Experten-Interview Raus aus "Hotel Mama": Tipps für die erste eigene Wohnung

Das erste eigene Zuhause. Ein großer Schritt: Zieht man in eine eigene Wohnung oder in eine WG? Soll es erstmal ein Studentenwohnheim sein oder lieber gleich mit Freund oder Freundin zusammenziehen? Ganz gleich, welche Wohnform der flügge gewordene Nachwuchs wählt, der Auszug aus dem "Hotel Mama" ist spannend und aufregend. Expertin Nicole Schwalbe gibt Tipps zu den ersten Schritten ins eigene Zuhause, zu Kosten und Nebenkosten sowie zu wichtigen Versicherungen.

Nicole Schwalbe
Nicole Schwalbe alias Lilly Fröhlich Bildrechte: MDR / Nicole Schwalbe

Nicole Schwalbe ist Juristin und Journalistin und als Bestsellerautorin Lilly Fröhlich zaubert sie lockere Aufklärung aufs Papier mit einer Prise Humor zwischen den Buchstaben. Ihr jüngstes Buch Lebensdoof® - ist ein lockerer Ratgeber mit hilfreichen Tipps, wenn es heißt: Raus aus "Hotel Mama“.

Was ist denn so wichtig daran, dass Kinder bei ihren Eltern ausziehen? Wenn sich beide damit arrangieren, wäre doch dagegen nichts zu sagen?

Wann und ob Kinder zuhause bei ihren Eltern ausziehen, bleibt jedem individuell überlassen. Oft ist es eher ein Problem, wenn die Kinder volljährig werden, dass die weite Welt lockt und Kinder gehen möchten, die Eltern also am "Empty-Nest-Syndrom" leiden, weil die Wohnung leer ist. So habe ich es zumindest in den letzten 25 Jahren erlebt. Es gibt Kulturen, in denen bleiben Kinder und Eltern in ihrer Kernfamilie ein Leben lang zusammen und es funktioniert. Diese Menschen leben aber im Kollektivismus, wo die Gruppe zählt und nicht der Einzelne. In Deutschland werden Kinder allerdings nach dem Prinzip des Individualismus erzogen, das heißt, der einzelne Mensch ist wichtig und hat mit seinen Bedürfnissen Vorrang vor der Gesellschaft. Darum gehört es in Deutschland dazu, dass Kinder als Individuum von zuhause ausziehen und lernen, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Es gehört dazu, dass sie Fehler machen und daraus lernen und an ihren Erfahrungen wachsen.

Welche sind die häufigsten Gründe, warum junge Erwachsene einfach nicht ausziehen aus dem "Hotel Mama"?

Jugendlicher sitzt mit iPad auf dem Sofa, im Hintergrund wird gestaubsaugt.
So einfach kann es zuhause für Jugendliche sein. Bildrechte: Colourbox.de

Das Leben im "Hotel Mama" ist zumindest hierzulande oftmals sehr bequem. Der Nachwuchs braucht sich keine Gedanken machen, ob genug Geld für Essen, Unterkunft und Freizeit verdient wird, denn das ist abgesichert. Viele wissen aber schlichtweg auch einfach nicht, wie sie ihr Leben außerhalb von "Hotel Mama" stemmen können, denn das haben sie nicht gelernt. Die Schule ermöglicht, dass man in vielen Bereichen wie Mathematik, Deutsch, Biologie, Physik u.a. ein sogenanntes "Allgemeinwissen" aufbaut und zumindest eine Ahnung haben kann, was man beruflich machen möchte. Aber leider macht die Schule nicht fit fürs Leben, was Selbständigkeit erfordert.

War das schon immer so oder haben wir es mit einem neuen Trend zu tun?

Die Schule hat noch immer das alte System des preußischen Königs Friedrich Wilhelm I., der der Meinung war, Schulbildung sorge dafür, dass Kinder zu guten, unselbständigen Untertanen werden. Darum wird Selbständigkeit auch nicht in deutschen Schulen vermittelt.

