Wenn das Gedächtnis nachlässt Nur vergesslich oder schon dement?

Wie war gleich nochmal meine PIN? Wo steht das Auto? Wer hat mich da gerade gegrüßt? Deuten solche Fragen auf normale Altersvergesslichkeit hin? Oder sind sie schon Anzeichen von Demenz? Und was hält das Gedächnis fit?

grauhaariger Mann greift sich mit beiden Händen an den Kopf
Alarmsignale für eine Demeinz sind Orientierungslosigkeit, Sprachschwierigkeiten oder Persönlichkeitsveränderungen. Bildrechte: Colourbox.de

Gedächtnisprobleme sind wie Kopfschmerzen – also sehr unspezifisch, sagt die Neuropsychologin Dr. Angelika Thöne-Otto vom Universitätsklinikum Leipzig. Nicht immer ist Vergesslichkeit gleichbedeutend mit Demenz. Es gibt sehr vielfältige Ursachen für das Nachlassen der Merkfähigkeit und oft sind sie harmlos. So können etwa Stresssituationen dazu führen, dass man vorübergehend unkonzentriert und vergesslich ist. Stutzig werden sollte man dann, sagt die Expertin, wenn man sich plötzlich in der häuslichen Umgebung nicht mehr zurechtfindet.

Was schränkt unsere Merkfähigkeit  ein?

Schlafmangel, Stress oder psychische Probleme können auch unser Gedächtnis beeinflussen. Das Gehirn schaltet auf Sparflamme und wir werden fahrig und vergesslich. Das ist aber in der Regel vorübergehend und wenn sich die Lebenssituation beruhigt, läuft alles wieder normal.

Anzeichen für eine Demenzerkrankung

Auch im Alter steckt nicht immer eine Demenzerkrankung dahinter, wenn man vergesslich wird. Alarmsignale sind Orientierungslosigkeit, Sprachschwierigkeiten oder Persönlichkeitsveränderungen. Liegt eine Demenzerkrankung vor, gehen zunehmend Gehirnzellen unwiederbringlich verloren.

Bei der Alzheimerkrankheit, der häufigsten Ursache für eine Demenz, bilden sich zudem Eiweißablagerungen im Gehirn, die für das Absterben der Zellen verantwortlich sein könnten.

Krankheiten, die die Gehirnleistung einschränken

Weitere Ursachen für Probleme mit dem Gedächtnis sind Durchblutungsstörungen im Gehirn. Mit dem Alter können sich vor allem die kleinen Gefäße verschließen und dann kann das Gehirn nicht mehr richtig arbeiten. Findet das an verschiedenen Stellen im Gehirn statt, sprechen wir von einer vaskulären Demenz, also einer schweren Beeinträchtigung der geistigen Leistungsfähigkeit durch Veränderungen an den Blutgefäßen. Auch Blutarmut, bedingt durch Eisenmangel, kann die geistige Leistungsfähigkeit beeinflussen und auch Vitamin B12-Mangel macht uns vergesslich und unkonzentriert.

Eigentlich können alle Krankheiten, die das Gehirn betreffen, die Hirnleistung und damit unser Gedächtnis beeinflussen. Dazu zählen die Parkinsonkrankheit, Schilddrüsenüber- oder -unterfunktion, Epilepsie und Entzündungen, ausgelöst durch Bakterien oder Viren.

Corona und Gedächtnis

Auch eine  Infektion mit dem Sars-CoV-2-Virus kann Gedächtnisprobleme nach sich ziehen. Es gilt mittlerweile als gesichert, dass Coronaviren Neuronen im Gehirn befallen können. Das Sars-CoV-2 gelangt vor allem über sogenannte ACE-2-Rezeptoren (Proteine) in die Körperzellen. Die Wissenschaft kann noch nicht genau erklären, ob das Virus selbst das Gehirn anfällt oder ob die neurologischen Symptome das Ergebnis des überstimulierten Immunsystems sind. Darüber hinaus kann das Gehirn durch andere COVID-Folgen geschädigt werden, zum Beispiel durch einen Sauerstoffmangel bei langer Beatmung und intensivmedizinischer Behandlung oder durch Schlaganfälle infolge der erhöhten Thromboseneigung, die das Virus offenbar hervorruft.

Immer mehr  Infizierte berichten von Symptomen wie Schwindel, Kopfschmerzen, psychischen Problemen und  Gedächtnisverlust. Diese treten zum Teil  Wochen oder Monate nach einer Corona-Infektion auf. Als Folge der  Covid-Erkrankung leiden viele Betroffene zudem unter chronischer Erschöpfung, der Fachbegriff ist Chronic Fatique Syndrom. Dabei kommt es zu körperlicher und geistiger Erschöpfung. Die Betroffenen klagen unter anderem über eine dauernde Müdigkeit, über Vergesslichkeit und sie können sich nur schwer konzentrieren.

