Der Redakteur | 09.11.2021 Impfen gegen Corona: Womit soll ich mich boostern lassen?

Wir sind nicht gerade Impfweltmeister in Thüringen, hätten es aber werden können. Lässt sich der Rückstand mit geschlossenen Impfzentren und -stellen im Winter noch aufholen? Und wohin können sich Impfwillige wenden? Der Redakteur hat nachgefragt.

Impfpass mit drei eingetragenen Corona-Impfungen
Die Auffrischungsimpfungen gegen Corona haben begonnen. Bildrechte: imago images/Christian Ohde

Viele Bedenken und Vorbehalte gegenüber den Impfungen würde es gar nicht geben, wenn sich die Menschen auf das verlassen würden, was die Wissenschaftler zum Thema beitragen. Nicht alle Aspekte lassen sich in kurzen Posts erschöpfend abklären. Und leider verbreiten sich aus dem Zusammenhang gerissene Halbwahrheiten, längst überholte Erkenntnisse oder kompletter Unsinn besser als eine wissenschaftlich fundierte Abhandlung, deren Quellenangabe länger ist als so manche "Meinung", denen die Faktenbasis fehlt.

Weiterführende Informationen finden Sie in dieser Veröffentlichung des RKI, dem auch die Ständige Impfkommission angegliedert ist. Die Stiko besteht aus 18 unabhängigen Fachleuten, darunter Virologen und Vertretern der Ärzteschaft unterschiedlicher Fachrichtungen wie Hausärzte, Kinderärzte oder Frauenärzte, die ihre Entscheidungen auf Basis der weltweiten wissenschaftlichen Erkenntnisse treffen. Weitere Fragen und Antworten rund um Sicherheit und Zulassung der Impfstoffe hat das zuständige Paul-Ehrlich-Institut zusammengefasst. Aus diesen Quellen stammen auch unsere Antworten.

Mit welchem Impfstoff sollte die Auffrischungsimpfung stattfinden?

Die Empfehlung der Ständigen Impfkommission lautet: Es sollte ein mRNA-Impfstoff verwendet werden, unabhängig davon, welche Impfstoffe vorher verimpft wurden. Das gilt für alle in der EU zugelassenen Impfstoffe und auch für den Fall, dass bei Erst- und Zweitimpfung unterschiedliche Impfstoffe verwendet wurden.

Auffrischungsimpfungen werden in der Regel ab sechs Monaten nach Abschluss der ersten Impfserie empfohlen. Personen, die mit dem Impfstoff von Johnson & Johnson geimpft wurden und Personen mit einer schweren Immunschwäche, sollten frühestens vier Wochen nach der Impfung eine Optimierung der Grundimmunisierung erhalten.

Eine Tabelle zeigt die Wirksamkeit von sogenannten Kreuzimpfungen gegen das Corona-Virus.
Wirksamkeit von sogenannten Kreuzimpfungen Bildrechte: Rob Swanda, PhD

Ich habe Moderna bekommen und den Impfstoff gibt es derzeit nicht zum Boostern. Was tun?

Für die Auffrischung soll zwar möglichst der mRNA-Impfstoff benutzt werden, der bei der Grundimmunisierung zur Anwendung gekommen ist. Wenn dieser nicht verfügbar ist, kann auch der jeweils andere mRNA-Impfstoff eingesetzt werden. Das ist die Empfehlung der Stiko. Also: Nach einer Moderna-Grundimmunisierung kann die dritte Impfung Biontech sein.

Ich habe viele Antikörper, brauche ich eine Impfung?

Die Frage stellt sich im Zusammenhang mit einer durchgemachten Infektion oder im Zusammenhang mit der Auffrischungsimpfung. Die Antikörper sind ein Hinweis, dass sich das Immunsystem mit dem Erreger auseinandergesetzt hat. Eine individuelle Empfehlung, ab wie vielen Antikörpern eine Boosterimpfung nötig ist, kann derzeit nicht gegeben werden.

