Schabbat Schalom | 22.10.2021 "Wajera": Wer nur nimmt, versündigt sich an G'ttes Schöpfung

Rabbiner Elischa M. Portnoy legt den Wochenabschnitt "Wajera" aus. Darin geht es um die Zerstörung der Stadt Sedom. Anders als oft angenommen hat die Geschichte nichts mit Homosexualität zu tun. Sie handelt vom Egoismus der Stadtbewohner. Skript: Elischa M. Portnoy. Gelesen von Thomas Lopau.

Der Wochenabschnitt Wajera setzt die Erzählung über das Leben unseres Vorvaters Avraham fort. Der Name des Wochenabschnittes sind die ersten Worte, die die Offenbarung von G’tt bei Avraham nach dessen Beschneidung beschreiben: "Und es erschien ihm G‘tt unter den Eichen von Mamre, da er saß an der Türe des Zeltes um die Glutzeit des Tages."

"Wajera" sorgte für Missverständnisse

Der Abschnitt behandelt neben der Ankündigung, dass Sarah trotz ihres hohen Alters einen Sohn gebären wird, eine andere sehr bekannte Geschichte, die wohl für größte Irritationen und Missverständnisse in der jüdischen Geschichte gesorgt hat. Es geht um die Zerstörung der Städte Sedom und Amorah.

Über Sedom heißt es in der Tora: "Und die Männer von Sedom waren sehr böse und sündhaft gegen G‘tt." Die Schilderungen in "Wajera" bestätigen das eindrucksvoll. Jedoch war die Bosheit der Bewohner dieser Städte eine ganz andere, als viele denken mögen.

Bewohner Sedoms drohen wegen Gastfreundschaft Lots

Die Erzählung geht so: Die Engel, die als Gäste bei Avraham gewesen waren, kommen nach Sedom. Dort lebte Abrahams Neffe Lot mit seiner Familie. Obwohl es in dieser Stadt strikt verboten ist, Fremde zu beherbergen, lädt Lot die Engel, die er für einfache Reisende hält, zu sich nach Hause ein. Die Jahre, die er zuvor beim gastfreundlichen Avraham verbracht hat, haben bei ihm Spuren hinterlassen. Die Engel willigen nach kurzem Zögern ein und kommen zu Lot nach Hause.

Lots Gastfreundschaft bleibt den Stadtbewohnern nicht verborgen. Bald versammelt sich ein aufgebrachter Mob vor seinem Haus und verlangt von ihm, die Gäste auszuliefern, um sie zu vergewaltigen. Die Engel blenden die Angreifer, retten Lot und seine Töchter, während G'tt Sedom vernichtet.

Zerstörung Sedoms hat nichts mit Homosexualiät zu tun

Aus dieser Geschichte entstand das Vorurteil, dass Sedom wegen der Sünde der Homosexualität zerstört worden sei. Noch heute begründen manche ihren Hass gegen Homosexuelle damit, dass die Bewohner Sedoms homosexuelle Beziehungen praktiziert hätten und deshalb von G’tt bestraft worden seien. Das stimmt jedoch nicht. Wie aus der Erzählung hervorgeht, hat G’tt hat Sedom wegen des Egoismus der Bewohner zerstört.

Die Tora erzählt weiter, dass die Gegend um Sedom am Salzmeer einst sehr fruchtbar war und die umliegenden Städte sehr reich. Doch die Bürger entschieden sich, Bedürftigen nicht zu helfen. Sie wollten verhindern, selbst zu verarmen, wenn zu viele Bettler und hilfesuchende Reisende kommen. Zur Abschreckung erließen sie drakonische Gesetze. Das veranschaulicht eine Überlieferung. Demnach wurde ein Mädchen, das einem hungernden Reisenden Brot gegeben hatte, mit Honig eingeschmiert und zu den Bienen gelegt, wo es qualvoll starb.

Egoismus als Grund für Zerstörung der Stadt

Auch im Fall der Besucher Lots wollten die Bewohner von Sedom ein grausames Zeichen zur Abschreckung setzen. Die angedrohte Vergewaltigung diente nicht der Befriedigung  sexueller Gelüste, sondern als Mittel zum Zweck, weil das damalige Gastrecht das Töten von Fremden verbot.  Deshalb entschieden sich die Bewohner für die Vergewaltigung als Signal, dass Besucher nicht willkommen sind.

Dieser Egoismus hat das Schicksal der reichen und blühenden Städte Sedom und Amorah besiegelt und ist der Grund, weshalb sie aus der Welt genommen wurden.

Menschen, die nur nehmen, und nicht weitergeben, versündigen sich an G‘ttes Schöpfung. G’tt hat die Menschen erschaffen, damit sie Armen und Fremden etwas abgeben. Auch wir, die nach dem Ebenbild G’ttes erschaffen sind, sollten Gebende sein.

In diesem Sinne Schabbat Schalom!

Zur Person: Rabbiner Elischa M. Portnoy Rabbiner Elischa M. Portnoy wurde 1977 in Nikolaev in der Ukraine geboren. Seit 1997 lebt er in Deutschland. 2007 machte er sein Diplom als Ingenieur für Elektrotechnik an der TU Berlin. 2012 schloss er seine Ausbildung am Rabbinerseminar zu Berlin ab und erhielt die Smicha. Seit 2014 ist er als Gemeinderabbiner in Dessau-Roßlau tätig, seit 2018 fungiert er auch als Gemeinderabbiner in Halle.
Portnoy ist Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD).

Schabbat Schalom bei MDR KULTUR Die Sendung bezieht sich auf die jüdische Tradition, die fünf Bücher Moses im Gottesdienst der Synagoge innerhalb eines Jahres einmal vollständig vorzulesen. Dabei wird die Thora in Wochenabschnitte unterteilt. Zugleich ist es häufige Praxis, die jeweiligen Wochenabschnitte auszulegen.

Bei MDR KULTUR geben die Autorinnen und Autoren alltagstaugliche Antworten auf allgemeine Lebensfragen, mit denen sie auch zur persönlichen Auseinandersetzung anregen. Zugleich ist "Schabbat Schalom" eine Einführung in die jüdische Religion, Kultur und Geschichte.

"Schabbat Schalom" ist immer freitags um 15:45 Uhr bei MDR KULTUR zu hören sowie online abrufbar bei mdr.de/religion.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Schabbat Schalom | 22. Oktober 2021 | 15:45 Uhr