Jüdische Spuren in Mitteldeutschland Ein "Garten der Erinnerung" in Halberstadt

Gärten sind Orte, an denen der Mensch das Zusammenleben mit der Natur erprobt. Das Gegenteil des Gartens bilden Dickicht oder Wildnis. Insofern verwundert es nicht, dass in vielen Weltreligionen der Garten eine große Rolle spielt, als Sehnsuchtsort oder auch als Ort der Verheißung. In Halberstadt ist der Garten hingegen ein Ort der Erinnerung. Er wächst auf den Fundamenten der alten Synagoge, die 1939 auf Befehl der Nationalsozialisten abgerissen werden musste.

Grünfläche vor Häusern
Der "Garten der Erinnerung" in Halberstadt, im Hintergrund das Berend Lehmann Museum Bildrechte: Moses Mendelssohn Akademie Halberstadt

Die Barocksynagoge von Halberstadt soll so hoch über die Dächer der Altstadt geragt haben, dass sie auch vom Domplatz deutlich zu erkennen war. Heute wächst hier wildes Grün. Überhaupt ist der Ort erklärungsbedürftig, denn er ist wie ein Hinterhof von Häusern eingefasst. Mittendrin eine Art Weg, der auch als Sichtachse gedacht ist, erläutert Jutta Dieck von der Moses Mendelsohn Stiftung in Halberstadt.

Die Blickachse geht zum Toraschrein, in dem die Torarollen aufbewahrt werden. Und der Toraschrein ist immer an der Ostwand einer Synagoge. Und davor, in der Mitte des Raums, befindet sich die Bima, das Lesepult. Und wir blicken jetzt quasi von West nach Ost in die Synagoge.

Jutta Dieck, Moses Mendelsohn Stiftung Halberstadt
ein altes Gebäude
Die Reste der Synagoge Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Von der Synagoge ist nur noch eine Ruinenwand übrig, der Rest ist üppiges Grün. Nicht, weil es am Gärtner fehlt, sondern weil das Teil eines Konzeptes ist. Es ist eine Art grüne Synagoge, belebt von Pflanzen, die schon in der Bibel vorkommen. Die Idee und die Umsetzung stammt vom Künstler Olaf Wegewitz.

Innerhalb des ersten Jahres, als wir hier noch gearbeitet hatten, sind hier praktisch 25 Pflanzenarten, die schon in der Bibel beschrieben wurden, aufgetaucht. Die Idee war, dass sich die Pflanzen hier selbst ansiedeln, und nur einige Wenige eingepflanzt werden. Das betraf vor allem Sträucher, wie zum Beispiel die Ölweide, die leider eingegangen ist. Aber daneben hat sich schon wieder eine neue Weide symbolisch angesiedelt.

Olaf Wegewitz

Wie viel Ordnung ist nötig?

Hier also hat der Mensch allenfalls eine betreuende Funktion. Mit gestalterischem Furor rückt hier niemand dem sogenannten Wildwuchs zu Leibe. Dahinter steckt auch eine religiöse Überlegung, so Olaf Wegewitz.

Die Überlegung war, ob es denn notwendig ist, alles mit Ordnung zu versehen. Oder ob es nicht sein kann, dass diese göttliche Ordnung eine Vielheit zeigt. Und wir können uns insoweit mäßigen, dass nur das Notwendige gemacht wird. Wir sehen: der Menschen ist da, aber die Natur ist auch da.

Olaf Wegewitz

Aber Wegewitz ist kein grüner Romantiker, denn es geht in dem Garten auch um ein politisches Statement. Wieviel Ordnung ist nötig, und wann wird sie zum Problem? Denn menschliche Ordnung läuft immer auch Gefahr auszumerzen, was nicht in die Vorstellungswelt passt.

Macht und Ordnung

"Das Problem besteht ja darin, dass gerade der Ausgangspunkt des Faschismus eine sehr eigenartige Vorstellung von Ordnung war. Nämlich Ordnung über alles zu stellen. Und dazu musst du Macht ausüben und diejenigen aus dem Weg schaffen, die deine erwählte Ordnung stören. Und hier haben wir das Beispiel dafür: die Synagoge wurde zerstört, weil sie nicht passte zur ideellen Ordnung dieser Menschen, die ihre Ideologie durchsetzen wollten", so der Künstler.

ein Luftbild auf eine Ruine
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und so ist der Garten der Erinnerung ein nur sehr zurückhaltend geordneter Raum. Die Vorstellung vom Gedenken wird hier schon ziemlich herausgefordert - ein Denkort, der sich der Eindeutigkeit entzieht.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. August 2021 | 08:15 Uhr