Reportage Jüdisches Leben in der Thüringischen Rhön

Man muss schon etwas genauer hinschauen, will man die letzten Spuren jüdischen Lebens in einigen südthüringischen Dörfern entdecken. Dabei lebten Ende des 19. Jahrhunderts mancherorts beinahe gleichviele Juden wie Christen in einem Ort friedlich zusammen. Das Gedenkjahr "900 Jahre jüdisches Leben in Thüringen" bietet eine gute Gelegenheit, sich auf Spurensuche zu begeben in die Thüringische Rhön, Wolfram Nagel war für sein Radio-Feature dort unterwegs.

Spuren jüdischen Lebens in Gleicherwiesen in Thüringen 59 min
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MDR KULTUR - Das Radio Mi 20.01.2021 22:00Uhr 59:26 min

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Nirgendwo in Mitteldeutschland gab es einmal es so viele jüdische Landgemeinden wie in Südthüringen. Orte, in denen im 19. Jahrhundert mitunter die Hälfte der Bevölkerung jüdisch war. Davon erzählen heute nur noch die Friedhöfe. Der von Gleicherwiesen liegt außerhalb des Ortes, am Weg nach Streufdorf. Noch knapp 200 Gräber sind hier erhalten. An vielen Grabmalen aus Buntsandstein ist kaum noch die Schrift zu erkennen. Einige Platten aus Granit oder Basalt sind zerbrochen.

Noch vor 90 Jahren gehörte es zum religiösen Alltag der Gleicherwieser Juden, gemeinsam an den Gräbern zu trauern, so, wie sie auch dreimal täglich in der Synagoge beteten. Doch lebendige Gemeinden gibt es in Südthüringen seit 1942 nicht mehr.

Geblieben sind die Friedhöfe. Mehr als 30 sind es in Thüringen. Die letzte Bestattung liegt 80 Jahre zurück. Ein liegender Grabstein erinnert an Frau Emma Kahn, geb. Strauss: 1870 – 1940. Einigen jüdischen Dorfbewohnern gelang es, zu emigrieren. Die Spuren der anderen jüdischen Bewohner von Gleicherwiesen verlieren sich in den Ghettos und Vernichtungslagern des Ostens. Schicksal: unbekannt, verschollen.

