Luther und seine Krankheiten Wutausbrüche, Realitätsverlust und Tod

Parallel zum wachsenden Leiden und Älterwerden entwickelte sich Luthers immer unleidlicheres, manchmal menschlich erschütterndes Verhalten. Der ältere Luther hatte kaum noch etwas mit dem jungen gemein. Als er 1519 an der Disputation mit Johannes Eck in Leipzig teilnahm, verfasste der Humanist Petrus Mosellanus eine eindrucksvolle Beschreibung: "Martinus ist nur mittelgroß, hager und von Sorgen ebenso wie von vielem Studieren so ausgemergelt, dass man in der Nähe alle Knochen am Leibe zählen kann. Aber er steht noch im frischen Mannesalter. Seine Stimme klingt hell und klar. Außerordentlich ist seine Gelehrsamkeit und Schriftkenntnis. [...] Im Umgang ist er fröhlich und freundlich, überhaupt nicht finster und stolz, weiß sich in verschiedenen Personen und Zeiten zu schicken." Weiter schreibt er, dass Luther in Gesellschaft heiter und witzig verkehre und stets sicher und freudig sei, ganz gleich, wie arg seine Widersacher mit ihm umgingen. Jedoch:

Zum Vorwurf aber machen ihm die meisten, dass er in der Polemik wenig Maß hält und bissiger ist, als sich für einen Theologen ziemt.

Humanist Petrus Mosellanus, 1519

Luther wirkte immer unkontrollierter

War der Ton in Luthers frühen Schriften – die 95 Thesen von 1517 eingeschlossen – noch gemäßigt, war Verhandlungsbereitschaft zu erkennen, so nahmen mit den Beschwerden Wutausbrüche und Polemiken zu. Schon 1524 verlor er jedes Maß in seinen Predigten gegen Andreas Karlstadt und dessen Gemeinde in Orlamünde. Selbst wenn man berücksichtigt, dass Grobheit in der damaligen Zeit normal war, so wirkten die Beleidigungen Luthers und der Umgang mit seinen Gegnern immer unkontrollierter, nicht zuletzt seine Schrift gegen die 1525 aufständischen Bauern.

1528 hielt er ausgerechnet seiner Wittenberger Gemeinde vor, es tue ihm längst leid, die Reformation überhaupt in Gang gesetzt zu haben. In der Neujahrspredigt 1530 kündigte er seiner Gemeinde von der Kanzel einen Predigtstreik an: Lieber wolle er tollen Hunden predigen. Erschöpfung, Verbitterung und Realitätsverlust gewannen Zug um Zug die Oberhand.

Huldrych Zwingli
Gegen den Schweizer Reformator Huldrych Zwingli wetterte Luther genauso maßlos wie gegen Andreas Bodenstein und aufständische Bauern. Bildrechte: imago/United Archives International

Als 1529 das vom hessischen Landgrafen Philipp angeregte Marburger Gespräch mit dem Schweizer Reformator Zwingli stattfand, wollte Luther wegen seines schlechten Gesundheitszustandes erst nicht reisen. Doch sein Landesherr wünschte seine Teilnahme. Es ging um große Politik – die Kräfte der Reformbewegungen und Rom-Gegner zusammenzuführen – und um Theologie, vor allem um die Interpretation des Abendmahls.

Krank reiste Luther nach Marburg und wirkte auch entsprechend auf die Schweizer. Ihm selbst waren Zwingli und dessen Leute unsympathisch. Er sah in dem anderen deutschsprachigen Reformationszentrum auch eine Konkurrenz. Entsprechend war Luther zu keinem Kompromiss bereit, verhielt sich wie ein Ideologe, der gegen Abweichler schärfer polemisiert als gegen den Hauptfeind Rom. Dass sich der damals 46-jährige Luther den desaströsen Ausgang des Treffens schönredete, hat auch mit seinen Krankheiten zu tun. Jedenfalls hatten seine Leiden längst konkrete und folgenschwere Auswirkungen.

Zwei Schriften wie sie verschiedener nicht sein könnten

Je schwächer Luther körperlich wurde, desto mehr witterte er überall Missgunst und Feinde, desto heftiger und giftiger wurde seine Feder. Seine Zornesausbrüche wurden immer gefürchteter. Etliche Nahestehende wandten sich von ihm ab. Selbst sein Freund Philipp Melanchthon dachte zwei Mal daran, Wittenberg zu verlassen. 1543, Luther war inzwischen 60, verfasste er seine wüste Schrift "Von den Juden und ihren Lügen", die ihn 500 Jahre später wieder einholen und in einen Zusammenhang mit dem Holocaust bringen sollte. Nichts war mehr da von dem werbenden und verbindlichen Ton von 1523, als er die Schrift "Dass Jesus ein geborener Jude sei" veröffentlicht hatte. Liest man die zwei Schriften nebeneinander, ist kaum zu fassen, dass sie von demselben Autor stammen.

