Schabbat Schalom | MDR Kultur | 19.11.2021 "Wajischlach" - Lieber heute Versöhnung suchen

Der Wochenabschnitt erzählt, wie sich die beiden Brüder Jakob und Esau wieder begegnen. Zwanzig Jahre lang hatten beide keinen Kontakt, nachdem sich Jakob, der jüngere, den Segen des Erstgeborenen erschlichen hatte. Rabbiner Alexander Nachama kennt gute Gründe, weshalb man nicht so lange mit der Versöhnung warten sollte.

Alexander Nachama in der Synagoge in Erfurt 5 min
Bildrechte: MDR/Paul-Philipp Braun

Im Abschnitt dieser Woche, "Wajischlach", treffen sich zwei Brüder, die vor längerer Zeit einen großen Konflikt hatten: Jakob und Esau. Obwohl ihr Vater, Isaak, eigentlich seinem Erstgeborenen Esau einen Segen geben möchte, wird er von Jakob erschlichen. Wie so oft, gibt es jedoch mehr als nur eine Seite bei dem Streit.

Schaut man auf Jakob, so ist festzuhalten, dass er sich das Erstgeburtsrecht zuvor von Esau gegen einen Teller Linsen gekauft hatte. Aus Jakobs Sicht ist es durchaus legitim anzunehmen, dass ihm daher der Segen des Erstgeborenen zusteht.

Schaut man auf Esau, so kann man verstehen, dass er sich hintergangen fühlt, schließlich hatte sein Vater doch ihn darum gebeten, etwas Essen zu holen, um danach den Segen zu bekommen. Als er dann kommt und sieht, dass sein Bruder ihm zuvorgekommen ist, ist die Wut groß.

Schaut man auf Isaak, so scheint er von dem Kauf des Erstgeburtsrechts durch Jakob zunächst nichts zu wissen. So heißt es im berühmten Thorakommentar von Raschi, dass Isaak erst nach Esaus Aufregung versteht, dass er eigentlich gar nicht falsch gehandelt hat und Jakob den Segen zurecht erhalten hat.

Versöhnung ohne große Worte

Wie auch immer: 20 Jahre sind seitdem vergangen – und in diesem Wochenabschnitt soll es zur Begegnung zwischen Jakob und Esau kommen. Wie diese ablaufen würde, scheint beiden Brüdern völlig unklar. Während Jakob mehr mit sich zu tun hat und in der Nacht vor der Begegnung mit einem göttlichen Wesen ringt und Verletzungen davonträgt, ist Esau um eine sichtliche Abschreckung bemüht und zieht seinem Bruder mit 400 Mann entgegen.

Man mag alle möglichen Szenarien im Kopf haben – immerhin hatte doch Esau einst damit gedroht, Jakob umzubringen. Wozu sonst die 400 Mann? Äußere Zeichen müssen aber nicht unbedingt den Verlauf eines Treffens definieren. Denn tatsächlich verläuft die Begegnung friedlich – die beiden Brüder versöhnen sich, sie laufen sich entgegen, umarmen sich, küssen sich und weinen. Es ist eine Versöhnung ohne große Worte.

Aber ist diese Art der Versöhnung wirklich vorbildlich?

Zu viel Zeit vergangen

Ich stoße mich immer wieder an dem Gedanken, dass ein wichtiger Faktor bei der Begegnung die Zeit ist, die zwischen dem Streit und der Versöhnung liegt. Das würde im Umkehrschluss bedeuten, dass wir nur genügend Zeit abwarten brauchen, um dann die Begegnung mit einer Person zu suchen, mit der wir uns gestritten haben.

Spricht so eine Verfahrensweise nicht gegen die jüdische Tradition? Sollten wir uns nicht spätestens am folgenden Jom Kippur, dem Versöhnungstag, mit unseren Mitmenschen versöhnt haben? Auf sie zugehen, uns aussprechen?

Die Geschichte von Jakob und Esau gibt uns hier keine direkte Antwort. Ob diese Versöhnung schon 10 oder 15 Jahre früher möglich gewesen wäre, ist spekulativ und lässt sich daher nicht definitiv beantworten.

Was sich aber durchaus festhalten lässt, ist, dass beide Brüder viele Jahre des Kontakts verpasst haben. Der Streit verhinderte, dass Jakob und Esau ein enges Verhältnis aufbauen konnten, wie man es sich unter Brüdern wünschen würde. Esau kennt noch nicht einmal die Familie seines Bruders und fragt deshalb: "Wer sind diese, die du bei dir hast?"

So verwundert es nicht, dass Jakob und Esau keinen Weg mehr finden, in einem guten Kontakt zu bleiben. In späteren Generationen gelten die Edomiter, die Nachfahren von Esau, als die Feinde Israels. Daher lautet meine Empfehlung, sich kein Beispiel an Jakob und Esau zu nehmen. Nicht zu warten, bis der Streit vergessen scheint, sondern lieber heute als morgen die Versöhnung zu finden!

Schabbat Schalom!

Zur Person: Alexander Nachama Geboren 1983 in Frankfurt am Main. 2005 erhielt er von Rabbiner Zalman Schachter-Shalomi, dem Gründer der Rabbiner- und Kantorenschule "Aleph", eine Urkunde als Kantor. 2008 erhielt er einen Bachelor in Judaistik (Freie Universität Berlin), 2013 einen Master (Universität Potsdam).

Ab 2007 absolvierte er eine Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg mit Studienaufenthalten in Israel, die er 2013 mit der Ordination zum Rabbiner abschloss. 1998 - 2011 amtierte Alexander Nachama zunächst als ehrenamtlicher Vorbeter, später als Kantor in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

In den Jahren 2012 - 2018 war er Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dresden. Seit 2018 ist er Landesrabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 19. November 2021 | 15:45 Uhr