Russland-Ukraine-Krieg Russische Armee: Bildmaterial auf Social Media legt schlechten Zustand nahe

Funkgeräte, die jeder und jede im Internet kaufen kann, ziviles Campingmaterial, Essensrationen mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum und Kolonnen von russischen Militärfahrzeugen, die wegen Spritmangels beim Vormarsch in der Ukraine liegen bleiben: Glaubt man den Bildern und Meldungen in sozialen Netzwerken, steht es nicht gut um die russische Armee. Wie glaubwürdig sind diese Einblicke? Und was bedeuten sie für den Konflikt?

Ein russischer Panzer
In welchem Zustand ist das russische Militär? Bildrechte: imago images/ITAR-TASS

"Seid ihr liegen geblieben?", fragt ein ukrainischer Zivilist von seinem Auto aus eine Hand voll russische Soldaten, die neben ihrem Panzer auf einer Landstraße stehen. Sie antworten, sie hätten keinen Treibstoff mehr. Sie seien auf dem Weg nach Kiew, hätten aber keine Ahnung, wo sie sich genau befänden. Der Ukrainer fragt daraufhin scherzhaft, ob er sie zurück nach Russland ziehen solle.

Mehrere Hinweise auf schlechten Zustand des russischen Militärs

Videos wie dieses finden sich seit einigen Tagen vermehrt in sozialen Netzwerken – Bild- und Tonmaterial, das kaum verifiziert werden kann. Es soll nahelegen, dass die russische Armee schlecht ausgerüstet, versorgt und koordiniert ist. Unter Militärexperten und aktiven sowie ehemaligen Militärs sind längst Fachdebatten über den Zustand der russischen Armee und ihre taktischen Probleme entbrannt.

Man müsse vorsichtig sein mit dem, was etwa auf Twitter zu sehen ist, meint der Politikwissenschaftler Frank Sauer von der Bundeswehruniversität in München. Wir lebten in einer Informationsblase und bekämen sicher nicht alles zu sehen, was vor Ort passiert. Aber: "Es mehren sich inzwischen die Hinweise aus verschiedenen Quellen derart, dass vieles von dem desolaten Zustand, der in den sozialen Medien berichtet wird, tatsächlich der Wahrheit entspricht."

Russisches Militär: Keine Nachtsichtgeräte, schlechte Bereifung

Dass es etwa keine nennenswerten russischen Militäroperationen in der Nacht gebe, decke sich mit der Beobachtung, dass gefallene oder gefangengenommene Russen keine Nachtsichtgeräte bei sich trügen, so Sauer. Auch Militärfahrzeuge, die steckenbleiben, weil die Reifen nicht mehr mitmachen, sind auf Twitter immer wieder zu sehen. Ein Video, das auch der US-amerikanische Militärexperte Trent Telenko geteilt hat, soll von ukrainischen Kräften aufgenommen worden sein. Es zeigt ein zurückgelassenes russisches Kurzstrecken-Flugabwehrraketen-System vom Typ "Panzir-S1", die Reifen stecken tief im Matsch.

Frank Sauer, der die Forschung am Strategie-Institut Metis der Bundeswehruni leitet, teilt die Experteneinschätzungen, wonach russisches Militärgerät offenbar billig bereift worden ist. "Es ist die Rede von chinesischen Fabrikaten. Zum Teil streiten sich die Superfachexperten, ob es nicht vielleicht auch belarussische Fabrikate sind."

Regelmäßige Wartung und Tests seien hier das A und O, so Sauer weiter. Das sei anscheinend nicht geschehen. Einen zumindest fragwürdigen Zustand der russischen Militärtechnik legt auch unverschlüsselter russischer Funkverkehr nahe, den zum Beispiel der private britische Geo-Nachrichtendienst "Shadowbreak International" mitschneidet und auswertet. Dass die Russen unverschlüsselt funken ist ungewöhnlich. Shadowbreak geht davon aus, dass die Russen einfache Walkie Talkies verwenden. In Aufnahmen könne man orientierungslose Soldaten, schimpfende Generäle und Störaktionen ukrainischer Zivilisten hören. Das Material soll bald auch Journalisten frei zugänglich gemacht werden.

Hält Russland seine neue Militärtechnik zurück?

Doch wie kann das sein? Immerhin legen Zahlen des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri nahe, dass Russland in den vergangenen Jahren viel Geld in die Modernisierung seiner Armee gesteckt hat. Zuletzt wurden die Militärausgaben immer weiter erhöht. 4,2 Billionen Rubel waren es 2019. Hat Putin also noch bessere Waffen in petto und hält sie zurück? Eine Frage, die sich auch Frank Sauer stellt. "Es gibt nämlich High-Tech-Waffensysteme, die Leute wie ich schon seit einigen Jahren vermehrt beobachten. Ich denke da an drei Dinge: Zum Beispiel der T14-Armata-Kampfpanzer, ich denke an die neue Kampfdrohne und ich denke an Uran-9, einen Panzer, der ohne Besatzung auskommt. Und diese, wie auch andere modernere Waffensysteme sehen wir gar nicht."

Gründe vermutet Sauer zwei: Russland sei davon ausgegangen, das altgediente Gerät reiche gegen die Ukraine aus. Zum anderen sei die elektronische russische Kriegstechnik möglicherweise doch noch nicht so weit gediehen, wie man bislang annahm. "Um nochmal auf Uran-9 zurückzukommen: Der ist in Syrien von Russland eingesetzt worden. Wenn man den Berichten Glauben schenken darf, dann wohl auch mit sehr überschaubarem Erfolg." Daher sehe man im Moment vor allem das Gerät, von dem Russland genug habe, so Sauer, also T72- und T80-Panzer.

Entsprechend bilanzierte der ehemalige Bundeswehr- und Nato-General Hans-Lothar Domröse bei MDR AKTUELL: "Mit den Truppen, die der Putin hat, hätten sie den Donbass nehmen können – wahrscheinlich relativ schnell – und verteidigen können. Einmarschieren kann er in die Ukraine, halten kann er sie mit den Kräften nicht."

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