Schutz der Landwirtschaft EU-Parlament fordert neue Wolfsstrategie

Matthias Reiche
Bildrechte: Reiner Freese

Eine Mehrheit im EU-Parlament fordert in einer Resolution die EU-Kommission zu einer Neubewertung der EU-Wolfstrategie auf. Hauptargument dabei ist, dass der Wolf dank der Schutzmaßnahmen der letzten Jahrzehnte nicht mehr vom Aussterben bedroht sei. Schätzungen gehen davon aus, dass es in der EU etwa 19.000 und im Großraum Europa 21.500 freilebende Wölfe gibt. Doch an der Forderung gibt es auch Kritik.

Wolf
Der Wolf hat sich in Europa wieder stärker ausgebreitet – die EVP-Fraktion im EU-Parlament fordert daher eine neue Wolfsstrategie. Bildrechte: IMAGO/blickwinkel

Die Initiative ging von der EVP im EU-Parlament aus. Die größte Fraktion, zu der auch die deutschen Unionsparteien gehören, fordert seit einem Jahr die sogenannte Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie zu überarbeiten, damit der Wolfsbestand stärker reguliert werden kann.

CDU-Politiker Gieseke: "Fünf nach zwölf" für Viehhalter

Die Überarbeitung sei dringend nötig, weil zunehmend mehr Landwirte den Verlust von Nutztieren beklagten, sagt der CDU-Europaabgeordnete Jens Gieseke. So seien 2020 deutschlandweit 3.374 Schafe, Ziegen, Rinder und andere Nutztiere getötet worden, verletzt oder als vermisst gemeldet, während sich Brüssel und Berlin gegenseitig die Verantwortung zuschieben: "Den Viehhaltern vor Ort hilft diese Politik überhaupt nicht. Wer die Risse bei Schafherden, Fohlen oder auch bei anderen Tieren sieht, der weiß: Es ist fünf nach zwölf", sagt Giese.

Die EU-Kommission müsse jetzt handeln, fordert Giese: "Sie muss den Schutzstatus ändern, damit ein Bestandsmanagement in den Regionen möglich wird. Das fordern alle, die sich in Niedersachsen, Brandenburg oder Sachsen mit dieser Thematik beschäftigen."

SPD und Grüne sprechen von Angstkampagne

Ein Teilnehmer einer Menschenkette von Landwirten in der Innenstadt von Goslar hält ein Schild mit der Aufschrift "Der Wolf ist zurück - Wir tragen die Last!".
Immer wieder protestieren Landwirte gegen die Gefährdung ihrer Tierbestände durch den Wolf – wie hier im niedersächsischen Goslar. Bildrechte: dpa

Von reiner Angstpolitik spricht die SPD-Europaparlamentarierin Delara Burkhardt. Mit den vorhandenen Regeln sei es gut möglich, nachhaltige Viehzucht und die Erhaltung geschützter Großraubtiere miteinander in Einklang zu bringen: "Die EVP, angeführt von der CDU/CSU, macht hier eine reine Angstkampagne, die nichts mit der Realität zu tun hat. Die Konservativen spielen hier gezielt Landwirtschaft und Naturschutz gegeneinander aus. Dabei ist die Rückkehr des Wolfes ein ganz klares Zeichen, dass europäische Naturschutzpolitik wirkt."

Das sieht der österreichische EU-Abgeordnete Thomas Waitz genauso. Der Ko-Vorsitzende der Europäischen Grünen-Partei argumentiert, dass man trotz der wachsenden Wolfspopulation nicht von einem günstigen Erhaltungszustand sprechen kann. Das aber wäre eine Voraussetzung, um den Schutzstatus in der FFH-Richtlinie zu überarbeiten.

EU-Kommission: Staaten sollten Herdenschutzmaßnahmen stärker nutzen

Außerdem ermögliche die Richtlinie bereits jetzt die Koexistenz zwischen Menschen und Wölfen, sagt Waitz. Im Rahmen der Habitat-Richtlinie gebe es heute alle Möglichkeiten, Problemwölfe auch zu entnehmen: "Die Herabstufung des Schutzstatus wird keine Probleme für die Bäuerinnen und Bauern lösen, sondern ist eine Scheinlösung, die darauf abzielt, den Wolf einfach abschießen zu können und wieder in vielen Gebieten so stark zurückzudrängen oder mitunter sogar auszurotten", meint Waitz.  

Natürlich sei der Wolf eine besondere Herausforderung für alle, die Weidewirtschaft betreiben. Doch gebe es im Rahmen der gemeinsamen Agrarpolitik und des europäischen Naturschutzprogramms die Möglichkeit, 100 Prozent aller Herdenschutzmaßnahmen zu finanzieren. Allerdings, so lässt die EU-Kommission mitteilen, würden diese Möglichkeiten bisher von vielen Mitgliedsstaaten nur unzureichend genutzt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | Das Nachrichtenradio | 25. November 2022 | 17:49 Uhr

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