Es laufen dazu Studien, die aber letztlich für bestimmte Gruppen gelten wird, zum Beispiel Altersgruppen oder Menschen mit bestimmten Vorerkrankungen. Es spielen beim Immunschutz nämlich nicht nur Antikörper eine Rolle. So sind im Nasenbereich Lymphozyten unterwegs, die in B-Zelle, T-Zellen und Killerzellen eingeteilt sind. Diese sind sozusagen die erste Verteidigungslinie. Deren Nachweis ist etwas komplizierter als ein Antikörpertest.

Wir wissen auch, dass das angeborene Immunsystem eine wichtige Rolle spielt. Der nackte Ruf nach einer Boosterimpfung in Abhängigkeit von irgendwelchen Antikörperspiegeln, das ist zu kurz gegriffen.

Prof. Christian Bogdan, Immunologe, Ständige Impfkommission

Professor Christian Bogdan vom Universitätsklinikum Erlangen
Professor Christian Bogdan vom Universitätsklinikum Erlangen Bildrechte: Franziska Männel/Uni-Klinikum Erlangen

Das bedeutet: Man sollte sich an die Empfehlungen der Stiko halten und sich nicht auf Antikörpermessungen verlassen. Natürlich sind viele Antikörper ein Hinweis darauf, dass der Körper gut "gearbeitet" hat, aber der Schutz nimmt über die Monate hinweg ab, bei Kranken und Älteren mehr als bei jüngeren.

Und alle Genesenen, die eben nicht symptomfrei durchgekommen sind, müssen sich auch mit der Frage beschäftigen, welche Disposition eigentlich zu der Infektion und letztlich zu den vielen Antikörpern geführt hat. Absolut vorbildlich scheint das Immunsystem dann ja wohl doch nicht gearbeitet zu haben.

Machen Impfungen unfruchtbar?

Diese Behauptung gehört zu den hartnäckigsten Mythen. Sie gibt es nicht erst seit Corona, dreht aber jetzt verstärkt ihre Kreise durch die sozialen Netzwerke. Und das, obwohl Belege fehlen oder schlimmer noch: Es wird mit vermeintlichen wissenschaftlichen Erkenntnissen gearbeitet.

Dabei wird die Tatsache verdreht, dass das Antikörperprotein, das durch die mRNA-Impfung im Körper erzeugt wird, in sehr geringem Umfang eine strukturelle Ähnlichkeit mit dem Protein Syncytin-1 aufweist, das während einer Schwangerschaft an der Bildung der Plazenta beteiligt ist. Daraus wird der falsche Schluss gezogen, dass sich das Antikörperprotein nicht nur gegen das Coronavirus, sondern auch gegen das Protein Syncytin-1 richtet und so zur Unfruchtbarkeit führen kann.

Jede angebliche Ähnlichkeit zwischen dem SARS-CoV-2-Spike-Protein und dem menschlichen Protein Syncytin-1 wurde vollständig widerlegt. Die strukturelle Ähnlichkeit beschränkt sich lediglich auf 0,75% der Aminosäuren (5 Aminosäuren von 1273 Aminosäuren im Antikörperprotein bzw. von 538 Aminosäuren im Syncytin-1 Protein). Alle gemeinsamen Aminosäuresequenzen sind viel zu kurz, um eine Immunantwort auszulösen.

Stellungnahme des RKI

Grippe Impfung bei einer Schwangeren
Impfung für eine Schwangere. Bildrechte: IMAGO / Panthermedia

Sämtliche Studien, die dazu durchgeführt wurden, haben keinerlei Hinweise auf eine Unfruchtbarkeit gezeigt. Es sind sogar Probanden der Erststudien Eltern geworden. Hinzu kommt: Wenn man diese "Idee" weiterdenkt: Die gleiche Reaktion wie die Impfung löst auch die Infektion aus. Es müsste also weltweit die Zahl der Schwangerschaften signifikant gesunken sein. Und auch andere "Beweise" für eine drohende Unfruchtbarkeit wie ein verschobener weiblicher Zyklus sind in Wirklichkeit keine.

Es ist bekannt und unbestritten, dass Impfungen, Erkrankungen oder Medikamente - so wie auch Stress, Zeitverschiebungen, Klimaveränderungen, ein ungesunder Lebensstil zu Zyklusstörungen führen. Das ist vorübergehend und hat nichts mit Unfruchtbarkeit zu tun, schreibt das RKI.