Genauso maßlos schlug Luther gegen den Papst um sich. Neue Argumente hatte er in der Schrift "Wider das Papsttum zu Rom, vom Teufel gestiftet" (1545) nicht, nur der Ton wurde nochmals verschärft. Die Zunge solle man dem Papst ausreißen, ihn am Galgen annageln usw. Für die Bebilderung gab der Reformator sogar selbst die Motive vor.

Immer häufiger wechselte die Reizbarkeit mit Melancholie und Depression. Im Sommer 1545 teilte Luther von Zeitz aus seiner Käthe mit, dass er am liebsten gar nicht zurückkehren würde. Das seinerzeit geschenkte Haus wolle er dem Kurfürsten zurückgeben, alles andere solle sie verkaufen. Die Studenten seien sowieso verloddert. "Nur weg aus diesem Sodom!" Abordnungen von Kurfürst, Magistrat und Universität suchten ihn auf, um ihn umzustimmen. Luthers Mitstreiter Caspar Cruziger vermerkte dazu: "Er war aufgebracht über eine unbedeutende Stelle oder aus Argwohn, den er, ich glaube, gegen uns alle gefasst hatte." Es war kein Auskommen mehr mit Luther.

Letzte Reise und Ende

Im Herbst 1545 baten die Grafen von Mansfeld Luther, in einer Streitsache zwischen ihnen zu vermitteln. Das war nach Luthers Geschmack; so gefragt hatte er sich lange nicht gefühlt und sah sich verpflichtet. Im Januar 1546 trat er die Reise an, obwohl der Kurfürst wegen des schlechten Gesundheitszustandes davon abriet. Es sollte Luthers letzte Reise sein. Begleitet wurde er von seinen Söhnen, seinem Famulus Ratfeld, dem Diener Ambrosius und seinem alten Weggefährten Justus Jonas.

Totenmaske von Martin Luther und Gipsabguss seiner Hände
Totenmaske von Martin Luther und Gipsabguss seiner Hände Bildrechte: imago/epd

Es war Winter, Frost und Tauwetter wechselten sich ab. Auf der Zwischenstation Halle predigte Luther sogar. Kurz vor Eisleben stieg er vom Wagen und ging zu Fuß. Er geriet ins Schwitzen und verspürte ein Schweregefühl im linken Arm sowie "eine Compression des Herzens und gleichsam Erstickungsnot" – klassische Zeichen für einen sich anbahnenden Herzinfarkt. Seiner Frau Käthe schrieb er verharmlosend, es gehe ihm gut, und sie solle ihn mit ihren Sorgen um ihn in Ruhe lassen. Sorgen mache ihm nur sein offenes Bein. Weil der Arzt Matthäus Ratzeberger davor gewarnt hatte, dass die Fontanelle abheilt, bat er um Sendung eines Ätzstiftes. Ansonsten sei seine Mission erfüllt, der Streit der Mansfelder Grafen grundsätzlich beigelegt. Das war Luthers letzter Brief.

Am 15. Februar 1546 predigte Luther in Eisleben unter größten Mühen. Es fielen schlimme antijüdische Sätze. Dann hatte Luther eine Vorahnung:

Wenn ich wieder heim gen Wittenberg komm, so will ich mich alsdann in Sarg legen und den Maden einen feisten Doctor zu essen geben.

Martin Luther

Am 17. Februar fühlte sich Luther so schwach, dass er sein Zimmer im ersten Stock nur kurz zum Abendessen mit seinen Söhnen und Freunden verließ. Dann sagte er: "Mir wird aber weh und bange wie nie zuvor, um die Brust." Gegen 21 Uhr schlief Luther ein, wachte nur kurz nach eineinhalb Stunden auf und schlief dann wieder bis ein Uhr des neuen Tages. Er spürte wieder Beklemmungen und ein Frösteln. Zu Justus Jonas sagte er:

Ach, Herr Gott, wie ist mit so wehe; ach, lieber Dr. Jonas, ich achte, ich werde hie zu Eisleben, da ich geboren und getauft bin, bleiben.

Martin Luther

Wieder stand Luther auf und wurde mit warmen Tüchern abgerieben. Luther begann zu schwitzen und sagte: "Ja es ist ein kalt Totenschweiss, ich werde meinen Geist aufgeben, denn die Krankheit mehret sich." Die Ärzte wurden herbeigerufen. Luther war von Todesangst ergriffen: "Mir ist sehr weh und angst, ich fahre dahin; ich werde nun wohl in Eisleben bleiben." Der Reformator zitierte aus dem Johannes-Evangelium und betete aus dem 68. Psalm. Dann lag er ruhig mit geschlossenen Augen da und antwortete auf Ansprache nicht mehr. Luther war am Infarkt gestorben, in der dritten Morgenstunde des 18. Februar 1546. Er war 62 Jahre alt. Angesichts seiner Krankheits- und Leidensgeschichte war der Tod eine Erlösung.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 25.02.2017 | 19:05 Uhr