Eigenes Auto oder Leihwagen? Die Vor- und Nachteile von Carsharing

Hermann-Josef Tenhagen von Finanztip
Hermann-Josef Tenhagen von Finanztip Bildrechte: Finanztip

Ein eigenes Auto ist praktisch, kann aber ordentlich ins Geld gehen. Eine Lösung, vor allem in Großstädten, ist Carsharing. Finanzexperte Hermann-Josef Tenhagen erklärt, für wen sich das Konzept eignet.

Tennhagen 19 min
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Das eigene Auto ist für viele Menschen – neben den Kosten für die Wohnung – der größte Posten im Haushaltsbudget. 400 bis 500 Euro im Monat fallen dafür an, und dann geht es noch nicht einmal um einen teuren Schlitten.

Angesichts steigender Benzinkosten fragen sich immer mehr Menschen, geht es nicht auch ohne eigenes Auto. Carsharing ist hier das passende Stichwort. Man kann sich das Auto auch mit anderen teilen. Sonst steht es ja mehr als 20 Stunden am Tag nur ungenutzt rum. 20.000 Euro oder mehr, die ungenutzt herumstehen.

Fragen für ein Leben mit oder ohne Auto

Aber funktioniert das wirklich, ein Leben ohne eigenes Auto? Die Antwort lautet: Ja! Aber natürlich kommt es auf Ihre Bedürfnisse an. Es kann praktisch und günstig sein, vielleicht aber aktuell auch noch unrealistisch.

Eigentlich lässt sich die Frage nach der Zweckmäßigkeit des eigenen Autos in drei einfachen Kategorien beantworten:

  • Wie oft brauche ich ein Auto?
  • Wofür brauche ich das Auto?
  • Wo lebe ich?

Und dann noch die Bonusfrage: Welchen emotionalen Wert hat mein Auto?

Es gibt Rechnungen, zum Beispiel vom ADAC, von Finanztip und von Carsharing-Unternehmen, die belegen, dass Carsharing für Sie wahrscheinlich günstiger ist als ein eigenes Auto, wenn Sie im Jahr deutlich weniger als 10.000 Kilometer fahren.

Lohnt sich ein eigenes Auto? Berechnen Sie die Fixkosten:

  • Ein eigenes Auto müssen Sie kaufen und es verliert jeden Monat an Wert.
  • Sie müssen es parken, das ist in Deutschland oft noch preiswert. In Berlin-Mitte kostet ein Anwohnerparkausweis 20,40 Euro im Jahr, in Leipzig 30,70 Euro, in Stockholm über 800 Euro im Jahr. Feste Stellplätze sind natürlich noch deutlich teurer.
  • Ein eigenes Auto müssen Sie versichern, das kann schon mehr kosten. Einige Hundert Euro im Jahr sind in jedem Fall fällig. Günstige Versicherungen finden Sie mit Finanztip.
  • Das eigene Auto müssen Sie reparieren und warten lassen.
  • Ihr Auto muss über den TÜV, mindestens alle zwei Jahre.

Egal ob sie wenige oder viele Kilometer fahren, diese Kosten fallen an. Und wenn Sie ein Auto leihen, egal ob beim Autovermieter oder beim Carsharing Unternehmen, fallen sie nicht an.

Betriebskosten variieren je nach Fahrleistung

Betriebskosten fallen natürlich trotzdem an. Beim eigenen Auto die Benzin- und Ölkosten, Flüssigkeiten für Scheibenwischer oder Kühler, alle paar Jahre neue Reifen. Beim geliehenen Auto die Kosten pro Kilometer, in denen diese Betriebskosten versteckt sind. Nach Jahren mit sehr moderaten Preisen sind die Benzinpreise 2021 sehr deutlich gestiegen.

Wenn Sie weniger Kilometer fahren, spielen die Fixkosten eine größere Rolle. Der Besitz des Autos ist dann der eigentlich teure Spaß. Tatsächlich nimmt die Zahl der durchschnittlich gefahrenen Kilometer pro Auto in Deutschland seit Jahren ab, während die Preise der Autos steigen. Die Fixkosten werden also immer wichtiger.

