"Jung, liberal, offen" Dresden: Neue jüdische Gemeinde gegründet

In Dresden hat sich eine neue jüdische Gemeinde gegründet. Ein Zeichen für aufblühendes jüdisches Leben, freuen sich die einen. In der bereits bestehenden jüdischen Synagogengemeinde fürchten dagegen viele eine Zersplitterung der Kräfte. Sie verweisen wie Nora Goldenbogen vom Landesverband der jüdischen Gemeinden in Sachsen auf die leidvolle Geschichte des deutschen Judentums und den neuen Antisemitismus.

Pressekonferenz zu den antisemitischen Angriffen in Halle in der Synagoge Dresden. Nora Goldenbogen, Rabbi Akiva Weingarten.
Nora Goldenbogen, Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Sachsen und Rabbiner Akiva Weingarten nach dem Angriff auf die Synagoge in Halle Bildrechte: imago images/Sven Ellger

Es sieht aus wie in einer WG, wenn Rabbi Akiva Weingarten in der neuen jüdischen Kultusgemeinde in Dresden ein Lied anstimmt. Eine Synagoge gibt es noch nicht, Sofas und ein großer Esstisch stehen im Erdgeschoss eines ehemaligen Hotels. "Wir haben hier viel mehr Gesang, viel mehr Tänze, und wenn wir am Schabbat gemeinsam essen, sitzen wir drei, vier oder manchmal fünf Stunden und singen viel und lernen viel", so erklärt Akiva Weingarten das Arrangement und damit auch einen der Unterschiede zur Jüdischen Gemeinde in der Synagoge am Elbufer.

Neue jüdische Kultusgemeinde: Jung, liberal, offen

Neue jüdische Gemeinde in Dresden gegründet
Mitglieder der neuen jüdischen Gemeinde (re. Rabbi Akiva Weingarten, links Gemeindevorsitzender Moshe Barnett). Im Vorstand sind außerdem Shifra Faigen und Mali Erental. Bildrechte: MDR / Andreas Roth

Der 36-Jährige war selbst bis zum letzten Jahr Rabbiner dort. Weingarten stammt aus einer ultraorthodoxen jüdischen Familie in den USA und befreite sich aus der Enge dieser Glaubensrichtung. In Dresden gründete er im letzten Jahr die Thora-Schule "Besht Yeshiva" für junge Juden, die einen ähnlichen Weg gehen wollen wie er. Ihre neue Jüdische Kultusgemeinde will jung sein – und liberal:

"Bei einem jüdischen Gottesdienst müssen mindestens zehn Menschen sein, um zu beten – bei den Orthodoxen muss man zehn Männer haben über dreizehn, bei den Liberalen zählen Frauen mit. Bei uns dürfen auch Frauen vorbeten oder zur Thora aufgerufen werden", so Weingarten.

Mehr über Akiva Weingarten

Akiva Weingarten wurde 1984 in New York geboren, als Kind einer ultraorthodoxen chassidische Familie wuchs er mit elf Geschwistern auf. Seine Muttersprache ist Jiddisch. Erst spät lernte er Englisch. Mit 17 ging er nach Israel, um an einer Talmudschule zu studieren. 2014 verließ er die ultraorthodoxe Stadt Bnei Brak bei Tel Aviv und ging nach Berlin. Sein Abschied von der Ultraorthodoxie war für seine Familie und viele Mitglieder seiner Gemeinschaft ein Schock. Seit September 2019 lebt er als liberaler Gemeinderabbiner in Dresden. Die Tradition der osteuropäischen Juden ist für ihn weiter wichtig.

Bis Mitte August 2021 war er noch Rabbiner in der neuen Synagoge der jüdischen Gemeinde und eigentlich nach Nürnberg berufen, um dort Oberrabbiner einer deutlich größeren Gemeinde zu werden. Nun bleibt er in der Stadt an der Elbe, um sich dort seiner neuen Aufgabe als Rabbiner der neu gegründeten Jüdischen Kultusgemeinde (JKD) zu widmen.

Mehr über die Besht Yeshiva in Dresden

Eine Yeshiva ist eine Schule zum Studieren religiöser Schriften wie Tora, Talmud und Halacha. Ursprünglich lernten in Yeshivas ausschließlich Männer, erst liberale Strömungen des Judentums ließen auch Frauen zu.

Die Besht Yeshiva in Dresden wurde im Frühjahr 2020 gegründet und soll einerseits ein Anlaufpunkt für ultra-orthodoxe Aussteigerinnen und Aussteiger sein, andererseits aber auch Nicht-Juden aus Dresden die Möglichkeit geben, Hebräisch zu lernen und sich über die jüdische Religion und Kultur zu informieren. Die Besht Yeshiva ist die weltweit erste, dezidiert liberal-chassidische Yeshiva.