Wann kommt der Tot-Impfstoff von Novavax auf den Markt?

Eine nicht unbeträchtliche Zahl von Menschen wartet auf vermeintlich sichere "herkömmliche" Impfstoffe, in der Hoffnung, die "Gefahren" der mRNA-Impfstoffe zu umschiffen. Wie klug es ist, zu warten, bis der Rettungsring in der Lieblingsfarbe verfügbar ist, das lässt sich schwer abschätzen. Das Zulassungsverfahren läuft, die Studien zeigen eine ähnlich hohe Wirksamkeit wie bei mRNA-Impfstoffen.

Wenn man das Tempo der bisher zugelassenen Impfstoffe als Vergleichswert nimmt, dann sollte es Anfang des kommenden Jahres losgehen mit dem Impfen. Nur, ob Novavax die Bedenken wirklich zerstreut, die bei den mRNA-Impfstoffen schon keine Basis hatten? Stichwort: Unsere Gene werden verändert.

Novavax wird nämlich hergestellt, indem man ein manipuliertes Baculovirus erzeugt. Das enthält ein Gen für ein modifiziertes SARS-CoV-2-Spike-Protein. Das ist das Protein, das bei mRNA-Impfstoffen nur als Bauplan in den Körper gelangt. Ob sich nun also die Wartezeit lohnt, in der man sich schließlich gleich das komplette Virus einfangen kann, das muss jeder für sich ausmachen.

Fehlen nicht die Langzeit-Studien bei den "neuen" Impfstoffen bezüglich "Langzeit-Nebenwirkungen"?

Dahinter steckt die Angst, eine unerwünschte Wirkung könnte erst mehrere Jahre nach der Impfung auftreten. Doch solche Nebenwirkungen sind bei noch keiner Impfung beobachtet worden und sie sind auch bei den Covid-19-Impfstoffen nicht zu erwarten. Der Impfstoff selbst wird innerhalb weniger Tage vom Körper abgebaut.

Das passiert auch mit anderen Fremdstoffen wie Viren oder Bakterien. Denn nichts anderes als ein Fremdstoff ist ein Impfstoff für das Immunsystem. Irgendwelche Bestandteile, die sich verselbständigen oder sich in die Gene einbauen könnten, sind nicht enthalten. Auch wenn das oft behauptet wird. Mehr zum Thema "Langzeitfolgen" finden Sie hier.

Sind - wie von AfD-Politikern behauptet - 2021 schon mehr Menschen an den Covid-Impfungen gestorben als in den letzten 20 Jahren?

Mit dieser These ist Joachim Kuhs, Europaabgeordneter der AfD, an die Öffentlichkeit getreten und hat dabei gleich mehrere Fehler gemacht. Der gravierendste ist, dass er Fragen stellt, statt Antworten zu liefern. Als Abgeordneter hat er viel bessere Möglichkeiten als jeder andere Bürger, sich zu informieren.

Damit vermeidet man völlig unbegründete Verunsicherungen in der Bevölkerung. Die abschließende Frage des Tweets "Was wird hier verheimlicht?" lässt sich sehr kurz beantworten: "Nichts." Denn transparenter wurde mit noch gar keinem Impfstoff umgegangen. Unsere konkrete Anfrage hat das Paul-Ehrlich-Institut mit einem dreiseitigen Schreiben beantwortet und in Kurzfassung klargestellt, "dass die Aussage in dieser pauschalen Form falsch ist" und es im wissenschaftlichen Sinne "auch nicht zulässig ist, was der Abgeordnete vergleicht."

Es ist die Geschichte mit den Äpfeln und den Birnen, es kommen falsche Zusammenhänge und Schlüsse hinzu und nicht vergleichbare Zeiträume und letztlich auch die Tatsache, dass noch nie so intensiv geforscht und nachgefragt wurde wie heute.

Zum Durchklicken: Das Corona-Virus in Thüringen in Grafiken

Quelle: MDR THÜRINGEN

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 09. November 2021 | 15:10 Uhr