Volkskrankheit Adipositas So teuer ist Übergewicht

Über die Hälfte aller erwachsenen Deutschen ist übergewichtig. Adipositas-Behandlungen und Arbeitsausfälle sind Teil der Konsequenzen und die kosten Geld. Pro Jahr kommt eine Summe im unteren zweistelligen Milliardenbereich zusammen. Die Volkskrankheit kommt uns so teuer zu stehen.

Rund 29 Milliarden Euro jährlich kosten Adipositas-Behandlungen das Gesundheitssystem. Das sind rund 11 Prozent aller Gesundheitsausgaben und heruntergerechnet heißt das für jeden Steuerzahler, etwa 430 Euro seiner Steuern fließen dafür in das Gesundheitssystem, so eine Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD).

Dahinter stecken gleich mehrere Gründe. So ist das Risiko für Übergewichtige größer, an Herz-Kreislauferkrankungen, Bluthochdruck und Knochenproblemen zu erkranken. Besonders deutlich ist aber der Zusammenhang zu Diabetis: Allein 70 Prozent der Behandlungskosten für Diabetes sind durch Adipositas verursacht.

Darüber hinaus wird fast jede medizinische Behandlung aufwändiger, wenn der Patient übergewichtig ist. So ist in der Pflege mehr Personal nötig, wenn ein schwerer Patient zum Beispiel angehoben werden muss. Aber auch die Ausstattung wird teurer. Pflegebetten für XXL-Patienten haben eine höhere Traglast und eine Überbreite von einem Meter dreißig.

Chris Schürmeier, Inhaberin eines Leipziger Sanitätshauses
Chris Schürmeier ist Inhaberin eines Leipziger Sanitätshauses. Bildrechte: MDR

Die Bereitstellung schlägt vor allem bei den Krankenkassen zu Buche. "Ein normales Pflegebett wird vermietet für ein Jahr und kostet als Kassenleistung 610 Euro üblich", erklärt Chris Schürmaier. Sie ist Inhaberin eines Leipziger Sanitätshauses. "Wenn man dann auf so ein Schwerlastbett gehen muss, fällt das Doppelte an – da ist man bei 1220 Euro".

Mehr als fünffacher Preis für den XXL-Rollstuhl

"Man kann davon ausgehen, dass ungefähr viermal Mehrkosten im Mittel für Patienten mit Adipositas anfallen als für Menschen mit einem niedrigeren Körpergewicht", erklärt Matthias Blüher. Er leitet das Adipositas-Zentrum der Uniklinik Leipzig. "Und da ist noch nicht mal rein gerechnet, dass einige technische Hilfsmittel zum Beispiel von den Kassen auch gar nicht übernommen werden".

Das Übergewicht kostet also auch die betroffenen Patienten selbst ordentlich extra. Aber auch Kliniken und Krankenhäuser. Sie müssen teurere Technik vorhalten, zum Beispiel für die Operation von Übergewichtigen. Dafür kommen OP-Tische zum Einsatz, die zum Teil für bis zu 300 Kilogramm Traglast ausgelegt sind. Doch manchmal reicht selbst das nicht aus.

Prof. Dr. Matthias Blüher - Leiter des Adipositas-Zentrum Leipzig im Interviewbild
Prof. Dr. Matthias Blüher ist Leiter des Adipositas-Zentrum Leipzig. Bildrechte: MDR

"Tatsächlich habe ich selber miterlebt, dass wir schwer übergewichtige Menschen in die Tierklinik fahren mussten, um dort die Möglichkeiten einer Großtier-Untersuchung zu nutzen", berichtet Matthias Blüher. Er ergänzt aber, dass es sich dabei schon um eine extreme Ausnahme handelt.

Selbst im Tod zahlen Übergewichtige drauf

Höhere Behandlungskosten, höhere Aufwendungen für Technik und Hilfsmittel - was das Leben vieler Übergewichtiger prägt, verfolgt sie sogar bis in den Tod. Denn selbst sterben oder genauer bestatten ist für Normalgewichtige billiger.

Denn Särge, Krematorien und Grabstellen - alle wachsen mit dem Körpergewicht mit. Einige Kommunen haben sich inzwischen darauf eingestellt und erheben Zusatzgebühren für solche Beerdigungen, etwa für zusätzliche Sargträger. Die sind schließlich nötig, um das zusätzliche Gewicht zu stemmen und müssen auch bezahlt werden. Auch eine Feuerbestattung kommt Angehörige von Übergewichtigen teurer zu stehen. Schon weil Krematorien für Särge mit Überbreite auch größere Öfen brauchen.

"Es geht einerseits um die schlichten Abmessungen, da geht es nicht nur um das hohe Gewicht, sondern auch um die Möglichkeit, stattliche Körper angemessen aufbahren zu können im Sarg", weiß Henrik Clemens. Er ist Geschäftsführer des Zwickauer Unternehmens IFZW, das Öfen für Feuerbestattungen herstellt. Immer mehr Krematorien fragen bei ihm nach den XXL-Öfen.

"Früher hatte man Körpergewichte von 100 bis 150 Kilo", erinnert sich Clemens. "Das ist das, was üblich war. Alles andere war selten. Heute haben wir Körpergewichte von über 300 Kilo, noch relativ häufig bis 450 Kilo und mehr."

Übergewicht - die neue Normalität?

Was Clemens schildert, kennen auch die Kliniken und Pflegeeinrichtungen: Alle stellen sich auf mehr Menschen mit Übergewicht ein. Selbst Rettungsdienste wie die Feuerwehr halten zunehmend Drehleitern und Krankentragen für besonders schwere Personen vor. Die vergangenen Jahre haben gezeigt, dass sie gebraucht werden. Die Erfahrungen aus der Praxis decken sich mit der aktuellen Forschung. Zwischen 18 und 65 Jahren sind laut DGE rund 60 Prozent der Männer übergewichtig und rund 37 Prozent der Frauen. Mit dem Alter wächst der Anteil der Betroffenen. Das sind die Ergebnisse des 14. Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE).

Und diese Erkenntnisse gab es schon vor Corona. "Tatsächlich haben wir gesehen, dass in den letzten neun Monaten durch die Corona-Pandemie-Maßnahmen gerade im Kindes und Jugendalter wir über ein bis drei Kilogramm Gewichtszunahme sprechen", sagt der Leipziger Forscher Blüher. Das ist eine Erkenntnis aus einer bisher unveröffentlichten Studie von ihm. Eine andere: Die Gewichtszunahme trifft auch stark die Jungen. " Und vor allen Dingen Jugendliche, die auch schon vorher ein Gewichtsproblem hatten".

Selbst Blüher habe überrascht, mit welcher Geschwindigkeit sich das Gewichtsproblem während Corona verschärft habe. Gegensteuern sei sicher sinnvoll, aber, das haben die vergangenen Jahre gezeigt, eben nicht durch den Aufruf zu gesünderem Essen und mehr Bewegung so einfach zu erreichen. Wichtig ist deshalb wohl auch, in allen gesellschaftlichen Bereichen vorzusorgen, um den Bedürfnissen übergewichtiger Menschen besser gerecht zu werden. Denn sie werden auf absehbare Zeit nicht weniger.

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | UMSCHAU | 16. Februar 2021 | 20:15 Uhr

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