Schabbat Schalom | MDR Kultur | 01.10.2021 "Bereschit": Die Schöpfung der Welt und des Menschen

Im Wochenabschnit "Bereschit" geht es um Gottes Schöpfung. Der "Schabbat" als Ruhetag geht auf die Tage nach der Erschaffung von Welt und Universum, Tier und Mensch zurück. Michal Natovich meint, die Schöpfungsgeschichte sei mehr als eine historische Erzählung. Sie solle das Bewusstsein formen.

Michal Natovich 4 min
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Mit Simchat Thora, dem Fest der Thorafreude, beginnt die Jahreslesung aufs Neue. Der erste Wochenabschnitt erzählt von der Schöpfung der Welt und dass alle Menschen gleich geschaffen sind, wie Michal Natovich erläutert.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 01.10.2021 15:30Uhr 04:15 min

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"Bereschiet Bara Elohim et haschamaym Ve Haaretz." / "Im Angang schuf Gott Himmel und Erde."

Mit diesen Worten beginnt das Buch Genesis, das erste Buch der Tora. Im ersten Wochenabschnitt "Bereschiet" wird erzählt, dass G'tt jeden Tag ein anderes Element schuf.

"Schabbat" geht auf Ruhetag G'ttes zurück

Erst Licht, dann Himmel, Land und Meer, Pflanzen und Bäume, Sonne, Mond und Sterne, die Tiere. Am sechsten Tag wurde schließlich der Mensch erschaffen. Am siebten Tag ruhte Gott von seiner Arbeit. Demnach wurde "Schabbat" oder "Samstag" als Ruhetag für Mensch und Tier geschaffen.

Im ersten Kapitel wird auch von Adam und Eva als den ersten Menschen und von ihrer Vertreibung aus dem Paradies erzählt.  Darauf folgt die tragische Geschichte von Kain, der seinen Bruder Abel ermordet hat.

Die biblische Geschichte in "Bereschiet" ist keine historische, sondern eine Geschichte, die in der Absicht geschrieben wurde, das Bewusstsein zu formen. Konzentrieren wir uns auf zwei Sätze, die im ersten Kapitel der Tora stehen.

Individualität und Gleichheit der Menschen

Der erste lautet: "Und G'tt sprach: lasst uns Menschen machen nach unserem Bilde, uns ähnlich! Und G'tt erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild G'ttes erschuf er ihn. Als Mann und Frau erschuf er ihn."

Rabbi Jonathan Sacks zufolge bildet diese Idee, dass alle Menschen nach dem Ebenbild G'ttes geschaffen wurden, die Grundlage der westlichen Zivilisation mit ihrer einzigartigen Betonung des Individuums und der Gleichheit aller Menschen.

Alle Menschen sind als Ebenbild Gottes geschaffen

Diese Idee widerspricht der gängigen Vorstellung ihrer Zeit, dass nur bestimmte Menschen nach dem Bilde G'ttes geschaffen sind. Das waren die Könige der mesopotamischen Stadtstaaten und die Pharaonen in Ägypten.

Nichts hätte radikaler sein können als zu sagen, dass nicht nur Könige und Herrscher G'ttes Ebenbild sind. Wir, alle Menschen, sind es. Selbst heute ist dieser Gedanke kühn und umso kühner war er es damals, in einer Zeit der absoluten Herrscher mit absoluter Macht.

Gott ist frei, also sind die Menschen frei

Dazu kommt noch etwas: zunächst wirkt es paradox, dass G'tt sagt: "Lasset uns Menschen machen nach unserem Bilde, nach unserem Gleichnis." Es scheint, als widerspreche dies der Vorstellung im Judentum, dass Gott weder Bild noch Ebenbild hat. Wer sich ein Bild von Gott macht, verstößt gegen das zweite der Zehn Gebote und macht sich des Götzendienstes schuldig.

Rabbi Sacks zufolge hat G'tt kein Bild, weil er nicht physisch ist. Er transzendiert, er überschreitet das physische Universum, weil er es geschaffen hat. Deshalb ist er frei und wird nicht durch die Gesetze der Materie eingeschränkt. Das meint Gott, wenn er zu Mose sagt: "Ich werde sein, was ich sein werde."

G'tt ist frei. Als er uns Menschen nach seinem Bild schuf, gab er auch den Menschen die Macht, frei zu sein. Allen Menschen, unabhängig von ihrer Klasse, Hautfarbe oder ihrem Geschlecht. So betont die biblische Geschichte am Anfang des Buches Genesis die Gleichheit aller Menschen.

In diesem Sinne Schabbat Schalom!

Zur Person: Michal Natovich Michal Natovich wurde 1979 in Israel geboren und wuchs in einer modernen orthodox-jüdischen Familie auf. Sie studierte Literatur auf Lehramt und arbeitete nach ihrem Diplom-Abschluss mehrere Jahre als Lehrerin für Hebräische Sprache und Literatur an einer israelischen Schule. Seit 2012 wohnt sie mit ihrer Familie in Leipzig. Dort war sie als Hebräisch-Dozentin in verschieden Institutionen tätig. Seit 2020 arbeitet sie als Lehrerin für Jüdische Religion in Leipzig und Dresden.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 01. Oktober 2021 | 15:45 Uhr