Jüdisches Leben in der Thüringischen Rhon: Spurensuche in Bildern

Kirche im thüringischen Gleicherwiesen
Das thüringische Gleicherwiesen ist eines von vielen Dörfern und Kleinstädten links und rechts der Grenze zu Franken und Hessen, wo Juden bis zur Shoa mit ihren christlichen Nachbarn Tür an Tür lebten. Bis zur Pogromnacht vom 9. November 1938. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Kirche im thüringischen Gleicherwiesen
Das thüringische Gleicherwiesen ist eines von vielen Dörfern und Kleinstädten links und rechts der Grenze zu Franken und Hessen, wo Juden bis zur Shoa mit ihren christlichen Nachbarn Tür an Tür lebten. Bis zur Pogromnacht vom 9. November 1938. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Pfarrer Hans-Michael Buchholz vor einer Gedenktafel in der Kirche von Gleicherwiesen
Am 60. Jahrestag der Pogromnacht von 1938 ließ der Pfarrer des Kirchspiels Gleichamberg, Hans-Michael Buchholz, eine hölzerne Stele in der Form eines oben abgerundeten Grabsteins in der St. Nikolai-Kirche von Gleicherwiesen aufstellen. Er merkte, dass die Erinnerung langsam verloren geht. Eine Gedenktafel draußen am Platz der alten Synagoge schien ihm ein bisschen heikel, die Kirche andererseits genau der richtige Ort, da es einst "ein wunderbares Zusammenleben zwischen Christen und Juden und auch Atheisten gab, also ein ganz normales dörfliches Miteinander".   Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Ortschronist Eckard Witter auf dem Jüdischen Friedhof von Gleicherwiesen
Ortschronist Eckard Witter auf dem Jüdischen Friedhof von Gleicherwiesen, der außerhalb des Ortes am Weg nach Streufdorf liegt. Noch knapp 200 Gräber sind hier erhalten. An vielen Grabmalen aus Buntsandstein ist kaum noch die Schrift zu erkennen. Einige Platten aus Granit oder Basalt sind zerbrochen. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Jüdischer Friedhof von Gleicherwiesen
Das Gras ist hochgewachsen. Nur ein, zwei Mal im Jahr wird es von der freiwilligen Feuerwehr gemäht. Manchmal hat Ortschronist Eckard Witter Nachfahren von Gleicherwieser Juden auf den Friedhof begleitet. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Synagoge von Berkach außen
Die Synagoge von Berkach: Erbaut im typischen fränkischen Fachwerkstil besitzt die Synagoge von Berkach ein einfaches Satteldach und Rundbogenfenster. Die allerdings zum Teil vermauert waren, als die Erfurter Denkmalpflegerin Monika Kahl den als Schmiede genutzten Sakralbau 1988 wiederentdeckte. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Synagoge von Berkach innen
Innen fand Monika Kahl trotz des schlechten Bauzustandes noch Reste der umlaufenden Frauenempore, die von hölzernen Säulen getragen wird. Auch Fragmente der grünweißen Schablonenmalerei legten die Restauratoren frei. Feierliche Wiedereinweihung der Synagoge war am 3. November 1991 – durch den hessischen Landesrabbiner Chaim Lipschitz und Oberkantor Estrongo Nachama aus Berlin. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Gedenktafel für Hermann Ehrlich an der Jüdischen Schule in Berkach
Gleich neben der Berkacher Synagoge steht die ehemaligen jüdischen Schule. Eine Tafel erinnert an den Kantor, Lehrer und Herausgeber der "Liturgischen Zeitschrift", Hermann Ehrlich, der dort auch wohnte. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Ein Auszug einer Komposition von Hermann Ehrlich zur Einweihung von Synagoge und Jüdischer Schule in Berkach 1854
Ein Auszug von Ehrlichs Komposition zur Einweihung von Synagoge und Jüdischer Schule in Berkach 1854. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Mikwe von Berkach
Mikwe von Berkach: Wie die Synagoge an der Mühlfelder Straße blieb das kleine Ritualbad als einer der wenigen sakralen Bauten der Südthüringer Landjuden erhalten, genutzt als Geräteschuppen. Wegen des nötigen Grundwassers steht sie in der Bachaue. U.a. diente sie Frauen zur rituellen Reinigung nach ihrer Regel (Nidda). Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Denkmal für die Bibraer Juden
Am Oskar-Meyer-Platz, direkt vor der Burg mit dem Schutzgrabe steht auch das Denkmal für die Bibraer Juden. Eingeweiht wurde es im Mai 2007, im Beisein früherer jüdischer Bewohner wie Martin Meyer, geb. 1929, ein Neffe Oskar Meyers. Ihm gelang die Flucht in die USA. Mitinitiatorin war die im Sommer 2020 verstorbene Freifrau Elisabeth von Bibra. Ihr und auch Enkelin Larissa war die Verbindung ihrer Adelsfamilie zur jüdischen Geschichte immer bewusst. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Gedenkstele in Römhild
"Verantwortung ist die Antwort auf aus der Vergangenheit für die Zukunft", steht auf der Gedenkstele in Römhild. die Lehrerin Kerstin Möhring erforschte zusammen mit Gymnasiasten aus Schleusingen das Leben von Juden im Landkreis Hildburghausen. Auf ihre Initiative geht die Stele zurück. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Jüdisches Leben in der Thüringischen Rhön
Mikwe von Römhild in Privatbesitz, deswegen als solche nicht erforscht. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Jüdisches Leben in der Thüringischen Rhön
In Marisfeld bei Themar schmückt ein großer Davidstern den schieferverkleideten Giebel eines Hauses an der Hauptstraße. Um 1680 erteilte der Herzog Friedrich I. von Gotha dem ersten Juden die Erlaubnis, sich gegen Schutzgeld in Marisfeld anzusiedeln. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war jeder sechste Dorfbewohner Jude, in den 1840er-Jahren jeder vierte. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Der Jüdische Friedhof von Marisfeld
Der Jüdische Friedhof von Marisfeld: In den 1920er-Jahren löste sich die Gemeinde auf, die Synagoge wurde verkauft. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Der Jüdische Friedhof von Marisfeld
1942 wurden die letzten überlebenden Juden von Marisfeld nach Theresienstadt deportiert. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel
Stolpersteine in Themar
Stolpersteine in Themar für die Familie Levinstein: Moritz Levinstein war der Vorsteher der jüdischen Gemeinde und als Lehrer auch sehr anerkannt im Ort. In der Pogromnacht vom 9. November 1938 wurde er verhaftet. In der Kleinstadt zwischen Hildburghausen und Meiningen sammelt ein Pfarrerpaar Erinnerungen an die vertriebenen und ermordeten Juden.
Barbara und Arndt Morgenroth engagieren sich im Verein "Themar trifft Europa", der Kontakt zu Nachkommen hiesiger jüdischer Bürger pflegt.

