Kinderarzt gibt Antworten Kinderimpfung: Warten auf den Kinder-Impfstoff?

Die SIKO empfiehlt die Corona-Schutzimpfung für Kinder mit erhöhtem Risiko ab fünf Jahren. Die EU-Arzneimittelbehörde EMA erlaubt hier eine Impfung mit dem Biontech-Vakzin. Ein Kinderimpfstoff ist in Deutschland noch nicht verfügbar. Ein Grund zur Sorge? Der Leipziger Kinderarzt Dr. Stephan Borte gibt Antworten.

Corona Impung für Kinder
Dr. Stephan Borte erklärt, "es sollten bevorzugt Kinder mit Vorerkrankungen oder immungeschwächte Kinder geimpft werden." Bildrechte: Colourbox.de

Wie sicher ist der Impfstoff für Fünf- bis Elfjährige?

Dr. Stephan Borte: Der Impfstoff ist genauso sicher, wie alle anderen Impfstoffe, die wir bei Kindern einsetzen. Ich würde mein Kind, sobald der Kinderimpfstoff verfügbar ist, beim Kinderarzt impfen lassen. Die Zulassung unterliegt großen Hürden. Alle Impfstoffe, egal ob sie für Erwachsene zugelassen sind oder für Kinder, müssen aufwendige und standardisierte Prüfungsverfahren durchlaufen. In klinischen Studien werden die Impfstoffe getestet. Nur wenn die Studienergebnisse zeigen, dass keine schweren Nebenwirkungen zu erwarten sind und der Impfstoff die erwartete Wirksamkeit zeigt, geht er ins Zulassungsverfahren bei der Europäischen Arzneimittelbehörde (EMA). Diese bewertet den gesundheitlichen Nutzen erneut und spricht eine Zulassung aus, so wie das beim Kinderimpfstoff von BionTech/Pfizer der Fall ist. Dann muss noch die Impfkommission ihr Urteil abgeben und empfiehlt offiziell die Impfung oder eben nicht. Ich gehe davon aus, dass nach der heutigen Empfehlung durch die Sächsische Impfkommission (SIKO) auch die Ständige Impfkommission (STIKO) nachzieht. Ich rechne mit einer Empfehlung um den 20. Dezember herum.

Dr. Stephan Borte
Dr. Stefan Borte: "Ich würde mein Kind, sobald der Kinderimpfstoff verfügbar ist, beim Kinderarzt impfen lassen." Bildrechte: Klinikum St. Georg

Und dann wird es einen speziellen Kinderimpfstoff geben?

Dr. Stephan Borte: Der Kinderimpfstoff enthält eine geringere Dosierung der mRNA und diese wiederum ist genau abgestimmt auf die Menge des Lösungsmittels. Das heißt, das Verhältnis mRNA und Lösungsmittel ist anders als beim Erwachsenenimpfstoff. Es ist wichtig sicherzustellen, dass der Impfstoff so verabreicht wird, wie es auch der Hersteller in seinen Studien gezeigt hat und da wurde ein Impfstoff für Kinder von fünf bis elf Jahren verabreicht, der eine niedrigere mRNA-Dosierung hat. Deshalb ist es sinnvoll, mit der Kinderimpfung noch zu warten.

Anmerkung der Redaktion: Nach neuesten Informationen soll der Impfstoff für Kinder nicht erst ab 20.12., sondern schon ab 13.12. ausgeliefert werden.

Wie wird die Dosierung festgelegt: Es gibt ja große Unterschiede hinsichtlich Gewicht und Entwicklung innerhalb der Fünf- bis Elfjährigen?

Dr. Stephan Borte: In den gängigen Arzneimittel-Studien, wie sie auch bei den Impfstoffen durchgeführt werden, testet man an standardisierten Gruppen. Zum Beispiel Babys und Kleinkinder bis vier Jahre, jüngere Kinder bis elf und so weiter. Dann wird geschaut, welche Menge an mRNA bringt den besten Schutzfaktor und ist gleichzeitig sicher und nebenwirkungsarm. Die klassische Regel ist: So wenig wie nötig an Wirkstoff, um eine hohe Immunantwort zu erzielen, und falls es bei höheren Dosierungen zu Nebenwirkungen kommt, fliegen die sofort raus und man nimmt die nächstniedrigere Dosierung. Das heißt konkret, wenn bei den Allerkleinsten in der höheren Dosierung eine Nebenwirkung aufgetreten wäre, dann hätte es dieser Impfstoff niemals in der Zulassung auf den europäischen Markt geschafft. 

Kinder haben ja meist leichte Verläufe, wenn sie sich anstecken, warum soll man sein Kind trotzdem impfen lassen? 

Dr. Stephan Borte: Das ist richtig, dass Kinder meist leichte Verläufe haben, aber es gibt eben auch Hinweise, dass eine COVID-Erkrankung bei Kindern so genannte PIMS (Pediatric Inflammatory Multisystem Syndrome) auslösen kann. Das sind Entzündungen an verschiedenen Organen, die zu schweren Verläufen führen können, so dass die betroffenen Kinder auf der Intensivstation behandelt werden müssen. Glücklicherweise gab es bisher keine Todesfälle oder schwere Folgeschäden in der Folge von PIMS. Aber das sind vermeidbare Zustände, die eben auch bei Kindern auftreten können.

Darüber hinaus zeigen Studien ganz eindeutig, dass auch bei Kindern Langzeitfolgen nach einer Infektion mit SARS CoV2 auftreten können. Auch Kinder mit einem milden Krankheitsverlauf können noch Wochen oder Monate danach Symptome haben, die ähnlich wie bei Erwachsenen als LongCovid oder PostCovid beschrieben sind. Dazu gehören Müdigkeit, Konzentrationsstörungen, Herz-Kreislauf-Beschwerden oder Schlafstörungen. Wir sollten die Kinder impfen, um diese schweren Einzelfälle zu vermeiden, und weil wir den Kindern, die geimpft werden möchten, auch eine Chance auf diesen Schutz geben wollen.

Welche Kinder sollten bevorzugt, welche ggf. nicht geimpft werden?

Dr. Stephan Borte: Es sollten bevorzugt Kinder mit Vorerkrankungen oder immungeschwächte Kinder geimpft werden. Zu den Krankheitsbildern, bei denen bevorzugt geimpft werden soll, zählen Herz-Kreislauferkrankungen, Down-Syndrom, Lungenerkrankungen, schweres Asthma oder Krebs.

Darüber hinaus sollen auch die Kinder ab fünf Jahren eine Impfung erhalten, deren Eltern das möchten. Ansprechpartner ist dann der betreuende Kinderarzt, der sich Zeit nehmen sollte für ein ausführliches Beratungsgespräch.

 

Bei Erwachsenen wird empfohlen, sich nach der Impfung zu schonen. Wie ist das bei Kindern, sollten die beispielsweise vom Sport befreit werden? 

Dr. Stephan Borte: Wir empfehlen, so wie nach anderen Impfungen auch, eine Schonung für einige Tage. In dieser Zeit sollte das Kind keinen Leistungssport betreiben, aber eine generelle Empfehlung dazu gibt es nicht. Meist wissen die Kinder und deren Eltern am besten, welche Aktivität zumutbar ist.

Infos zum Experten Dr. Stephan Borte ist Kinder- und Jugendmediziner am Klinikum Sankt Georg in Leipzig und zudem Chefarzt der Labormedizin.

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 02. Dezember 2021 | 21:00 Uhr

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