Lekh Lekha | 15.10.2021 Schabbat Schalom: "Geh für dich selbst"

Wohin soll unsere Lebensreise gehen? Was hält uns davon ab, unserer inneren Stimme zu folgen? Die Leipziger Rabbinerin Esther Jonas-Märtin geht diesen ganz heutigen Fragen nach, indem sie liest aus der 3. Parashah des neuen Jahres 5782: Lekh Lekha - "Geh für dich selbst".

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Wohin soll unsere Lebensreise gehen? Was hält uns davon ab, unserer inneren Stimme zu folgen? Die Leipziger Rabbinerin Esther Jonas-Märtin geht diesen ganz heutigen Fragen nach, indem sie liest aus der 3. Parashah.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 15.10.2021 15:30Uhr 03:39 min

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Wir begegnen hier zum ersten Mal Abram und Sarai inmitten ihres Lebens, aber am Beginn einer ganz besonderen Reise. Abram wird vorgestellt als jemand, der ein komfortables Leben in Haran lebt, der verheiratet und auch beruflich ausgelastet ist. Abram wird gesagt, dass er fortgehen soll in ein Land, das Gott ihm zeigen wird. Am Ende haben Abram und Sarai einen langen Weg hinter sich, viele Bewährungen sind erfolgreich gemeistert und sie erhalten als Symbol ihrer neuen Verbindung mit Gott die Namen Abraham und Sarah. Das "H" ist ein Buchstabe, der die Anwesenheit Gottes symbolisiert.

Geh für dich selbst, weg von deinem Land, von deinen Verwandten, weg von deinem Elternhaus, geh in ein Land, das ich dir zeigen werden.

Gen. 12:1

Wohin soll die Reise gehen?

Starke Worte, die vor allem von Abram einen klaren Bruch mit der Vergangenheit erwarten und gleichzeitig eine neue Richtung vorgeben, ohne allerdings zu sagen, wohin genau denn die Reise gehen soll.

Abram soll brechen mit dem Glauben seiner Väter, mit der Anbetung vieler Götzen. Ins Heutige übersetzt entspricht Götzendienst z.B. der Anbetung des Geldes oder des jeweils neuesten Handymodells, anstatt sich auf Bleibendes und Nachhaltiges zu konzentrieren.

Abram, der bereits den Glauben an einen Gott in sich trägt, wird nun gesagt, dass es Zeit ist, seine Art zu leben, sogar seine Art zu denken zu ändern. Er soll fortgehen "lekh lekha" - zu seinem Segen, für sein Bestes. Es geht nicht um das Stillen von Bedürfnissen, er hat ja ein bequemes Leben, sondern es geht darum, in die Welt zu gehen und das zu erfüllen, was Deutschlands erst Rabbinerin Regina Jonas in folgenden Worten zusammenfasst:

Fähigkeiten und Berufung hat Gott in unsere Brust gesenkt und nicht nach dem Geschlecht gefragt. So hat ein jeder die Pflicht, ob Mann oder Frau, nach den Gaben, die Gott (ihm) schenkte, zu wirken und zu schaffen.

Regina Jonas Rabbinerin

Nicht Bedürfnis, sondern Berufung ist die Triebfeder für Abrams Aufbruch aus dem Gewohnten. Viele Menschen spüren das Bedürfnis in sich, ihrer innersten Stimme zu folgen und doch tun viele es nicht. Was hält Sie davon ab, das Bedürfnis ihrer inneren Stimme aufzunehmen und ihre Berufung zu verwirklichen?

Abram soll fortgehen und seiner Berufung folgen, aber ihm wird nicht beziehungsweise erst sehr viel später gesagt, wohin. Gerade das ist für viele von uns, die wir meist auf Sicherheit setzen, eine fast unvorstellbare Herausforderung und große Hemmschwelle. Zudem hat Berufung immer etwas mit Liebe, mit Verantwortung und mit Freude zu tun.

Lieben Sie das, was Sie in Ihrem Leben tun? Wieviel Vertrauen braucht es, eine Reise, DIE Lebensreise mit einem Partner oder einer Partnerin anzutreten, wenn wir deren Ziel nicht kennen? Es ist nicht wichtig, das Ziel zu kennen, wenn man weiß, mit wem man auf die Reise geht.

Esther Jonas-Märtin Rabbinerin

Nicht das WAS, also der Weg, ist das Ziel, sondern das WIE. Wie wir diesen Weg gehen, und wie wir entlang des Weges unsere Berufung nicht aus den Augen verlieren. Erst wenn wir dabei ein Segen für uns selbst sind, wenn wir uns selbst vertrauen, dass unsere Entscheidungen für uns die richtigen sind, können und werden wir ein Segen für andere sein.

Schabbat Schalom!

Zur Person: Rabbinerin Esther Jonas-Märtin Esther Jonas-Märtin studierte Jüdische Studien, Literaturwissenschaft, Moderne Geschichte und Religionswissenschaften in Leipzig und Potsdam und erwarb 2006 den Master of Arts.

2017 schloss sie ihr Studium zur Rabbinerin mit dem Master of Arts in Rabbinics und der Rabbinischen Ordination in Los Angeles ab.

Sie ist Initiatorin und Gründerin des Lehrhauses Beth Etz Chaim in Leipzig (2018) sowie Referentin und Autorin einer Vielzahl von Artikeln und Beiträgen in den Themenbereichen: moderne jüdische Geschichte, Gender, Jiddische Poesie, Jüdische Ethik und Judentum.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 15. Oktober 2021 | 15:45 Uhr