Mit Autismus leben Niclas sucht eine Wohnung – vergebens

Niclas lebt mit Autismus. Er teilt sich per Sprachcomputer mit und braucht Unterstützung im Alltag. Der 21-Jährige möchte auf eigenen Beinen zu stehen und sich von zu Hause zu lösen. Das wünscht sich auch seine Mutter. Doch Niclas Wohnungssuche dauert bereits mehrere Jahre.

Niclas Hochstein und seine Mutter Evelyn starten mit einem festen Plan in den Tag. Das ist wichtig für den 21-Jährigen – er lebt mit einer Autismus. Wegen einer erblichen Stoffwechselstörung ist er kognitiv beeinträchtigt und verständigt sich mit einem sogenannten Talker.

Selbstständig kommunizieren per Sprachcomputer

Verschiedene Symbole für Dinge und Tätigkeiten auf einem Tablet-PC
Auf dem Computer sind Symbole, Piktogramme und Bilder gespeichert. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit Hilfe dieses Sprachcomputers teilt Niclas seine Wünsche und Gefühle mit. Seine Mutter speichert darauf regelmäßig Bilder von neuen Personen und Eindrücken. Zum Beispiel die Buschwindröschen, die sie mit Niklas bei einem Spaziergang im Wald gesehen hat: "So kann Niclas seinen Wortschatz erweitern. Er möchte ja genauso Smalltalk führen wie andere Menschen auch", sagt Evelyn Hochstein.

Für Niclas ist es nicht nur wichtig, möglichst selbstständig zu kommunizieren. Er möchte auch in anderen Lebensbereichen auf eigenen Beinen stehen. Seine Mutter sucht bereits seit vier Jahren nach einer neuen Wohnmöglichkeit für Niclas.

Das 'Ich' ausleben mit Autismus-Spektrum-Störung

Dass ihr Sohn flügge werden möchte, ist für Evelyn Hochstein völlig verständlich: "Jeder Mensch will sein eigenes 'Ich' finden, auch Menschen mit Autismus. Doch in unserer Gesellschaft ist es leider noch nicht üblich, zu denken, dass Menschen wie Niclas ein eigenes 'Ich' und das Recht haben, für sich selbst zu bestimmen."

Vor einigen Jahren hat Niclas schon mal in einem Wohnheim gelebt. Doch die Betreuer verstanden oft seine Bedürfnisse nicht. Das löste Stressanfälle bei ihm aus. Deswegen holte ihn die gelernte Erzieherin nach Hause und gab ihren Beruf in einer Kita auf.

Blonde Frau
Evelyn Hochstein sucht eine Wohnung für ihren Sohn. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Am besten geeignet wäre für Niclas eine Wohngemeinschaft, in der wenige Menschen mit Beeinträchtigung leben und den Tag gemeinsam gestalten. Er braucht Betreuer, die ihn ernst nehmen und Mitbewohner, mit denen er kommunizieren kann. Und das möglichst schnell, sagt Evelyn Hochstein: "Aktuell bin ich ja nicht nur Mutter. Ich bin Therapeutin, Lehrerin und Freundin gleichzeitig. Ich weiß auch nicht, wie lange ich das noch durchhalte."

Zu wenig geeignete Möglichkeiten

Unterstützt wird Evelyn Hochstein von Claudia Fritsche vom Autismuszentrum Leipzig. Sie besucht die Familie in Wurzen und hilft, für Niclas einen Platz in einer Wohneinrichtung zu finden. Ihrer Erfahrung nach ist er kein Einzelfall. Viele erwachsene Autisten, die wie Niclas nicht sprechen können, haben es schwer, eine eigene Wohnung zu finden, sagt Claudia Fritsche: "In der Umsetzung scheitert es oft an bürokratischen Hürden, zum Beispiel an der Finanzierung, die Eltern und ihre Kinder an ihre Grenzen bringen. Die Erfahrung zeigt, dass es oft keine Möglichkeiten gibt, weil Kostenträger den Bedarf nicht anerkennen."

Doch der Bedarf ist da, wie Niclas Hochstein beweist. Seine Mutter Evelyn bleibt zuversichtlich: "Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass wir etwas finden, wo es ihm gut geht und er sich verwirklichen kann. Einen Ort, an dem er zeigen kann, was er ist und was ihn ausmacht. Dann geht es mir natürlich auch gut und ich kann ich auch mein Leben wieder leben."

Die Debatte um Werkstätten für Menschen mit Behinderung

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 13. Februar 2022 | 08:00 Uhr