Schabbat Schalom | 10.09.2021 "Schabbat Schuwa": Umkehr und Reue

Der letzte Schabbat vor Jom Kippur, dem jüdischen Versöhnungsfest, steht ganz im Zeichen von Umkehr und Reue. Zugleich ermutigt er dazu, im kommenden jüdischen Jahr 5782 so viel Gutes wie möglich zu tun, meint der Thüringer Landesrabbiner Alexander Nachama.

Alexander Nachama in der Synagoge in Erfurt 5 min
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Der letzte Schabbat vor Jom Kippur, dem jüdischen Versöhnungsfest, steht ganz im Zeichen von Umkehr und Reue. Zugleich ermutigt er dazu, im kommenden jüdischen Jahr 5782 so viel Gutes wie möglich zu tun.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 10.09.2021 15:30Uhr 04:48 min

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Wir feiern in dieser Woche "Schabbat Schuwa", das ist der Schabbat der Umkehr oder der Reue, abgeleitet von den ersten Worten der Haftara, des Prophetenabschnitts: "Kehre zurück ('Schuwa'), Israel, zum Ewigen, deinem Gott, denn du bist gestrauchelt durch deine Sünde."

In früheren Zeiten sind Rabbiner nur zwei Mal im Jahr vor die Gemeinde getreten, um zu predigen: Am 'Schabbat Hagadol', dem Schabbat vor Pessach, um die Gemeinde auf das Pessachfest vorzubereiten; an 'Schabbat Schuwa', dem Schabbat zwischen Rosch Haschana, dem jüdischen Neujahrsfest und Jom Kippur, dem Versöhnungstag, um die Gemeinde zur Umkehr von schlechten Taten aufzurufen. Daher hat dieser Schabbat eine besondere Bedeutung.

Lässt sich diese auch aus dem Wochenabschnitt 'Wajelech' ableiten? Dort heißt es: "Mosche schrieb diese ganze Lehre auf, überlieferte sie den Priestern, den Söhnen Levis, die des Ewigen Bundeslade trugen und allen Ältesten von Israel und gab ihnen dabei folgenden Befehl: Am Ende von sieben Jahren, zur Zeit des Freijahres am Hüttenfest (Sukkot), wenn ganz Israel vor dem Ewigen, deinen Gott, an den Ort kommt, den er erwählen wird, sollst du diese Lehre im Beisein von ganz Israel laut vorlesen."

Nachdem Mosche die Tora aufgeschrieben hat, legt er sie in die Hände der Priester und Ältesten, den damaligen religiösen und politischen Oberhäuptern, und ordnet ihre regelmäßige Lesung vor der versammelten Gemeinde an.

Eigentlich Ruhejahr für das Ackerland

Die Tora schreibt vor, dass sie alle sieben Jahre gelesen werden sollte - im "Freijahr", das ist das Schabbatjahr. Das Schabbat-Jahr (auch "Schmitta" genannt), ist ein Ruhejahr für das Ackerland. Nach sechs Jahren Bebauung sollte das Feld - in Analogie zum Schabbat als Ruhetag - im siebenten Jahr ruhen, das bedeutet, ein Jahr nicht bearbeitet werden. Das Sukkotfest fiel auf den Schluss des Ruhejahrs. Die Lesung sollte bezeugen, dass die Israeliten durch Gottes Gnade am Leben erhalten worden waren.

Die Tora schreibt weiter: "Das ganze Volk musst du daselbst zusammenkommen lassen, Männer, Frauen und Kinder nebst dem Fremden, der sich in deinen Toren aufhält, damit sie hören und lernen, vor dem Ewigen, eurem Gott, Ehrfurcht zu haben und alle Worte dieser Lehre auf das genauste zu beobachten."

Die Tora schreibt ihre Lesung nicht nur den Männern vor, sondern genauso auch den Frauen. Alle sind verpflichtet "alle Worte dieser Lehre auf das genauste zu beobachten".

Mittlerweile sind aus sieben Jahren sieben Tage geworden. An jedem Schabbat wird in den Synagogen aus der Tora vorgelesen, in Synagogen mit täglichem Gebet auch am Montag und Donnerstag. Zusätzlich noch an allen Halbfeiertagen und Feiertagen. Die Tora ist in 54 Abschnitte eingeteilt, so dass sie innerhalb eines Jahres gelesen werden kann.

Möglichkeit umzukehren und sich zu versöhnen

Es liegt in unseren Händen, die Worte der Tora zu erfüllen. Sicherlich kann sich jeder an Situationen erinnern, in denen das nicht so gut geklappt hat. In denen man beispielsweise mit anderen Menschen gestritten, sie ungerecht behandelt hat.

Auf diese sollten wir bis Jom Kippur zugehen und uns versöhnen. In seiner großen Barmherzigkeit verzeiht uns Gott unsere Sünden.

Dass es in der Natur des Menschen liegt, nicht immer alles richtig zu machen, sondern auch Fehler zu begehen, weiß Gott. Daher findet Jom Kippur nicht alle sieben Jahre, sondern jedes Jahr statt. Schabbat Schuwa, der Schabbat der Umkehr, ermuntert uns dazu, nicht zu resignieren, sondern im kommenden jüdischen Jahr, dem Jahr 5782, so viel Gutes wie möglich zu tun. Jeder Tag bietet uns die Möglichkeit dazu.

Schabbat Schalom!

Zur Person: Landesrabbiner Alexander Nachama Geboren 1983 in Frankfurt am Main. 2005 erhielt er von Rabbiner Zalman Schachter-Shalomi, dem Gründer der Rabbiner- und Kantorenschule "Aleph", eine Urkunde als Kantor.

2008 erhielt er einen Bachelor in Judaistik (Freie Universität Berlin), 2013 einen Master (Universität Potsdam). Ab 2007 absolvierte er eine Ausbildung am Abraham Geiger Kolleg mit Studienaufenthalten in Israel, die er 2013 mit der Ordination zum Rabbiner abschloss.

1998 - 2011 amtierte Alexander Nachama zunächst als ehrenamtlicher Vorbeter, später als Kantor in der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. In den Jahren 2012 - 2018 war er Gemeinderabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dresden.

Seit 2018 ist er Landesrabbiner der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 10. September 2021 | 15:45 Uhr