Die Synagoge von Themar überstand die Pogromnacht: Nach 1945 wurde das Gbäude als Schule verwendet, später
zu einem Wohnhaus umgebaut, das wiederum 2018 durch einen Brand schwer beschädigt wurde.
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Gleicherwiesen

Gleicherwiesen ist eines von vielen Dörfern und Kleinstädten links und rechts der Grenze zu Franken und Hessen, wo Juden bis zur Shoa mit ihren christlichen Nachbarn Tür an Tür lebten. Sie besuchten die selben Schulen, tauschten Glückwünsche zu den jeweiligen Feiertagen aus, geleiteten die Toten zum Friedhof. Während am Freitagabend die christlichen Bauern noch ihr Vieh versorgten oder ins Wirtshaus gingen, eilten die jüdischen Männer zur Synagoge, um den Schabbat zu begrüßen.

1680 hatten sich die ersten Juden in Gleicherwiesen niedergelassen. Die Erlaubnis erhielten sie von den reichsritterlich-fränkischen Dorfherren von Bibra. Die sorgten dafür, dass die "Schutzjuden" auf ihrem Gebiet unbehelligt leben, arbeiten und beten konnten. Dafür mussten sie jedoch Schutzgeld entrichten. Sie durften zwar eine Synagoge bauen, aber erst 1846 bekamen die Gleicherwieser Juden ihren eigenen Friedhof.

Bis zur Aufhebung der Kammerknechtschaft waren Juden von der Gnade ihrer jeweiligen Landes- und Ortsherren abhängig. Erst als das Herzogtum Sachsen-Meiningen 1856 die diskriminierenden Gesetze aufhob, durften sie unbeschränkt heiraten, ihre Wohnorte wechseln und frei ihre Berufe wählen.

Im Jahre 1875 erreichte die Zahl der jüdischen Einwohner von Gleicherweisen mit 233 Personen ihren Höchststand. Und damit war die jüdische Gemeinde fast so stark wie die evangelische. Und es lebten mehr Juden in Gleicherwiesen als in der Residenzstadt Hildburghausen. Bereits 1743 zum Marktflecken erhoben, gehörte das heute unscheinbare Dörfchen Gleicherwiesen noch in den 1920er Jahren zu den zentralen Treffpunkten jüdischer Vieh-Händler. Ja, der Ort machte sogar der benachbarten Stadt Römhild Konkurrenz, wo unter den Henneberger Grafen bereits im 13. Jh. eine kleine jüdische Gemeinde existiert hatte.

Von der Stadt aufs Land

Mit der großen Pestepedemie von 1348/ 49 verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Juden und Christen.

Da die Ausbreitung der Krankheit vielfach den Juden angelastet wurde, kam es in allen zuvor erwähnten Städten zu Pogromen und größtenteils zum Untergang der Gemeinden. Die Mehrzahl der Überlebenden floh in den Osten Europas.