Laut Statistischem Amt der Europäischen Union (Eurostat) sind 2020 in Deutschland im Durchschnitt Frauen im Alter von 23 Jahren und Männer im Alter von 24,6 Jahren zuhause ausgezogen. Der EU-Durchschnitt liegt bei Frauen bei 25,4 Jahren und bei Männern sogar bei 27,4 Jahren. In Kroatien zieht der Nachwuchs oftmals erst mit 32,4 Jahren aus. Wie man sieht, bilden die Nestflüchter in Deutschland also kein Schlusslicht. Unsere Kinder ziehen vergleichsweise also eher früh aus, was oftmals dem Bildungsweg geschuldet ist, denn nicht jeder hat einen Ausbildungsplatz oder die Universität um die Ecke seines Elternhauses.

Eine Teilschuld sehen Sie auch bei den Schulen. Warum? Was läuft da schief? Was muss besser werden?

Grundsätzlich denke ich, sollten alle - Eltern wie Schule - an einem Strang ziehen und die Kinder aufs Leben vorbereiten. Aber dabei dürfen wir nicht vergessen, dass das nicht jedes Elternhaus leisten kann. Viele Eltern mogeln sich selbst mit (gefährlichem) Halbwissen durchs Leben. Ich befürworte daher eher, dass man die Schulung fürs Leben, sprich "Wie kommen Verträge zustande", "Wie kündigt man einen Vertrag", "Wie findest du eine Wohnung", "Welche Versicherungen braucht man, wenn man zuhause auszieht", "Wie gehe ich mit Geld um" usw. auf die Schule verlagern sollte, da das hier durch die Lehrer "geschult" vermittelt werden kann und wir dadurch eher eine Chancengleichheit erreichen.

Wie motiviert man sein Kind, dass es seine Zukunft selbst in die Hand nimmt? Welche Tipps haben Sie?

Das ist eine Frage, die man wirklich individuell beantworten muss, denn jeder Mensch ist anders. Das gilt natürlich auch für unsere Kinder. Ich kann nur so viel sagen, dass es sich lohnt, gemeinsam zu gucken, woran es hapert, wenn Kinder nicht ausziehen möchten und ob man den Weg ein stückweit zusammen gehen kann. Man kann Ängste nehmen, indem man eine Rechnung aufstellt, was das Leben außerhalb von "Hotel Mama" kostet und wie der Nachwuchs sein Leben gestalten kann, damit es bezahlbar ist. Wenn das erwachsene Kind sieht, so schwer ist das Leben nicht und alles ist machbar, kann es sogar Gefallen daran finden und ist schneller weg, als die Eltern gucken können.

Und was sollten Eltern auf keinen Fall machen?

Prinzipiell haben Eltern das "Recht", ihr volljähriges Kind vor die Tür zu setzen, also quasi Hausverbot zu erteilen, denn das "Wohnrecht" endet mit der Volljährigkeit. Allerdings kann man nicht einfach die Schlösser austauschen und das volljährige Kind von jetzt auf gleich auf die Straße setzen. Das empfehle ich niemandem, nicht nur moralisch, sondern auch rechtlich. Ich würde mir niemals anmaßen anderen zu sagen, was sie tun oder nicht tun sollen. Ich persönlich bin für friedliche und einvernehmliche Lösungen und suche immer das Gespräch. Das würde ich in jedem Fall vorziehen und sich, wenn es keine Gesprächsbasis gibt, Hilfe bei der öffentlichen, kostenlosen Familienberatung holen.

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Bildrechte: MDR / Nicole Schwalbe

"Lebensdoof®" ist das neuestes Buch von Nicole Schwalbe alias Lilly Fröhlich. Es ist ein lockerer Ratgeber mit hilfreichen Tipps, wenn du Hotel Mama verlassen willst.

Quelle: MDR um 4

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 24. Mai 2022 | 17:00 Uhr

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