Schabbat Schalom | MDR Kultur | 24.09.2021 "Wezot haBracha": Wahrheit, Güte und Frieden in der Tora

Der Schabbat in der Woche des Laubhüttenfests steht im Zeichen von Wahrheit und Güte. Im Wochenabschnitt der Tora geht es diesmal um zwei Brüder, die für die Werte Wahrhaftigkeit und Güte stehen. Um "Schalom", also Frieden, zu erlangen, muss zwischen beiden Werten immer wieder abgewogen werden, meint Katia Novominski in ihrer Auslegung.

Katia Novominski 6 min
Bildrechte: "Katia Novominski"

Der letzte Wochenabschnitt der Tora, "Wezot HaBracha", bedeutet übersetzt so viel wie "und das ist der Segen". Vor seinem Tod segnet Mosche jeden einzelnen der zwölf Stämme des Volkes Israel, daher der Name des Abschnitts.

Unmittelbar vor seinem Tod darf Mosche auf das Heilige Land herabblicken, welches er nicht betreten darf. Er wird von G´tt persönlich begraben, und bis heute kennt keiner seine Ruhestätte, auch wenn einige Fremdenführer der Region etwas anderes behaupten. Mosche wurde 120 Jahre alt. Vielleicht kommt daher unsere Tradition, jemandem, der Geburtstag hat, zu wünschen, er möge 120 Jahre alt werden. Nach Mosches Tod trauert das Volk um ihn und Jehoschua übernimmt seine Nachfolge.

Nur Männer trauerten um Mosche

Die Beschreibung der Trauer des Volkes um Mosche lesen wir im Kapitel 34, Vers 8: "Und die Kinder Jisrael beweinten Mosche in den Steppen Moab dreißig Tage, bis vorbei waren die Tage des Beweinens der Trauer um Mosche."

Der große jüdische Kommentator des Mittelalters, Raschi, erklärt in seiner knappen Sprache, dass der Vers wie folgt zu verstehen ist: Nur Männer trauerten um Mosche und weinten. Im Gegensatz dazu beweinten sowohl Frauen als auch Männer den Tod von Aaron, Mosches Bruder. Weshalb? Weil er sich um den Frieden und Harmonie bei ehelichen Beziehungen bemühte.

Unsere Tradition spricht davon, dass sich Aaron dem Friedensstiften verschrieben hatte und immer nach Wegen suchte, wie man im Rahmen der Wahrheit die eine oder andere Formulierung so wählt, dass sie zu Frieden zwischen Freunden oder Ehepartnern führt.

Mosche verkörpert Wahrheit, Aaron Güte

Der siebte Lubawitscher Rebbe stellt auf diese Erklärung eine naheliegende Frage. Weshalb bemühte sich Mosche nicht um den Frieden und die Harmonie im jüdischen Volk im Allgemeinen, so wie es Aaron im Speziellen bei Ehepartnern tat?

An vielen Stellen in der Tora ist zu lesen, wie sehr Mosche das Volk geliebt hat –so sehr, dass er sogar bereit war, sein Leben für die Menschen zu geben. Diese Liebe für das jüdische Volk wird von der Tora selbst als die höchste Tugend Mosches angesehen. Weshalb also soll sich ein so hingebungsvoller Anführer nicht der Nächstenliebe und den zwischenmenschlichen Beziehungen im Volk widmen?

Die Antwort liegt im Verstehen dessen, was die Natur und die Lebensmissionen von Aaron und Mosche unterscheidet. Mosche verkörperte das Ideal der Wahrheit, auf Hebräisch "Emet". Seine primäre Lebensaufgabe war es, die Tora, das Gesetz und G´ttes Wort, an das jüdische Volk weiterzugeben. Es ist selbstredend, dass diese Mission eine absolute und unausweichliche Hingabe für die Wahrheit und Richtigkeit erfordert.

Aaron hingegen ist die personifizierte liebende Güte, auf Hebräisch "Chessed".

Tora gewährt Spielraum, um "Schalom" zu erreichen

Obgleich uns die Tora verbietet zu lügen, erlaubt sie es uns, die Wahrheit leicht abgewandelt so zu präsentieren, dass dies zu Frieden, auf Hebräisch "Schalom" zwischen den Menschen führt.

Mosches Persönlichkeit erlaubte ihm keine noch so minimale Abweichung von der strikten Wahrheit. Natürlich wusste er von dieser Möglichkeit und lehrte andere, dass die Tora uns in diesem Punkt einen Spielraum gewährt. Für ihn persönlich, mit seiner absoluten Verpflichtung für die Wahrheit, war es aber keine Option.

Unterschiedliche Vorbilder mit gemeinsamem Ziel

Die Tora stellt den Unterschied zwischen Aaron und Mosche in diesem Wochenabschnitt aus zwei Gründen heraus. Erstens um zu unterstreichen, wie wichtig das Ideal der Wahrheit für Mosche war. Und zweitens um zu zeigen, dass er gegen Ende seines Lebens, als seine Mission erfüllt war, schließlich auch in der Lage war, Aarons Umgang mit der Wahrheit, also eine gewisse Flexibilität um des Friedens willen, wirklich wertzuschätzen.

Die Lehre für uns ist hier die folgende: Wenn es um das Gesetz geht, so sollen wir uns an Mosche orientieren und uns kompromisslos der Wahrheit verpflichten. Wenn es aber um die Beziehungen zu unseren Nächsten, zu den Menschen allgemein geht, so sollen wir uns Beispiel an Aaron nehmen: "Frieden liebend, nach Frieden strebend, die Menschen liebend und sie der Tora zuführend".

In diesem Sinne Schabbat Schalom!

Zur Person: Katia Novominski Rebbetzin Katia Bruria Novominski wurde 1985 in Kiew geboren und wuchs in Dresden auf. Sie ist Gymnasiallehrerin für Physik und Russisch. Vor 20 Jahren fing sie mit jüdischer Jugendarbeit in Sachsen an, später arbeitete sie sechs Jahre lang im Vorstand der Jüdischen Gemeinde in Dresden und leitete Bildungsprojekte bei der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland (ZWST).

Sie war Geschäftsführerin der Jüdischen Kultusgemeinde Karlsruhe, anschließend Leiterin der Repräsentanz der Jewish Agency for Israel in Berlin und arbeitet inzwischen als Geschäftsführerin des Bundes traditioneller Juden in Deutschland (BtJ). Außerdem ist sie Rebbetzin der jüdischen Gemeinden in Halle und Dessau und Religionslehrerin in Sachsen-Anhalt.

Doch am wichtigsten ist ihr, dass sie Ehefrau von Rabbiner Portnoy und Mutter von drei Söhnen ist.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 24. September 2021 | 15:45 Uhr