Schabbat Schalom: Vajeschew | MDR Kultur | 26.11.2021 Schabbat Schalom mit Ruth Röcher: Joseph und seine Brüder

Auf die alttestamentarische, dramatische Geschichte von Joseph und seinen Brüdern blickt Ruth Röcher im Wochenabschnitt Vajeschew, für "Schabbat Schalom" erzählt sie hier aus dem ersten Teil, der vom Hineingeborensein in eine schwierige Familie, von Neid, Hass und später Versöhnung handelt. Die studierte Religionspädagogin ist seit 2006 Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz.

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Auf die dramatische Geschichte von Joseph und seinen Brüdern blickt Ruth Röcher im Wochenabschnitt Vajeschew, sie handelt vom Hineingeborensein in eine schwierige Familie, von Neid, Hass und später Versöhnung.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 26.11.2021 15:30Uhr 04:42 min

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Unser Wochenabschnitt "Vajeschew" ist der erste Teil der dramatischen Geschichte Josephs, die in den nächsten drei Wochenabschnitten erzählt wird: Joseph ist in schwierige Familienverhältnisse hineingeboren worden. Sein Vater Jakob hatte zwölf Söhne von zwei Haupt- und zwei Nebenfrauen. Seine Lieblingsfrau Rachel gebar nach langen Jahren der Kinderlosigkeit ihr erstes Kind, Joseph. Daher wurde Joseph vom Vater bevorzugt und mehr geliebt als alle anderen Söhne. Seinen Brüdern entging dies nicht, Neid entstand.

Joseph und seine Brüder

Joseph ist sich seiner besonderen Stellung offensichtlich bewusst und möchte sie ausbauen, indem er seinem Vater regelmäßig über Verfehlungen seiner Brüder berichtet. Dadurch wird Joseph immer unbeliebter unter seinen Brüdern, bis sie ihm sogar den Gruß "Schalom" verweigern. Neid und Missgunst der Brüder Josephs verwandeln sich immer mehr in Hass.

Eines Tages weiden die Söhne Leahs und der Mägde die Herden einige Tagesreisen entfernt in Sichem, einem Ort nahe dem heutigen Nablus. Jakob bittet Joseph, nach seinen Brüdern zu sehen. Die Aufgabe formuliert der Vater ganz deutlich: "Gehe und schaue nach dem 'Frieden' deiner Brüder." Im Hebräischen nutzt Jakob das Wort "Schalom", "Frieden". Meint er nur das körperliche Wohl der Brüder oder doch vielleicht mehr als das? Joseph antwortet mit einem Wort, das ganz selten in der Tora vorkommt: "Hineine", das heißt so viel wie "Ich bin bereit." Als ob er sagen wollte: "Ich bin bereit, Frieden zu finden mit meinen Brüdern."

Von Neid, Hass und später Versöhnung

Joseph machte sich auf den Weg nach Sichem, aber seine Brüder sind bereits nach Dotan weitergezogen. Eigentlich könnte er jetzt nach Hause zurückkehren. Aber Joseph zieht seinen Brüdern nach. Er sucht weiter nach den Brüdern. Einige Gelehrte sind der Auffassung, dass Joseph damit das Gebot "Ehre deine Eltern" erfüllt. Sein Vater hat eine Bitte geäußert, er muss sie erfüllen.

Die Geschichte spitzt sich zu. Als die Brüder Joseph kommen sehen, beschließen sie, ihn zu töten. Ruven, der Erstgeborene, ist dagegen, er möchte Joseph leben lassen. Vielleicht fürchtet er, als Erstgeborener für das Verschwinden von Jakob zur Verantwortung gezogen zu werden, vielleicht hat er aber auch Mitleid. Als zufällig eine Karawane vorbeikommt, verkaufen die Brüder Joseph ohne das Wissen von Ruven für 20 Silberlinge als Sklaven nach Ägypten. Ihrem Vater erzählen sie, dass Joseph von einem wilden Tier gerissen wurde und legen als Beweis Josephs blutige Kleider vor.

Als Joseph, Jahrzehnte später, als erfolgreicher und gesegneter Mann im Sterbebett in Ägypten liegt, bittet er die Kinder seiner Brüder, ihn in Israel zu begraben. Im Buch Jehoschuah, Kap. 21 V. 32 lesen wir, dass beim Auszug aus Ägypten Josephs Sarg mitgeführt wurde. Er wurde in Sichem begraben. Warum in Sichem? Sichem war der Ort, an dem der Vater Jakob hoffte, dass seine Kinder Frieden miteinander schließen würden. Zwar schlossen sie damals keinen Frieden miteinander, aber später in Ägypten versöhnten sie sich und lebten friedlich miteinander. Die Brüder begruben Joseph an dem Ort, wo einst Joseph Frieden mit seinen Brüdern suchte. Damit hat sich ein Kreis geschlossen. Bis heute kann man Josephs Grab in Sichem besuchen.

Schabbat Schalom!

Zur Person: Ruth Röcher Geboren 1954 in Israel. Seit 1976 in Deutschland. Studium der Pädagogik und Judaistik an der GHS Siegen und GHS Duisburg. Promotion zum Thema "Die jüdische Schule im nationalsozialistischen Deutschland 1933–1942". Von 1994 bis 2019 Religionspädagogin für den Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden, der die Gemeinden in Chemnitz, Dresden und Leipzig umfasst. Seit 2006 Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Chemnitz. Mutter von zwei Kindern.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR | 26. November 2021 | 15:45 Uhr