Dagegen aufwiegen können Sie aber immer noch die Verfügbarkeit des Autos. Ihr Auto steht fast jederzeit zu Ihrer Verfügung, wenn Sie es oft brauchen, ist das ein wichtiger Faktor, fast schon egal, wie viele Kilometer sie fahren. Prüfen Sie aber vorsichtshalber, wie oft Sie wirklich das Auto brauchen. Geht es auch mit dem Fahrrad, zu Fuß oder mit dem Bus? Wie schnell wäre ein Taxi da und was würden diese Alternativen verglichen mit dem eigenen Auto tatsächlich kosten? Von der Frage der Umweltbelastung und der Verstopfung ihrer Heimat mit den Blechkisten ganz zu schweigen.

Ein Vorteil ist natürlich die freiere Nutzung Ihres Autos. Ist es Ihres, können Sie am Bordstein eine Delle zuziehen und es ist nicht schlimm. Sie können den Einkauf übers Wochenende im Auto liegen lassen und die beiden Kindersitze auch. Im Auto sind Sie im Straßenverkehr sicherer. In Großstädten kommen häufig Radfahrer und Fußgänger im Verkehr ums Leben, deutlich seltener Insassen eines Autos.

Leihwagen oder Carsharing: Das richtige Auto für jeden Zweck

Wollen Sie aber am Wochenende mit ihrer neuen Freundin oder ihrem neuen Freund im schnittigen Cabrio Sachsens Alleen erkunden und am kommenden Wochenende den alten Schreibtisch ihrer Großmutter nach Salzwedel transportieren, reicht Ihnen vermutlich das eine eigene Auto nicht, sie bräuchten zwei Autos. Wenn Sie sehr viele unterschiedliche Nutzen für ihr Auto vorsehen, kann es gut sein, dass ein einzelnes eigenes Auto keine gute Lösung für ihr Nutzungsverhalten ist.

In beiden Fällen, Sie benötigen das Auto nur für wenige Fahrten und Sie benötigen eine Reihe sehr unterschiedlicher Autos, wären Leihwagen oder Carsharing die richtige Antwort.

In Großstädten können Sie oft zwischen mehreren Carsharing Firmen und zahlreichen Autoverleihern wählen. In der Kreisstadt oder auf dem Land ist die Auswahl oftmals deutlich kleiner und das Leihen teurer und schwieriger. In fast der Hälfte aller Städte zwischen 20. und 50.000 Einwohnern gibt es inzwischen ein entsprechendes Angebot. 855 Orte mit Angebot zählte der Carsharing-Verband 2021. Insgesamt gibt es also zu wenige Autos und die können Sie oft nur am Bahnhof ausleihen und zurückgeben, ein deutlicher Extraaufwand.

Carsharing lohnt sich bei wenigen Kilometern in der Großstadt

Wenn Sie nur wenige Kilometer im Jahr fahren, oft unterschiedliche Autos brauchen und in einer Groß- oder Universitätsstadt leben, in der Carsharing zum Standardangebot gehört wie Supermärkte, ist Carsharing ein super Angebot.

Dann geht es noch um das Maß zusätzlichen Komforts, das ein solches Angebot bietet. Wenn Sie die Autos von zwei Carsharing-Flotten nutzen können, entweder an der Station abgeholt oder per App in der Stadt gefunden, sind Sie glücklich. Zugang zu der Art Carsharing-Flotte kostet nicht mehr als ein Streaming-Abo und spart 200 bis 300 Euro im Monat an Raten für den Kauf des Autos.

Das emotionale Problem Auto können Sie so aber nicht lösen. Wenn Ihr Auto noch Ente, Olli, Haxe oder Tilly heißt, wird Carsharing den emotionalen Verlust des eigenen Autos kaum ersetzen könne. Aber wahre Liebe muss man sich eben leisten können.

Quelle: MDR um 4

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 08. Februar 2022 | 17:00 Uhr

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