Auch der Reformator Martin Luther rief 1543 mit seiner Hetzschrift "Von den Juden und ihren Lügen" dazu auf, die Synagogen zu verbrennen. Eine Steilvorlage für den Antisemitismus im späten 19. Jahrhundert und für die deutschen Christen der Nazizeit.

So kam es im 16. Jahrhundert auch dazu, das Schutzbriefe von auf dem Land lebenden Juden wiederaufgekündigt wurden, wie der Historiker Israel Schwierz untersuchte.

Bis sich das Blatt wieder wendete, weil die Reichsritterschaft erkannte, dass Schutzbriefe für Juden, basierend auf entsprechenden Privilegien des Kaisers, eine neue Finanzquelle darstellten.

Viele der zur Reichsritterschaft in Franken gehörenden niederadligen Familien nahmen in ihren Kleinterritorien Juden auf: "Diese reichsritterlichen Dörfer konzentrierten sich im Südwesten und Westen des heutigen Thüringens. In Aschenhausen, Bauerbach, Berkach, Bibra, Gehaus, Gleicherwiesen, Marisfeld, Simmershausen, Stadtlengsfeld, Völkershausen, Walldorf. Von dort aus trieben die Juden, meist Hausierer und Viehhändler, ihren Handel."

Das vormals städtische Judentum sei so zum Landjudentum geworden, heißt es in der Dokumentation von Israel Schwierz.

Seit der Wende zum 20. Jahrhundert nahm die Zahl der jüdischen Einwohner in Dörfern wie Bauerbach, Bibra oder Gleicherwiesen stetig wieder ab. Junge Leute gingen in die Städte. In Hildburghausen, Themar, Meiningen, Suhl oder Erfurt bekamen sie bessere Bildungsmöglichkeiten und konnten Geschäfte gründen. Ausgelöst wurde diese Bewegung, nachdem Juden die vollen Bürgerrechte erlangt hatten.

Ein bekanntes Beispiel für den Aufstieg ehemaliger Landjuden ist die von der Familie Simson in Suhl-Heinrichs gegründete Fabrik für Waffen und Fahrzeuge. Vorfahren von Moses Simson waren Schutzjuden aus Mühlfeld im unterfränkischen Grabfeld und aus Schwarza nördlich von Meiningen.  

Woher plötzlich dieser Hass?

Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen, widmete ein ganzes Kapitel seines 1990 erschienenen Buches "Ich will leben" den Gleicherwiesen Juden. Bei seinen Recherchen hatte Schramm mit älteren Menschen gesprochen, die sich noch an ihre jüdischen Nachbarn erinnern konnten:

Für mich war die Frage, wie dieser Wechsel kam, von guter Nachbarschaft zu plötzlich dann diesem Hass. Sie haben doch 200, 300, 400 Jahre gut miteinander gelebt? Ja, sagte der eine: 'Es gibt eigentlich keinen Grund. Aber sie haben uns immer geärgert am Samstag. Die Juden gingen da quer durchs Dorf, gut angezogen am Schabbat, und wir mussten die Straße saubermachen.'

Prof. Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen

1943 war Gleicherwiesen "judenfrei", wie es in der Sprache der Nazis hieß. Obwohl es Bemühungen gab, aus der Synagoge einen Treff der Hitlerjugend oder ein Spritzenhaus der Freiwilligen Feuerwehr zu machen, wurde sie abgerissen. In den 1950er Jahren - so wird berichtet - beseitigte man die verbliebenen Reste. Sie liegen wahrscheinlich im Gäulsluch, der einstigen Müllkippe des Dorfes, gleich am jüdischer Friedhof.

Jüdische Spuren auch andernorts

Jüdisches Leben in der Thüringischen Rhön
Haus mit Davidstern in Marisfeld Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel

Auch in anderen Dörfern und Kleinstädten Südthüringens sind Spuren jüdischen Lebens erhalten geblieben. So schmückt in Marisfeld bei Themar ein großer Davidstern den schieferverkleideten Giebel eines Hauses an der Hauptstraße. Und in Bibra ist der Marktplatz zwischen Kirche und Burg nach Oskar Meyer benannt.

