Film über die Flucht der 3 Kruzianer jetzt in der ARD-Mediathek Über Tokio in den Westen: "Wir wussten nicht, was passieren würde"

Über Tokio flüchten im Herbst 1988 drei Jungs aus dem Dresdner Kreuzchor in den Westen. Von "Menschenraub" ist die Rede in den DDR-Nachrichten. Tatsächlich wirft die spektakuläre Flucht von Thomas Nitschke, Johannes Klügling und Michael Diedrich bis heute Fragen auf. Stephan Liskowsky und Dinah Münchow haben zwei der Chorjungs von einst getroffen, um zu ergründen, warum sie als 17-Jährige das Risiko eingingen und wie ihr Leben danach verlief.

Thomas als 17-jähriger mit seinem Vater. Dieser sollte seinen Sohn zurück holen, blieb aber selbst im Westen. 45 min
Thomas als 17-jähriger mit seinem Vater. Dieser sollte seinen Sohn zurück holen, blieb aber selbst im Westen. Bildrechte: MDR/Nitschke

Es soll ein großes Abenteuer werden, damals im Herbst 1988. Von den 150 Kruzianern darf nur jeder zweite mit, aus dem Tal der Ahnungslosen brechen sie am 25. Oktober auf ins Land der aufgehenden Sonne. Auftreten werden sie auch in Tokio, einer der größten und modernsten Metropolen der Welt. Die Konzerte mit Kantor Martin Flämig versprechen Renommee und Devisen, beides kann die DDR, die kirchliche Musik zuhause nicht so propagiert, gut gebrauchen. Vor der Abreise wurde nichts dem Zufall überlassen. Nur die Besten und Zuverlässigsten sollten auf die Liste. Doch dann gelingt drei von ihnen die filmreife Flucht.

Tokio-Hotel 1988: Filmreife Flucht

Eheamlige Kruzianer erinnern sich an ihre DDR-Flucht: Über Tokio in den Westen.
Thomas Nitschke und Johannes Klügling auf dem heutigen Campus der Kruzianer in Dresden Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Es ist nicht das erste Mal, dass Kruzianer eine Tournee nutzen, um sich aus der DDR in den Westen abzusetzen. Doch die Fluchtgeschichte, die sich im Herbst 1988 ereignet, wird zur deutsch-deutschen Staatsaffäre. Thomas Nitschke, Johannes Klügling und Michael Diedrich sind gerade 17 und haben lange vor der Abreise den Plan gefasst. Aus dem Hotel in Tokio fliehen die drei Freunde am 7. November direkt in die BRD-Botschaft und sitzen noch am gleichen Tag mit bundesdeutschen Pässen in einer Lufthansa-Maschine nach Frankfurt am Main.

Das war eine riesige Entscheidung als 17jähriger: unsere Familien und unsere Freunde im Stich zu lassen letzten Endes, um das mal drastisch zu formulieren. Mit der Chance, sie vielleicht in 20 Jahren wieder zu sehen.

Johannes Klügling

Eine Nachrichtensprecherin vor einer Karte von DDR und BRD verliest die Meldung von der Kruzianer-Flucht.
Die Flucht in der DDR-Nachrichtensendung "Aktuelle Kamera" Bildrechte: Deutsches Rundfunkarchiv

 "Unerträgliches Zwieleben" in der DDR

Ein Coup, der heute noch erstaunt – und damals nicht nur in den Westmedien Schlagzeilen macht, sondern es sogar in die Hauptnachrichten der Aktuellen Kamera im DDR-Fernsehen schafft. Darin ist von "gezielter Abwerbung" und einer "eilfertig organisierten Verfrachtung" von "DDR-Jugendlichen" die Rede. Der Entwurf für einen Kommentar der staatlichen Nachrichtenagentur ADN entsteht nach den Recherchen des Dresdner Musikhistorikers Matthias Herrmann direkt bei der Stasi. Unterzeichnet sei der Text nicht nur von Stasi-Chef Erich Mielke, sondern auch mit dem Kürzel von Staats- und Parteichef Erich Honecker, "Einverstanden E.H.", wie Herrmann – in den 1960er- und 1970er-Jahren selbst Kruzianer – erklärt: "Also, es ging wirklich über die absolute Spitze von Partei und Staatsführung. Völlig irrational. Was hängt die Existenz der DDR von drei Kruzianern ab?"

