Klimaaktivistin im Interview "Wir stecken mitten in der Klimakrise"

Lisa Göldner engagiert sich seit ihrer Jugend bei der Organisation "Greenpeace", mittlerweile sogar hauptberuflich. Im Gespräch bei MDR um 4 erklärt sie, was jeder Einzelne für den Klimaschutz tun kann – und macht deutlich, wo die Politik schnellstmöglich handeln müsste.

Lisa Göldner
Lisa Göldner setzt sich seit ihrer frühen Jugend für den Klimaschutz ein. Bildrechte: Lucas Wahl/Greenpeace

Wann haben Sie angefangen, sich für Umwelt zu interessieren?

Lisa Göldner: Wirklich schon in sehr jungen Jahren. Ich habe in meiner Schulzeit angefangen, mich bei Greenpeace zu engagieren. Ich komme aus einer sehr politischen Familie. Meine Eltern haben sich schon gegen Atomkraft engagiert, zum Beispiel gegen das Endlager in Gorleben. Ich habe mit zwölf angefangen, bei Greenpeace mitzumachen, bei einem sogenannten Greenteam. So heißt das Kinderprojekt von Greenpeace. Ich war danach bei der Greenpeace-Jugend, habe mich während meines Studiums in der ehrenamtlichen Ortsgruppe in Berlin engagiert. Seit drei Jahren arbeite ich hauptberuflich bei Greenpeace.

Gab es damals einen Auslöser? Oder sind Sie mit den Eltern reingewachsen?

Lisa Göldner: Durch das Engagement meiner Eltern habe ich immer schon erlebt, dass es sich wirklich lohnt und dass es wichtig ist, sich zu engagieren. Es gibt viele Dinge, die mich empören, die Klimazerstörung, die Artenkrise. Und es ist wichtig, was dagegen zu machen. Denn wenn man nichts tut, verändert sich auch nichts, außer vielleicht zum Schlimmeren. Es hat mir schon in jungen Jahren große Sorgen bereitet zu sehen, dass sich das Klima verändert, dass Tiere leiden, dass Menschen infolge der Klimakrise leiden.

Wie sieht Ihr Alltag aus? Wie verreisen Sie zum Beispiel?

Lisa Göldner: Ich beziehe zum Beispiel Ökostrom. Man braucht ein paar Klicks, und dann kommt nur noch Strom aus der Steckdose, der mit Sonne, Wind und Wasser produziert ist. Es macht einen riesen Unterschied für meinen CO2-Fußabdruck. Ich esse kein Fleisch, sondern ernähre mich schon seit der Jugend weitestgehend vegan. Und ich besitze kein Auto. Ich wohne in Hamburg und bin da nur mit dem Fahrrad oder mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs. Und wenn ich in den Urlaub fahre, dann fahre ich mit dem Zug.

In einer Großstadt mit funktionierendem Nahverkehr ist das natürlich wunderbar. Aber haben Sie auch Tipps für die vielen Menschen, die auf dem Land leben, wo nicht alle halbe Stunde ein Bus oder eine Straßenbahn im Zehn-Minuten-Takt fährt?

Lisa Göldner: Das stimmt. Man könnte sich dafür engagieren, dass es einen besseren ÖPNV gibt. Das ist ein Großteil dieser Verkehrswende, die wir brauchen, um unseren Verkehr klimafreundlich zu gestalten. Ich hoffe, dass es dadurch möglich wird, dass mehr Menschen ihr Auto einfach mal stehen lassen können und stattdessen ganz bequemen in den Bus oder in den Zug steigen können. Wer mag und kann, kann auch kleine Strecken zu Fuß gehen oder das Fahrrad nehmen. Gleichzeitig sollte man auch wirklich die Stimme erheben, vielleicht auch mal im Rathaus anrufen und fragen: Warum fährt hier so selten ein Bus? Das muss sich ändern.

Was ist Ihnen denn am schwersten gefallen, in Sachen Verzicht fürs Klima?

Lisa Göldner: Ich finde tatsächlich den Verzicht aufs Fliegen wirklich schwierig. Es gibt so viele spannende Ecken, die ich eigentlich gerne bereisen würde. Zu wissen, dass es jetzt gerade noch nicht möglich ist, klimafreundlich auf einen anderen Kontinent zu reisen, macht mich schon traurig.

Gerade sind die Nachrichten voll davon, dass Captain Kirk ins All geschossen wurde. Was halten Sie denn von diesem von diesem Weltraumtourismus?

Lisa Göldner: Es wirkt auf mich wie ein ziemlich teures Hobby weniger, sehr, sehr reicher Menschen. Es gibt auf dieser Welt unglaublich große Probleme, die man mit dem Geld, das da ins All geschossen wird, lösen könnte.

Wie positionieren Sie sich denn zum Thema Kohleausstieg?

Lisa Göldner: Wir stehen bei Greenpeace dafür, dass das letzte Kohlekraftwerk in Deutschland spätestens 2030 vom Netz geht. Also acht Jahre früher als ursprünglich geplant. Im deutschen Kohleausstiegsgesetz steht noch das Jahr 2038. Darin steht aber auch schon, dass es bestimmte Überprüfungszeitpunkte gibt, in denen gecheckt wird, ob der Kohleausstieg vorgezogen werden kann. Mit den angehobenen Klimazielen führt kein Weg daran vorbei, den Kohleausstieg vorzuziehen.

Zum Thema Atomausstieg: Sechs Atomkraftwerke gehen noch vom Netz. Wenn jetzt die 130 Kohlekraftwerke auch noch vom Netz gehen, die derzeit 45 Prozent unseres Energiebedarfs abdecken, wie füllen wir das Loch?

Lisa Göldner: Es geht es natürlich nicht darum, dass man auf einmal alle Kohlekraftwerke abschaltet. Das wird schrittweise passieren. Die Lücke muss mit Wind, mit Solar, mit Wasserenergie gefüllt werden. Wir müssen die erneuerbaren Energien massiv ausbauen.

Noch ein Totschlagargument zum Schluss: Warum sollten wir uns ab sofort intensiv mit dem Thema Klimaschutz beschäftigen?

Lisa Göldner: Wir stecken bereits mitten in der Klimakrise. Die Welt hat sich schon um einen Grad erhitzt, und die Folgen sehen wir weltweit – auch in Deutschland. Und wir müssen verhindern, dass es noch schlimmer wird, dass noch größeres Leid auf dieser Welt passiert. Und das dafür braucht es jede und jeden Einzelne von uns.

Sie sind eine von denen, die schon ganz viel dafür tun. Danke für das Gespräch!

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Quelle: MDR um 4

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR um 4 | 14. Oktober 2021 | 17:00 Uhr

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