In der Leipziger Bahnhofsmission Warten und Ankommen im Advent

Der Advent ist die Zeit des Wartens auf Weihnachten – und ganz wörtlich übersetzt bedeutet er: Ankunft. An Bahnhöfen treffen sich Wartende und Ankommende jeden Tag – doch worauf warten die Menschen, die in den Bahnhofsmissionen Hilfe suchen? Und wo möchten sie ankommen? Andreas Roth hat sie in der Leipziger Bahnhofsmission gefragt.

Sophie Wischnewski von der Leipziger Bahnhofsmission
Die Tür ist geöffnet: Die Leipziger Bahnhofsmission Bildrechte: Andreas Roth

Es ist ein sehr besonderer Warteraum im Leipziger Hauptbahnhof. Wer an den Tischen hier sitzt, schaut auf keinen Fahrplan. So wie dieser Mann: Mit sauber gestutztem Bart und silberner Brille schaut er versunken in seine Tasse. Was er hier sucht?

Die Züge oben an den Gleisen scheinen nur für die anderen abzufahren. Hier im Untergeschoss des Leipziger Bahnhofs finden sich Menschen ein wie dieser 68-Jährige: Die Adventszeit mit den eigenen Kindern ist ihm nur eine ferne Erinnerung, jetzt schläft er draußen. An stillgelegten Bahngleisen.

Ich warte schon jahrelang nicht mehr. Ich glaube an Gott, das ist mein Vorteil. Ich habe Hoffnung, dass er mir hilft. Ich habe Hoffnung, die Hoffnung stirbt zuletzt.

Noch mal Anlauf nehmen

Auch diese Frau ist fast jeden Tag in der Bahnhofsmission. Still und allein sitzt sie an ihrem Tisch. Ein Tuch sorgfältig um den Hals geschlungen, Brille und halblange graue Haare, ein sensibles Gesicht. Sie ist Akademikerin, es ist ihr erster Advent ohne Wohnung.

Advent – für mich wäre das eher eine Art Aufbruch. Wichtig ist ja vor allem Licht und Wärme, was man mit Advent auch verbindet. Ein Aufbruch in eine neue Zukunft, noch mal Anlauf nehmen und die Dinge neu ordnen.

Sie glaube nicht an Gott, sagt die Frau. Sie glaube an die Kraft, die in ihr liegt. In diesen Tagen übernachtet sie in einer städtischen Unterkunft. Aber das soll sich ändern. "Ich warte nicht nur – ich bin auf der Suche nach neuen Lebensperspektiven. Dass man produktiv sein kann, dass man auch was Sinnvolles zustande bringen kann am Tag – das fehlt mir eben sehr“.

Mehr Menschlichkeit wagen

Sophie Wischnewski steht an der Ausgabe der Bahnhofsmission. Draußen wartet schon eine Schlange Menschen auf Kaffee, den sie mit ihren Kolleginnen vom Fenster aus verteilt – corona-konform. Auch die junge katholische Sozialarbeiterin wartet im Advent.

Sophie Wischnewski von der Leipziger Bahnhofsmission
Sophie Wischnewski von der Leipziger Bahnhofsmission an der Ausgabe Bildrechte: Andreas Roth

Ich warte immer darauf, dass sich Situationen verbessern und dass es mehr Angebote in der Stadt Leipzig gibt, wo sich unsere Gäste hinwenden können. Und ein bisschen hoffe ich, dass es in der Adventszeit ein bisschen mehr Mitmenschlichkeit auch bei Vermietungen gibt.

Sophie Wischnewski

Etwa 160 Tassen Kaffee kochen Sophie Wischnewski und ihre Kollegen am Tag. Der Bedarf ist groß.

Ein Mann in Lederjacke, mit buntem Basecap und rotem Gesicht kommt in die Küche der Bahnhofsmission. Er erzählt von seinem Leben ohne Wohnung, von seinem Advent – bis er vehement zur Seite gestoßen wird. Manche Gäste der Bahnhofsmission werden auch aggressiv.

Warten auf Jesu Ankunft

Carlo Arena leitet seit 18 Jahren die Bahnhofsmission, das Projekt von Caritas und Diakonie in Leipzig. Für ihn ist die Adventszeit ist eine besondere Zeit. "Wir warten auf das Ankommen von Jesus, in dem im Kleinen, im Verborgenen Gott zu uns kommt. In der Bahnhofsmission erleben wir das immer besonders stark. Diese Zeit erinnert uns daran, dass wir jeden Tag Jesus erwarten. Und Jesus kommt hier auch in der Bahnhofsmission an - in Gestalt von vielen verschiedenen Menschen.“

Für den Mann mit dem bunten Basecap ist es vielleicht der letzte Advent auf der Straße. Er hofft, in zwei Monaten seine eigene Wohnung beziehen zu können. Es wäre eine adventliche Ankunft – auch nach Weihnachten.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. Dezember 2021 | 09:15 Uhr