Kantor Michael Flämig, der Herrmann zufolge selbst ein "Wanderer zwischen den Welten" ist und sich alle zwei Wochen nach dem Gottesdienst in der Kreuzkirche in seinen VW-Käfer setzt, um in die Schweiz zu fahren, spricht von "Treulosigkeit" und beklagt den Verlust seiner erstklassigen Männerstimmen. Das "unerträgliche Zwieleben" in der DDR sei für ihn nicht mehr auszuhalten gewesen, so formuliert einer der Jungs, Michael Diedrich, damals in Interviews sein Motiv für die Flucht:

Ich denke völlig anders, als ich reden muss. Und ich muss so reden, wie es denen lieb ist. Sonst ecke ich an und das wird nichts.

Michael Diedrich

Wie Johannes und Thomas ist Michael christlich erzogen, als Kruzianer besucht er die Kreuzschule, eine reguläre erweiterte Oberschule der DDR mit Staatsbürgerkundeunterricht und lebt im Internat. Herrmann zufolge werden beide Einrichtungen systematisch von der Stasi überwacht, in dem man "nach und nach einzelne Lehrer und auch Erzieher für diese Funktion gewonnen hat". Um beispielsweise zu überprüfen, "ob die Kinder zur Christenlehre gehen, wie die Situation der Eltern ist." Offenbar sei man in diesem Fall nicht besonders erfolgreich gewesen.

Eheamlige Kruzianer erinnern sich an ihre DDR-Flucht: Über Tokio in den Westen.
Dresdner Musikhistoriker und Ex-Kruzianer Matthias Herrmann Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Kruzianer-Flucht als deutsch-deutsche Staatsaffäre

Tatsächlich werden die drei Tenöre "nach einem Zwischenaufenthalt in der zentralen Aufnahmestelle des Landes Hessen in Gießen, in das Internat des Windsbacher Knabenchores weitergeleitet" und "vom Leiter des Windsbacher Knabenchores, Beringer, Karl-Friedrich, in diesen Chor integriert". So dokumentiert die Stasi das Ziel der Flucht, wie sich im Bundesarchiv die "Information Nr. 519/88 über das ungesetzliche Verlassen der DDR durch drei Sänger des Dresdener Kreuzchores" heute nachlesen lässt. Alle Versuche, die Jungs zurückzuholen scheitern. Der berühmte DDR-Unterhändler Wolfgang Vogel kehrt unverrichteter Dinge heim so wie die Mütter von Johannes und Michael, die ihre Söhne überzeugen sollen. Schlimmer noch: Der Vater von Thomas, der seinen Sohn zur Rückkehr überreden soll, bleibt aus guten Gründen selbst im Westen, muss dafür Frau und Tochter zurück lassen.

"Menschenraub" oder Freiheitswille?

Eheamlige Kruzianer erinnern sich an ihre DDR-Flucht: Über Tokio in den Westen.
Thomas Nitschke mit seinem Vater Bildrechte: Familie Nitschke privat