Sport hält auch den Geist fit

Hirnforscher haben es längst herausgefunden: Sport geht in den Kopf. Bei sportlicher Aktivität wird die Durchblutung des Gehirns gesteigert und in den  Regionen, die für Lernen und Gedächtnis zuständig sind, werden neue Nervenzellen gebildet, sogar lebenslang. Sport ist also "Anti-Aging" fürs Gehirn. Je mehr der Körper sich bewegt, desto beweglicher bleibt auch das Gehirn. Es reicht, regelmäßig Bewegung in seinen Alltag einzubauen. Gerade Senioren können so aktiv ihr Langzeitgedächtnis und auch das Arbeitsgedächtnis verbessern. Das erleichtert den Alltag, wenn ich mehrere Dinge in meinem Arbeitsgedächtnis halten kann.

Soziale Kontakte und Gespräche

Nicht nur körperlich beweglich bleiben, auch geistig und sozial: Je mehr Abwechslung unser Gehirn bekommt, desto flexibler muss es arbeiten. Treffen mit Bekannten und Freunden, gemeinsame Gespräche oder Spiele lassen uns geistig rege bleiben und fördern das seelische Wohlbefinden. Gerade in dieser Zeit, wo wir wegen der Coronapandemie Kontakte so zurückfahren sollen, ist es wichtig, wenigstens am Telefon mit den Menschen in Kontakt zu bleiben und vielleicht beim Gang in die Apotheke oder an der Kasse im Supermarkt mit Abstand ein kurzes Gespräch zu führen.

Die richtige Diagnose

Wer sich Sorgen macht, sollte nicht lange zögern und schnell zum Arzt gehen. Die Hausärztinnen und Hausärzte können eine orientierende Untersuchung durchführen, ob etwas Krankhaftes hinter den Gedächtnisproblemen steckt und bei Bedarf eine weitergehende Diagnostik in einer spezialisierten Gedächtnisambulanzen empfehlen. In der Hausarztpraxis kann man sich entsprechend dazu beraten und überweisen lassen.

Die Diagnostik dort erfolgt in vier Schritten. An erster Stelle steht das Arztgespräch, bei dem Symptome in ihrem Verlauf, Beschwerden und Probleme umfassend besprochen werden. Mit speziellen Tests geht man dann weiter in die Tiefe. Dabei werden Gedächtnis, Konzentration, Sprache und Raumwahrnehmung geprüft. Auch das Blut liefert wichtige Hinweise, denn Krankheiten wie Schilddrüsenfunktionsstörungen oder Blutarmut können auch an Hirnleistungsstörungen beteiligt sein. Eine Untersuchung des Gehirnwassers kann noch spezifischer aufzeigen, woher die Schwierigkeiten kommen. Und nicht zuletzt liefern bildgebende Verfahren wie das MRT ein Bild zur Struktur des Gehirns. So können die Spezialisten erkennen, ob beispielsweise Durchblutungsstörungen vorliegen.

An der Universitätsklinik Dresden, aber auch in anderen großen Kliniken, gibt es noch eine weitere Möglichkeit – das sogenannte PET-CT. Dabei wird nicht nur die Struktur des Gehirns dargestellt, sondern auch dessen Stoffwechsel, also wie es arbeitet. Wenn Arbeiten wie in Dresden Neurologen und Psychiater eng zusammen, kann aus der Vielzahl der möglichen Ursachen für Gedächtnisstörungen schnell die entscheidende ermittelt werden. Je eher eine gezielte Therapie ansetzt, desto  besser lassen sich die Symptome behandeln und aufhalten.

Der Umgang mit Demenzkranken

Die Betroffenen selbst wollen es oft lange nicht wahrhaben, dass sie krank sind. Gerade Alzheimer verändert im fortgeschrittenen Stadium auch die Persönlichkeit. Die Patienten können apathisch sein oder auch aggressiv reagieren oder sie erkennen ihre nächsten Angehörigen nicht mehr. Deshalb ist es von Anfang an wichtig, die Familie und Bezugspersonen einzubeziehen.

Spezielle Gedächtnissprechstunden sind eine gute  Anlaufstelle. Dort bekommen die Angehörigen das nötige Rüstzeug für den Umgang mit dem Kranken. Wichtige Hinweise können Angehörige beim Beratungstelefon der Deutschen Alzheimer Gesellschaft erhalten. Neben vielem anderen etwa zu folgenden Fragen: Wie spreche ich mit meinem Partner oder meiner Mutter am besten über ihre Schwierigkeiten im Alltag? Welche Worte sollte ich im Umgang mit dem erkrankten Familienmitglied wählen?

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 05. November 2020 | 21:00 Uhr

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