Russland ist alles still und gut.

Wladimir Kaminer, Buchautor und Satiriker aus Russland

Die Frage ist, wie lange bleibt es noch still in Russland? Dass unter der Decke irgendwo in Moskauer Hinterzimmern oder entlegenen Dörfern der Taiga der Widerstand wächst, der zeitnah durchbricht, das ist nicht zu erwarten, sagt Professor Christoph Garstka vom Institut für russische Kultur an der Ruhr-Uni Bochum. Dafür fehlen schlicht die führenden Köpfe, diese sind entweder ins Ausland geflohen, sitzen im Gefängnis oder sind bereits tot. 15.000 Verhaftungen sind ein Statement. Prof. Garstka spricht von "innerer Emigration, ducken und warten.

Was nicht die allerschlechteste Idee ist, sagt Wladimir Kaminer und fügt hinzu: Am besten bleiben die Russen auf der Couch. Vor allem die, die Putin gerne in den Krieg schicken würde. Viel zu viele junge Männer sehen nämlich eine Karriere in der russischen Armee als berufliche Perspektive mit einem sicheren Einkommen. Dass man von einem Manöver direkt in den Krieg in ein anderes Land geschickt wird, damit haben die wenigsten gerechnet. Und dass die russischen Soldaten kaum Rechte haben, das hat sich seit den Zeiten der ruhmreichen Sowjetarmee in den DDR-Kasernen nicht geändert.

Bislang gab es in den offiziellen russischen Verlautbarungen auch so gut wie keine Kriegsopfer. Doch vor einigen Tagen hat sich der offizielle Umgang mit den eigenen Opfern der "Spezialoperation geändert. Plötzlich tauchten riesige Plakate in Moskau auf, die zumeist Offiziere ehren, die den Heldentod gestorben sind. So ganz ohne Krieg, das ist schon seltsam. In den Provinzen gibt es mittlerweile offizielle Beerdigungen gefallener Soldaten, die von den örtlichen Amtsträgern durchgeführt werden.

Auch komisch, wenngleich Wladimir Kaminer einschränkt, dass das die Masse der Russen im ländlichen Raum noch nicht so sehr anhebt, die Zahl der Toten im Ort war wegen Corona größer. Und trotzdem: Das alles macht natürlich etwas mit den Menschen, die noch irgendetwas von "Spezialoperation" im Ohr haben.

Das führt dazu, dass man auch nachfragt. Soll ich meine Kinder dahin schicken, das ist ja wirklich gefährlich. Was soll mein Sohn in der Ostukraine?

Professor Christoph Garstka, Institut für russische Kultur, Ruhr-Uni Bochum

Wo ist denn plötzlich der Jauch hin?

Der offizielle Umgang mit den Gefallenen ist das eine, die stark veränderte Medienlandschaft das andere. Es sind ja nicht einfach nur Zeitungen und Sender verschwunden, sondern auch all die prominenten Köpfe, die die Russen bislang sehr gut unterhalten haben. Dort sind "Jauch", "Gottschalk", "Silbereisen" und "Grönemeyer" plötzlich von der Bildfläche verschwunden und haben sich ins Ausland abgesetzt. Und die Menschen haben eine sehr enge emotionale Verbindung zu ihren Stars. Es sind überaus glaubwürdige Persönlichkeiten.

An diesem Punkt setzt aktuell Wladimir Kaminer gemeinsam mit Freunden und Landsleuten an. Er will Kanäle schaffen, über die diese Künstler ihr Publikum wieder erreichen können. Das können Radiosender sein, die aus dem Baltikum weit nach Russland hineinstrahlen, TV-Satelliten sind eine weitere Möglichkeit, an der gearbeitet wird und YouTube funktioniert überraschenderweise auch noch ganz gut, sagt Wladimir Kaminer. Alles was mit Google zusammenhängt, lässt sich nämlich nicht so einfach komplett abschalten, weil der russische Apparat diese Kanäle selbst nutzt und vor allem gmailbasiert kommuniziert.

Ich weiß, dass wir mit den kleinen Sachen, die wir auf die Beine gestellt haben, ein Millionenpublikum erreichen.

Wladimir Kaminer, Buchautor und Satiriker aus Russland
Izmailovo Kreml in Moskau 21 min
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Der Krieg wird in den Köpfen der Russen entschieden

Geblieben sind den Russen vor allem die Talk-Shows, in denen zu den bekannten Feindbildern Ukraine und Westen neue hinzugekommen sind: eben diese geflohenen Stars. Prof. Christoph Garstka beobachtet diese Entwicklung mit großem Interesse. Alla Pugatschowa, die berühmteste russische Sängerin und Maxim Galkin, ein äußerst beliebter Komiker und Moderator, sind verheiratet. Seit März leben beide in Israel und sind wie andere Exilrussen auch nun plötzlich Thema im Polit-TV. Die Chefredakteurin von RT bezeichnete in einer Sendung Galkin kürzlich als "jungen Schwulen", der sich nur aus Berechnung mit Alla zusammengetan habe.

Solche Rundumschläge sorgen aber mittlerweile selbst in den Polit-Sendungen für Widerspruch, so Garstka und auch den Russen an den Bildschirmen dürfte es immer schwerer fallen, begeistert zu sein. Und dann wäre es gut, wenn wir ihnen die Gelegenheit geben würden, auch unsere Rolle zu hinterfragen. Will der Westen tatsächlich Russland angreifen und zerstören, wie ihnen seit Jahren erzählt wird? Wladimir Kaminer hat etwas gegen den Klang der Endgültigkeit unserer Sanktionen. Die Ausstiege aus russischen Energielieferungen mögen vielleicht gar nicht so radikal umgesetzt werden, aber sie klingen so. Klüger wäre es aus seiner Sicht, die Sanktionen direkter mit dem Krieg zu verknüpfen. Bedeutet: Wenn ihr den Krieg beendet, steht eine Tür offen, durch die ihr gehobenen Hauptes schreiten dürft. Die Russen sind ein stolzes Volk, das etwas naiv alle seine Freiheiten und Rechte an das Regime abgegeben hat, sagt Wladimir Kaminer.

Wir müssen über Putins Kopf mit der russischen Bevölkerung reden. Und ich bin mir sicher, es wird eine Antwort kommen.

Wladimir Kaminer, Buchautor und Satiriker aus Russland

Die Frage ist nur, wie lange das dauert. Für die Ukrainer ist die Wartezeit tödlich, das ist das Dilemma. Und Zeichen der Hoffnung gibt es nur wenige. Prof. Garstka erinnert daran, dass es 1917 ein Streik hungernder Frauen war, die den Zaren zum Abdanken gezwungen haben. Eine solche Situation ist im Augenblick zwar noch nicht denkbar, so Garstka, auch weil die Leidensfähigkeit der Russen deutlich größer ist als unsere, aber es können am Ende kleine Ereignisse sein, die eine große Wirkung haben. Er ist sich auch sicher, dass Putin den Abgang machen muss, egal ob der nun würdig ausfällt oder nicht. Die Frage ist aber nicht nur, wann das sein wird, sondern auch, ob mit Putin auch sein Apparat verschwindet.

Je länger der Krieg andauert, umso schlechter ist es für Russland. Und dann braucht man auch einen Sündenbock.

Professor Christoph Garstka, Institut für russische Kultur, Ruhr-Uni BochumInfos zum Experten

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 02. Mai 2022 | 15:50 Uhr

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