Oskar Meyer war der letzte Jude, er war behindert und arbeitete als Handwerker. Er ist als letzter deportiert worden. Da haben wir den Vorschlag gemacht, den Platz nach ihm zu benennen und das ist dann 1992 im Rahmen des 500-jährigen Kirchen-Jubiläums in einer Festwoche geschehen.

Dimitrana Flossmann
Denkmal für die Bibraer Juden
Denkmal für die Bibraer Juden, eingeweiht wurde es im Mai 2007. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel

Dimitrana Flossmann beschäftigt sich seit ihrer Kindheit mit der Geschichte des Judentums. Zusammen mit ihren Mann Hartwig Flossmann, einem pensionierten Tierarzt, haben sie viel Material über die Bibraer Juden zusammen getragen. Sie wollten herausbekommen, wie die Juden in Bibra lebten. Wie Gleicherwiesen war Bibra eine der jüdischen Urgemeinden im Südthüringer Grabfeldgebiet, mit vielen Verbindungen nach Franken, Hessen und Sachsen.

Bauerbach, südlich von Meiningen. Berühmt ist das Dorf, weil der junge Friedrich Schiller hier im Jahr 1782 bei Henriette von Wolzogen Unterschlupf fand auf seiner Flucht aus Hessen. Etwa ein Drittel der Bevölkerung war hier zu dieser Zeit jüdisch. Während an den Dichter das Schillerhaus und ein touristischer Schillerweg erinnern, sind die jüdischen Spuren bis auf den Friedhof fast ausgelöscht.

Späte Aufarbeitung

Mit den Verbrechen der Nazis an den Juden, wollen die Bewohner der Dörfer bis heute nicht in Verbindung gebracht werden, sagt Reinhard Schramm.

In diesen kleinen Dörfern in Thüringen, vor allem in Südthüringen, wo der Anteil der Juden relativ hoch war, an der Bevölkerung. In Berkach oder in Gleicherwiesen, da ist ja alles nah beieinander. Die Leute haben gewusst, sie wohnen inzwischen in Häusern, die Juden gehört haben. Alle wussten auch, wer was in der Nazizeit getan hatte, wie der Bürgermeister von Gleicherwiesen sich benommen hat, wie er die Enteignung der Juden vorangetrieben hat - auch über das Maß hinaus - was ohnehin vorgesehen war.

Reinhard Schramm, Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde
Gedenkstele in Römhild
Gedenkorte wie die Stele in Römhild gehen auf private Initiativen zurück, oft von Lehrern oder Pfarrern. Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel

So verwundert es auch nicht, dass man erst spät in Thüringen begann, die wenigen Spuren jüdischen Lebens in den Dörfern und Kleinstädten zu sichern. Dazu trug auch ein Forschungsprojekt der TU Braunschweig bei, in Kooperation mit israelischen Wissenschaftlern. Etliche Dokumentationen entstanden. Doch es gibt bis heute in Südthüringen kein einziges Museum, kein Dokumentationszentrum, um sich mit der jüdischen Geschichte in Südthüringen zu befassen.

Auch Reinhard Schramm würde die Idee von Gedenkorten in Thüringen begrüßen.

Wenn wir uns dem Antisemitismus entgegenstellen wollen, brauchen wir Respekt vor dem jüdischen Leben, vor den jüdischen Leistungen. Natürlich werden die jüdischen Nachbarn nicht wieder lebendig, aber wir wollen wenigstens, dass die Erinnerung bleibt, und das ist dann vielleicht ein Hebel gegen Antisemitismus, den wir leider verstärkt haben.

Reinhard Schramm

1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland und 900 Jahre Jüdisches Leben in Thüringen – das Gedenkjahr ist eine gute Gelegenheit, die Geschichte jüdischen Lebens wiederzubeleben. Es gibt eine Straße der Romanik, eine Straße des Porzellans, einen Schillerweg - so könnte es auch einen Gedenkweg für das Landjudentum geben.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Jüdisches Leben in der Thüringischen Rhön - Eine Spurensuche | 20. Januar 2021 | 22:00 Uhr