Hörer machen Programm Warum juckt uns manchmal die Haut?

Wie entsteht Juckreiz? Was genau passiert in unseren Nervenbahnen, wenn wir das Bedürfnis entwickeln, die betreffende Stelle auf der Haut zu berühren? Und warum sorgt genau diese Handlung dafür, dass der Juckreiz aufhört? MDR-AKTUELL-Hörerin Katja Malik aus Görlitz möchte mehr über Sinn und Zweck des Juckreizes wissen.

Hand kratzt am Arm auf der Haut
Das unangenehme Kribbeln hat meist eine gesundheitliche Ursache, auf die uns der Körper aufmerksam machen möchte. Bildrechte: Imago/McPHOTO

Juckreiz ist genau wie Schmerz ein Schutzmechanismus. Unsere Haut signalisiert, dass etwas von außen auf sie trifft. Heftige Dinge wie Feuer oder ein Schlag genauso wie die Fliege, die sich auf unseren Arm setzt.

Wir empfinden das, um Reizen, die uns verletzen können, zu entgehen.

Sonja Ständer

Das sagt Professorin Sonja Ständer, die am Uniklinikum Münster ein fachübergreifendes Kompetenzzentrum zu Juckreiz leitet. Der Juckreiz ist quasi die Ergänzung zum Schmerz für die kleinen, leichten Dinge ... Bakterien, Pilze oder Parasiten.

"Das merken wir ja nicht als Schmerz. Also hat der Körper einen Mechanismus entwickelt, mit dem er diese nicht auf die Hautoberfläche gehörenden Organismen selbst entfernt. Indem er das Jucken entwickelt hat und die biologische Erfüllung liegt dann im Kratzen. Eigentlich ist das Kratzen das Wichtigste am Juckreiz." Der Sinn ist quasi, dass wir wegkratzen, was sonst Schaden anrichten könnte.

Juckreiz soll "leichte Dinge" beheben

Deswegen empfänden wir Juckreiz auf der Haut, auf Schleimhäuten oder in den Augen, aber nicht im Körperinneren, sagt Professorin Evelyn Gaffal, die Leiterin der Hautsprechstunde an der Uniklinik Magdeburg. "Weil der Juckreiz dafür gedacht ist, dass wir ihn beheben können, dass wir darauf reagieren. Dann macht es natürlich vor allen Dingen Sinn, dass es an Stellen juckt, an die wir rankommen."

Was in der Haut passiert, wenn eine Stelle juckt, beschreibt Spezialistin Sonja Ständer. "Dann hat man in der Haut einen lokalen Entzündungsmechanismus, der in Gang gesetzt wird. Dass die Mastzellen, so heißen diese Allergiezellen, Substanzen ausschütten wie Histamin, die zum Jucken führen."

Der Clou: Jucken hört nicht auf

Auch andere Hautschichten können juckende Botenstoffe abgeben. Entsprechend gibt es verschiedene Juckempfindungen. Nervenfasern leiten den Juckreiz über das Zentralnervensystem ins Gehirn. Nach neuesten Erkenntnissen können das auch für Schmerz zuständige Nervenfasern sein. Dass der Juckreiz sein komplett eigenes Nervennetz habe, wird nicht mehr angenommen. Und warum hört es auf zu jucken, wenn wir uns kratzen?

Die Wahrheit ist: Es hört gar nicht auf. Wir merken es nur nicht mehr. "Das Signal des Kratzens ist viel schneller im Rückenmark als das Signal, was durch das Jucken entsteht. Und dann werden die Signale einfach nicht mehr ans Gehirn weitergeleitet. Sie sind noch da, aber solange ich kratze, unterdrücke ich das."

Das ist der Grund, warum wir immer wieder kratzen müssen. Beim juckenden Mückenstich ist das nach Ansicht von Hautspezialistin Sonja Ständer unproblematisch. Selbst wenn wir mal bis aufs Blut kratzen.

Chronischer Juckreiz wird medikamentös behandelt

Wenn Menschen mit chronischem Juckreiz immer wieder kratzen, kann das zu schweren Hautschäden führen. Deshalb versucht die Medizin, den Patienten das Kratzgefühl zu geben, ohne dass sie wirklich kratzen.

Stattdessen bekommen sie Medikamente, die das Kratzsignal im Rückenmark auslösen. "Das nennen wir chemisches Kratzen. Da reden wir über Ausschüttung von Neurotransmitter. Diese Medikamente sind sozusagen im Moment der Standard, den wir als Therapie einsetzen", sagt Professorin Sonja Ständer vom Uniklinikum Münster.

Fast jeder vierte Deutsche hat wenigstens einmal im Leben mit länger dauerndem Juckreiz zu tun. Neurodermitis, ein juckendes Ekzem, ist bei Kindern die häufigste Hautkrankheit. Auch innere Erkrankungen wie Diabetes, Leber- und Nierenerkrankungen und Krebs können Juckreiz verursachen. Aber in etwa der Hälfte der Fälle spricht man von idiopathischem Juckreiz. Das ist Juckreiz, bei dem sich keine eindeutige Ursache finden lässt.

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 29. November 2021 | 06:00 Uhr

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