Digitalisierung Zahnmedizin der Zukunft: die Praxis 4.0

Eine Berechnung per Scan macht aufwändige Gebissabdrücke überflüssig. Die Behandlung wird von den gesetzlichen Krankenkassen finanziert. Wir erklären, wie sie funktioniert und warum sie (noch) selten im Einsatz ist.

Gebiss Scan ist auf Monitor zu sehen.
Der Gebissabdruck wird hier durch ein errechnetes Modell am Rechner ersetzt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Viele Bereiche erleben momentan den Aufbruch ins digitale Zeitalter – so auch die Zahnmedizin. Statt dem ungeliebten Gebissabdruck mittels Abdrucklöffel erstellt mancherorts eine Intraoralkamera ein virtuelles Modell am Computer. Dr. Conrad Kühnöl, Zahnarzt und Zahntechniker aus Dresden, ist noch weiter. Er arbeitet voll digital mit virtuellen Patientendaten – in der Zahnarztpraxis 4.0.

Die Zahnarztpraxis 4.0.

Der Begriff 4.0 kommt eigentlich aus der Industrie und bezeichnet dort ein sehr modernes Zusammenspiel von Mensch, Maschine und Produkten auf der Grundlage von Daten und dem Internet. Mittels künstlicher Intelligenz können so viele Arbeitsschritte digitalisiert und optimiert werden.

Auf eine Zahnarztpraxis übertragen bedeutet das: Nicht nur Patientenerfassung, Röntgendiagnostik, klinische Befundung, Funktionsprüfung, aber auch Werkstoffauswahl und Therapieentscheidung laufen als voll digitalisierte Prozesse ab, sondern der gesamte Patient wird virtuell und mittels künstlicher Intelligenz befundet und behandelt.

Dass an der digitalen Praxis kein Weg mehr vorbeigeht, davon ist Dr. Kühnöl überzeugt. Für ältere Kollegen allerdings sei es schwer, denn die Investitionen in die Technik sind enorm. "Wer jetzt noch ein paar Jahre bis zur Rente hat, für den lohnt es sich nicht mehr, so viel zu investieren. Das bekommen Sie nicht abbezahlt bis zur Rente."

Zahnarztpraxis
Hier schaut der Zahnarzt nicht mehr in den Mund, sondern auf die gestochen scharfen Bilder auf dem Monitor. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Minimale Fehlstellungen werden frühzeitig erkannt

Für den Patienten birgt so eine digitale Zahnarztpraxis Chancen. Beim regelmäßigen Scannen des Gebisses und dem anschließenden Röntgen können so minimale Kieferfehlstellungen, Wangenabdrücke, kleinste Abriebe an der Zahnoberfläche oder auch Zähne, die falsch stehen, in die Entscheidung für ein Implantat oder eine implantatgetragene Brücke einbezogen werden. Dabei sammelt der Computer erst einmal Daten und bietet dann selbstständig eine Therapieentscheidung an.

Kann der Zahnarzt über Jahre das Gebiss digital erfassen, lassen sich Prozesse erkennen, die vielleicht erst in fünf oder zehn Jahren Probleme bereiten können. 80 Prozent aller Menschen haben Zahnfehlstellungen, aber nur zwölf Prozent leiden darunter. Die Aufgabe des Zahnarztes ist es, herauszufinden, ob Zähne, die sich möglicherweise verschieben oder deren Kauflächen abgenutzt sind, später einmal zu Funktionseinschränkungen führen können. Mit einem digitalen Scan über mehrere Jahre kann der Zahnarzt so früh gegensteuern.

Das Implantat – digital geplant und eingesetzt

Nach dem Abfotografieren des Gebisses wird der Kopf im Kieferbereich geröntgt. Dabei werden zahlreiche digitale Daten gesammelt, die später helfen, ein Implantat genau zu planen. Dabei geht es aber nicht nur um Ästhetik, sondern auch um funktionelle Entscheidungen. Wie bewegt der Patient/die Patientin den Kiefer? Gibt es schon Abriebe an den Zahnoberflächen?

Der Computer macht dabei einen Vorschlag für den zukünftigen Zahn – dabei tastet er virtuell jeden Zahn der Patientin/des Patienten ab und errechnet sein Modell anhand der vorhandenen Zähne. Dann beginnt die gemeinsame Planung des Eingriffs. Der Patient kann am Monitor genau jeden Schritt verfolgen. Wenn Lage und Länge des Implantats geplant sind, wird per Mausklick eine Bohrschablone gebaut. Die funktioniert im Prinzip wie eine Bohrschablone aus dem Baumarkt für Holz- oder Metallbohrungen. So weiß der Zahnarzt, in welchem Winkel er bohrt und wie tief, damit weder Knochen, noch Mundhöhle oder Nerv verletzt werden. Auch wenn der Computer die Form des Zahnes vorschlägt, kann der Zahnarzt oder die Zahnärztin noch individuell Details planen, etwa die Form der Außenfläche anpassen, dass später mal keine Nahrungsreste zwischen Zahn und Zahnfleisch hängen bleiben.

Bohrschablone
Anhand der digitalen Daten wird dann eine Bohrschablone angefertigt. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dr. Kühnöl: Nicht teurer als eine herkömmliche analoge Behandlung

Ein Mausklick genügt und die Datei der Bohrschablone wird zum Zahntechniker geschickt. Nur eine Viertelstunde braucht es, um die Schablone anzufertigen. Früher bzw. anderswo erledigte dies ein externes Labor, der Patient musste anschließend erneut zum Zahnarzt kommen. Die eigentliche Behandlung kann bei Dr. Kühnöl gleich im Anschluss erfolgen.

Und wer jetzt denkt, das ist doch nur etwas für Privatpatienten, dem sei gesagt – nein, auch gesetzlich Versicherte werden bei Dr. Kühnöl in Dresden digital behandelt. Für die Krankenkassen sei das in der Regel nicht teurer als eine herkömmliche analoge Behandlung - zum Benefit der Patienten.

Quelle: MDR Hauptsache Gesund

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Hauptsache Gesund | 21. Oktober 2021 | 21:00 Uhr

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