Die Gastspiele der Windsbacher in der DDR werden abgesagt, deren Kantor Behringer wird als "Menschenräuber" hingestellt, in der Nacht klingelt sein Telefon, er bekommt Morddrohungen. Ein deutsch-deutsches Kulturabkommen wird auf Eis gelegt. Musikhistoriker Herrmann sieht vor allem ein Motiv für die Flucht: "Es war einfach der Freiheitswille der jungen Leute." Kein Zufall vielleicht, dass es drei Tenöre gewesen sind: "Tenöre sind in den Knabenchören die gefragtesten Stimmen nach dem Stimmbruch und manche fühlen sich wie Auserwählte. Es gibt da so einen anekdotischen Ausspruch: Wenn irgendeiner was ausgefressen hat, dann kann es ja nur ein Tenor sein!" Zunächst fühlen sich die drei Jungs hingegen wie Gejagte. Presse und TV-Sender belagern ihre neue Unterkunft in dem fränkischen Ort. Dass ausgerechnet Windsbach zum Ziel wird, liegt daran, dass ein ehemaliger Kruzianer den evangelischen Knabenchor in Franken 1946 begründete und enge Beziehungen bestanden. Eine Verbindung, die sich bis heute fortsetzt. Der gerade ins Amt eingeführte neue Kreuzkantor Martin Lehmann war zuvor Leiter des Windsbacher Knabenchores und einst Kruzianer.

Treffen in Dresden

Eheamlige Kruzianer erinnern sich an ihre DDR-Flucht: Über Tokio in den Westen.
Thomas Nitschke und Johannes Klügling in der Dresdner Kreuzkirche Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Mit ihrer Flucht haben sie es in die Nachrichten geschafft und ihrem Leben eine dramatische Wende gegeben. Mehr als 30 Jahre später stehen Thomas Nitschke und Johannes Klügling wieder in der Kreuzkirche. Michael haben sie seit 25 Jahren nicht mehr gesehen. Sie kennen nur das Gerücht, er würde im Kloster leben. Für sie ist die Kreuzkirche immer noch ein besonderer Ort: Dort oben auf der Orgel-Empore hatte ich meinen ersten Soloauftritt, mit zehn Jahren vor 5.000 Menschen", staunt er: "Ich musste mich festhalten." Die Musik ist immer noch wichtig in seinem Leben, wenn auch eher im Privaten. Nach dem Abitur machte er eine Banklehre und studierte Jura. Heute lebt er in München und ist als Finanzberater tätig. Johannes Klügling studierte Gesang und verlängerte gerade seinen Vertrag beim Rundfunkchor des rbb in Berlin. Im Rückblick sagt er:

Wir wussten nicht, was passieren würde. Mit 17. Aber wir haben das durchgezogen. War 'ne coole Sache.

Auch Thomas Nitschke hat die Flucht "nie bereut" und hält nicht für ausgeschlossen, dass sie ein Zeichen setzte in dem Land, in dem viele mit dem "Zwieleben", der Wirtschaftsmisere und dem Gefühl des Eingesperrt- und Überwachtseins haderten:

Ich könnte mir vorstellen, dass unsere Flucht zumindest ein kleines Steinchen für die Herbeiführung der Wende war. Dieser Propaganda-Versuch der DDR, der genau ins Gegenteil umschlug, wo sicherlich viele gesagt haben: 'Die haben ja vollkommen recht. Was lassen wir mit uns machen?'

Thomas Nitschke

Ein Jahr vor dem Mauerfall gehen die Fälle "ungesetzlichen Verlassens" der DDR bereits in die Hunderte, trotz der damit verbundenen Risiken. Kein Jahr später campieren im Sommer 1988 DDR-Flüchtlinge auf dem Gelände der BRD-Botschaft in Prag. Und fast genau ein Jahr nach der Flucht über Tokio fällt am 9. November 1989 die Mauer.

Programmtipp

Johannes, Thomas, Michael. 17jährige kurz nach ihrer Flucht.
Johannes, Thomas, Michael. 17-jährige kurz nach ihrer Flucht. Bildrechte: MDR/Nitschke
MDR FERNSEHEN So, 02.10.2022 22:20 23:05
MDR FERNSEHEN So, 02.10.2022 22:20 23:05

MDR DOK Über Tokio in den Westen

Über Tokio in den Westen

Drei Freunde, ihre Flucht und das Leben danach

Film von Stephan Liskowsky und Dinah Münchow

  • Stereo
  • 16:9 Format
  • HD-Qualität
  • Untertitel
  • VideoOnDemand

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 02. Oktober 2022 | 22:10 Uhr