Sie ist benannt nach dem Begründer der osteuropäischen chassidischen Bewegung Baal Shem Tov, einer ultra-orthodoxen Strömung im Judentum mit Ursprung in Polen und Litauen. Was Akiva Weingarten zufolge kein Widerspruch ist, da die Besht Yeshiva chassidische Traditionen - spezielle Gewänder des Rabbiners oder eine hohe Bedeutung von Gesang und Musik - mit einer liberalen Auslegung der religiösen Texte verbinden soll. Aktuell die größte Gruppe im Chassidismus sind die Satmarer, welche vor allem in New York leben. Akiva Weingarten wuchs in dieser Gruppe auf.

Goldenbogen: "Unsere Kräfte werden zersplittert"

Auch das ist in der traditionsreichen Jüdischen Gemeinde zu Dresden anders. Doch das müsse nicht so bleiben, sagt Nora Goldenbogen, die Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden in Sachsen: "Es gibt bei uns mittlerweile auch eine ganze Reihe von Frauen, jungen Frauen, die sagen: 'Ja, wir würden das auch gerne machen. Aber dafür muss man keine neue Gemeinde gründen – sondern normalerweise, und das ist für die Stärkung des Judentums wichtig, kümmert man sich dann innerhalb der Gemeinde darum, dass solche Entscheidungen vor sich gehen."

Die Jüdische Gemeinde zu Dresden besteht seit 1837 wie in vielen deutschen Städten als Einheitsgemeinde. In ihr leben verschiedene Glaubensströmungen unter einem Dach zusammen, wie Nora Goldenbogen erläutert: "Es gab nie so viele Juden in Sachsen, dass man so in die Breite hätte gehen können – Rabbiner Weingarten redet da von den Verhältnissen in Brooklyn, USA, und das ist eine ganz andere Geschichte", betont Goldenbogen. Dort könne ein Rabbiner seine eigene Gemeinde und Synagoge entwickeln, anders als in Europa oder speziell in Deutschland nach dem Holocaust. Aus diesem "tiefen Einschnitt"ergibt sich für sie "eine Lehre, die wir immer gezogen haben: Wir müssen einheitlich sein."

Nora Goldenbogen, die Vorsitzende des Landesverbandes der jüdischen Gemeinden ist, bereitet die Neugründung Sorgen: "Unsere Kräfte werden zersplittert. Wir wissen doch, welche Strömungen es in der Gesellschaft gibt: wachsenden Antisemitismus, wachsenden Rassismus, zumindest ein Befremden gegenüber anderen Kulturen und anderen Religionen. In so einer Situation ist es für uns Juden die wichtigste Aufgabe, zusammenzustehen."

Mehr zur Jüdischen Gemeinde Dresden

Die Jüdische Gemeinde zu Dresden besteht aktuell aus rund 700 Mitgliedern, welche hauptsächlich aus Russland, Deutschland und Israel stammen. Vorsitzender ist Michael Hurshell. Vor 20 Jahren wurde die neue Synagoge eingeweiht, finanziert von Stadt, Land, Gemeinde und Spendern, um neuem jüdischen Leben in der Stadt eine Heimstatt zu geben.

Weingarten: "Wir wollen weder Streit noch Konkurrenz"

Man wolle weder Streit noch Konkurrenz, betont Rabbi Akiva Weingarten. Etliche der 112 Mitglieder der neuen Gemeinde sind indes zugleich auch Mitglieder der etablierten Dresdner Jüdischen Gemeinde. Und sogar Nicht-Juden dürfen assoziierte Mitglieder werden.

So wie der Christ Sven Böttger, Flüchtlingsbeauftragter der evangelischen Kirche in Dresden. Er will Brücken zwischen Juden, Christen und Muslimen bauen: "Mein Blick richtet sich noch ein Stück weiter in die Zukunft: Ich möchte gern in in Dresden etwas aufbauen, was es in Berlin schon gibt: ein House of One, in dem die drei Glaubensrichtungen gemeinsam zuhause sind, wo sie sich zuhause fühlen und viele Dinge gemeinsam tun. Das sehe ich mit der neuen jüdischen Gemeinde als machbar an."

In dem Raum, in dem die neue Gemeinde Gottesdienst feiert, hängt an der Wand eine Regenbogenfahne. Sie hänge dort ganz bewusst, sagen die jungen Juden rund um Akiva Weingarten: "Alle haben Platz bei uns. Ja, wir unterstützen alle."

Die neue jüdische Gemeinde in Dresden will das Verbindende suchen – ob das auch innerhalb des Dresdner Judentums gelingt, ist offen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Oktober 2021 | 09:15 Uhr