Coronaschutz Dritte Impfung: Ja oder Nein? – Mediziner beantwortet Patientenfragen

Für wen ist eine Booster-Impfung sinnvoll? Schützt sie gegen nachfolgende Corona-Mutationen? Darüber wird derzeit heftig diskutiert. Dr. Thomas Grünewald, Infektiologe am Klinikum Chemnitz, beantwortet Zuschauerfragen.

Arzt zieht eine Spritze aus einer Ampulle mit einem Covid 19 Impfstoff für die Impfung in einem Impfzentrum auf, Impfpass des Patienten liegt bereit
Die dritte Impfung wird vor allem Menschen über 70 Jahren empfohlen, erklärt Dr. Grünewald. Bildrechte: imago images/Bihlmayerfotografie

Wie sieht die Situation momentan bei Ihnen im Krankenhaus aus?

Dr. Thomas Grünewald: Noch sind es insgesamt wenige Patienten. Wir haben um die 70 Prozent ungeimpfte Patienten und 30 Prozent geimpfte. Alle geimpften Patienten haben Risikofaktoren, die den Impfdurchbruch sehr gut erklären, also Tumorerkrankungen, die das Immunsystem beeinträchtigen oder entsprechende Behandlungen. Auf der Intensivstation hatten wir bislang noch keinen einzigen geimpften Covid-Patienten.

Sind die Patienten mit den Impfdurchbrüchen generell weniger stark erkrankt?

Dr. Thomas Grünewald: Oftmals schon. Da ist es eher die Grundkrankheit, die dann unter Umständen Probleme machen kann.

Grünewald
Dr. Thomas Grünewald ist Infektiologe und Vorsitzender der Sächsischen Impfkommission. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wer braucht jetzt die dritte Impfung?

Dr. Thomas Grünewald: Wir wissen ja, dass die zwei Impfungen, die wir für die Grundimmunisierung haben, wahrscheinlich nicht ausreichend sind für einen sehr langfristigen Immunschutz. Und wir wissen, dass es bestimmte Risikogruppen trifft, wo dieser Immunschutz schneller nachlässt. Das sind die älteren Menschen, aber eben auch die immungeschwächten Menschen, genau die, die wir jetzt auch auf unseren Stationen sehen als Impfdurchbrüche.

Welche Altersgruppe betrifft das genau?

Dr. Thomas Grünewald: Impftechnisch gesehen können wir zurzeit sagen, 70 + ist die Grenze und wir sehen das auch bei den Impfdurchbrüchen. Die Menschen, die schwere Verläufe hatten als Impfdurchbrüche, sind hier in Sachsen alle über 70 Jahre gewesen, auch alle Todesfälle sind über 70 gewesen, kein einziger darunter.

Was ist mit jüngeren Menschen, sollten die jetzt ein drittes Mal geimpft werden?

Dr. Thomas Grünewald: Nachdem, was wir wissen, muss man sagen, das schadet nicht, aber es bringt wahrscheinlich auch nicht so viel.

Werden wir in Zukunft immer weiter impfen müssen und immer mit den gleichen Impfstoffen?

Dr. Thomas Grünewald: Das Gute ist, wir werden mehrere Impfstoffklassen zur Verfügung haben. Wir haben ja jetzt zurzeit zwei: die Vektorimpfstoffe und die mRNA-Impfstoffe. Es werden proteinbasierte Impfstoffe kommen, es werden unter Umständen noch mal abgeschwächte Ganzvirus-Impfstoffe kommen. Und dann können wir sogenannte heterologe Impfsequenzen machen. Das heißt, mit der ersten Klasse impfen als Grundimmunisierung und erweitern das Auffrischen dann mit einer anderen Klasse, was immunologisch gesehen tatsächlich besser ist. Wir werden die Impfstoffe immer wieder anpassen müssen an neue Varianten, das ist ganz wichtig, das Virus ist ja bemüht und es hat über die geringen Impfzahlen in Deutschland im Moment die Chance, dem Impfschutz tatsächlich zu entkommen, sogenannte Escapevarianten.    

Es kam vor, dass sich Patienten nach der ersten Impfung mit Corona infiziert und dadurch viele Antikörper gebildet haben. Sollten sie trotz hoher Antikörperwerte ein zweites Mal geimpft werden?

Dr. Thomas Grünewald: Ja, das macht Sinn, sich impfen zu lassen. Durch die zweite Impfung verlängert sich der Immunschutz und verbreitert sich das Abwehrspektrum. Das Problem mit dem Antikörperwert ist: Er allein ist nicht aussagekräftig genug. Es gibt trotz hoher Antikörperwerte Infektionen, trotz niedrigem Antikörperwert kann man gesund bleiben. Entscheidend ist das Immungedächtnis und wie die Immunzellen agieren. Auch dafür gibt es Tests. Die sind aber kompliziert und aktuell keine Routineuntersuchung.

Was passiert, wenn man COVID-19 hatte, aber keinen PCR-Nachweis darüber? Warum wird das nicht als genesen anerkannt?

Dr. Thomas Grünewald: Das ist eher eine politische Frage. Die aktuelle Rechtsverordnung ist momentan so, dass der Antikörperwert nicht zählt, man also nur als genesen gilt, wenn die Infektion per PCR-Test auch nachgewiesen wurde. Aber aus medizinischer Sicht würde ich sagen, dass man darüber diskutieren muss, wie mit solchen Fällen umzugehen ist.

Wird es irgendwann auch Impfungen für die Altersgruppe bis 12 Jahre geben?

Dr. Thomas Grünewald: Ja, es wird Impfangebote geben. Die Zulassungsverfahren laufen derzeit allerdings noch. Eine Zulassung ist nicht vor 2022 zu erwarten. Es würde mich wundern, wenn das schneller geht.

Quelle: MDR Hauptsache Gesund

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 09. September 2021 | 21:00 Uhr

Mehr Gesundheit

Weitere Ratgeber-Themen