Der Redakteur | 03.06.2022 CO2-Zertifikate verkaufen: Wie funktioniert das?

Unser Hörer Michael Hansmann aus Leipzig bekommt immer wieder Werbung bei Facebook gezeigt, dass E-Auto-Besitzer über den Verkauf von CO2-Zertifikaten Geld verdienen können. Er fragt sich, wie seriös das ist und wie das wirklich funktioniert.

Tesla Model 3 an einer Ladesäule für E-Autos
Aufgrund der Treibhausgasminderungsquote erhalten die Besitzer von E-Autos zwischen 300 und 400 Euro pro Jahr. Bildrechte: IMAGO / MiS

Hintergrund für die neue Einkommensquelle E-Auto ist die "Treibhausgasminderungsquote", kurz: THG-Quote. Die damit verbundene Bürokratie kann mit dem Namen durchaus mithalten, am Ende steht aber für den E-Auto-Fahrer ein jährlicher Betrag zwischen 300 und 400 Euro.

Seit 1. Januar 2022 ist dieses Zusatzeinkommen möglich, entsprechend holprig gestaltet sich die Umsetzung. Denn am Ende braucht es einen Dienstleister, über den die Auszahlung abgewickelt wird, und diese Dienstleister lernen quasi auch jeden Tag dazu. Die Verbraucherzentrale empfiehlt deshalb, bei der Auswahl des Dienstleisters genau hinzuschauen.

Was soll das eigentlich alles?

Unternehmen, die Kraftstoffe in den Markt geben, sind gesetzlich verpflichtet, den damit verbundenen CO2-Ausstoß Jahr für Jahr um vorgeschriebene Prozente zu senken. Sonst drohen Strafzahlungen. Bei angenommen gleichbleibender Produktionsmenge von Benzin und Diesel kann ein Mineralölkonzern den Ausstoß natürlich nicht wirklich reduzieren. Also wurden den Unternehmen verschiedene tatsächliche oder auch nur rechnerische Möglichkeiten der CO2-Reduzierung an die Hand gegeben, die lukrativer sind, als die Strafzahlungen.

Ladekabel in Ladebuchse eines E-Autos. 9 min
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9 min

Der Referent für E-Mobilität von der Verbraucherzentrale Marcel Haidar erklärt, wie die CO2-Zertifikate für E-Auto-Fahrer funktionieren und wie man sie an Kraftstoffproduzenten verkaufen kann.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 03.06.2022 16:40Uhr 09:22 min

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Ab 2015 konnte die Reduzierung durch die Beimengung von Biokraftstoffen erreicht werden. Seit 2018 werden strombasierte Kraftstoffe wie Wasserstoff oder synthetisches Methan einbezogen und auch das Aufstellen von Ladesäulen wird quasi als Treibhausgasminderung anerkannt und wirkt sich positiv auf die Quote des Unternehmens aus.

Im Ergebnis ist schon eine ganze Reihe von Ladesäulen zum Beispiel an Tankstellen entstanden, deren Fehlen bisher viele Autofahrer vom Umstieg auf E-Mobilität abgehalten haben. Seit Januar 2022 wird nun auch deren CO2-freies Fahren in das System einbezogen.

Wie komme ich nun zu dem Geld?

Um persönlich von der THG-Quote zu profizitieren, muss ein E-Fahrzeug beim Kraftfahrtbundesamt auf meinen Namen zugelassen sein. Das muss ein reines Elektrofahrzeug sein, kein Hybrid. Neben dem E-Auto sind auch E-Motorräder, E-Roller und sogar Busse möglich, nicht aber E-Bikes, denen fehlt die Zulassung.

Dieser alljährliche Weg zu den 300 bis 400 Euro führt übers Einreichen der Zulassungsbescheinigung beim Umweltbundesamt. Das soll den Missbrauch und das Mehrfachkassieren verhindern. Mit der Bestätigung des Umweltbundesamtes sucht sich der Halter einen Dienstleister, der natürlich auch etwas verdienen möchte.

Einige übernehmen den Antrag beim Umweltbundesamt, andere nicht. Die unterschiedlichen Geschäftsmodelle und die sich jährlich verändernden Berechnungsvariablen des sich ja auch verändernden Gesamtmarktes erklären die unterschiedlich hohen Ausschüttungen.

Warum brauchen wir diese Dienstleister?

Es holt sich ja auch nicht jeder sein Öl an der Quelle. Jedenfalls treten die Dienstleister mit den gebündelten Zertifikaten ihrer Kunden beispielsweise an die Ölmultis heran und verkaufen denen "unsere" Zertifikate. Die Konzerne wissen, wieviel sie davon noch brauchen, um die noch teureren Strafzahlungen zu vermeiden. Am Ende steht ein Preis, der abzüglich der Provision an die Kunden der Dienstleister durchgereicht wird.

Mittlerweile haben sich verschiedene Geschäftsmodelle entwickelt, mitunter bekommen die Kunden das Geld zeitnah zum Antrag, dann ist die Ausschüttung oft geringer. Wer warten kann, wieviel Geld der Dienstleister tatsächlich für das Zertifikat erlöst hat, bekommt meistens mehr.

Auch gibt es unterschiedliche Vertragslaufzeiten, Vergleiche lohnen sich durchaus. Neben jungen Start-Ups sind auch etablierte Unternehmen wie Versicherungen, Autovermieter oder Automobilclubs als Dienstleister auf dem Markt.

Welche Kritik gibt es?

Die THG-Quote ist durchaus ein Bürokratiemonster, das am Ende, wenn man so will, an der Tankstelle bezahlt wird. Denn die zahlungspflichtigen Ölkonzerne holen sich ihre Kosten genau dort wieder. Allerdings soll über den Preis ja die Energiewende beschleunigt werden.

Nach wie vor geführt wird auch die Diskussion darüber, dass die THG-Quote quasi indirekt durch die Anrechnungsmöglichkeit von Palmöl und von Palmölprodukten die Umweltzerstörung in den Anbauländernfördert - abgesehen von den Transportwegen. Und da ist auch die Frage der Flächennutzung für Biokraftstoffe angesichts weltweiter Hungerkrisen angesiedelt. Und die Verbraucherzentrale weist darauf hin, dass die soziale Komponente außen vor ist, es geht dabei um die Leute, die schlicht kein Auto nutzen (können).

Leute, die Rad fahren und den ÖPNV nutzen, werden nicht dafür belohnt, dass sie gar ein Auto nutzen. (…) Wer sich ein E-Auto leisten kann, ist vielleicht auf die 400 Euro nicht angewiesen.

Marcel Haidar Referent E-Mobilität Verbraucherzentrale

MDR (mw)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 03. Juni 2022 | 16:40 Uhr

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