Überblick Synagogen in Mitteldeutschland

Die älteste erhaltene Synagoge Europas steht in Erfurt. Heute ist sie Museum und Begegnungstätte. Doch neben historischen Stätten gibt es viele Orte in Mitteldeutschland, die aktiv von jüdischen Gemeinden genutzt werden. Eine Auswahl.

Synagogen in Sachsen

Geweiht wird die Synagoge in Görlitz 1911. Damals leben etwa 600 jüdische Bürger in Görlitz. Durch glückliche Umstände wird der Jugendstilbau in der Pogromnacht im November 1938 nur leicht beschädigt, ein Feuer kann rechtzeitig gelöscht werden. Die Gemeinde muss sich 1939 auflösen, viele Mitglieder werden deportiert und kommen in den Vernichtungslagern ums Leben. In den 1960er Jahren geht die Synagoge in das Eigentum der Stadt über und verfällt zusehends. Nach der Wende engagiert sich ein Förderverein für den Wiederaufbau.

Görlitz Neue Synagoge Görlitz wird Europäisches Kulturzentrum

Eingangsbereich mit Tresen aus Edelstahl
Der Eingangsbereich mit speziell für die Görlitzer Synagoge entworfenen Empfangstresen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Eingangsbereich mit Tresen aus Edelstahl
Der Eingangsbereich mit speziell für die Görlitzer Synagoge entworfenen Empfangstresen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Rekonstruiertes Fenstergitter
Rekonstruiertes Fenstergitter zeugt von der Kunst der Handwerker, damals und heute! Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Blick auf die Bima oder Almemmor mit dem Lesepult vor dem einstigen Toraschrein.
Blick auf die Bima oder Almemor mit dem Lesepult vor dem einstigen Toraschrein. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Die gewaltige Kuppel der Synagoge
Eine gewaltige Kuppel überspannt die Synagoge. Dafür nutzten die Architekten vor mehr als 100 Jahren die damals neuesten Bau-Technologien. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Treppenhaus im Jugendstil
In Görlitz brachen die Architekten mit dem üblichen orientalischen Baustil beim Bau neuer Synagogen und setzten auf den damals hochmodernen Jugendstil. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Frauenempore
In Görlitz mussten die Frauen auf ihrer Empore nicht hinter einem Gitter sitzen, sondern hatten einen freien Blick auf das Geschehen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Geschändete Gedenktafel für die Toten des I.Weltkrieges
Erhalten geblieben: Gedenktafel für die gefallenen Soldaten des I. Weltkrieges. Sie waren Mitglieder der damaligen jüdischen Gemeinde. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Rekonstuierter Leuchter
Viele sehenswerte Details sind zu entdecken, darunter auch die Leuchter. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Wochentagssynagoge
Auch das Gebet oder ein kleiner Gottesdienst ist wieder möglich, in der Wochentagssynagoge! Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Aufwendig saniert - zahlreiche Details, wie der "Löwenfries"
Aufwendig saniert wurde auch der Innenraum, mit vielen sehenswerten Details. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Leuchte als Zeichen sächsischer Handwerkskunst
Leuchte als Zeichen sächsischer Handwerkskunst. Sie wurde nach historischen Vorlagen nachgebaut. Möglich wurde das durch Spenden. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
Blick zum Eingang mit Frauenempore
Am 28. Mai 2021 sollen sich die Türen der Neuen Synagoge wieder öffnen. Bildrechte: MDR/Uwe Walter
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Nach 30 Jahren der Sanierung wird die Görlitzer Synagoge am 12. Juli 2021 wiedereröffnet, als Kulturzentrum und sakraler Raum. Bund, Land und Stadt haben 12 Millionen Euro investiert in einen Ort, der beitragen soll zu mehr Wissen und Verständnis der jüdischen Kultur sowie zur Stärkung einer lebendigen Gemeinschaft der Jüdinnen und Juden in Sachsen.

Synagogen in Mitteldeutschland
Die Synagoge Chemnitz kann derzeit virtuell besichtigt werden. Bildrechte: dpa

Neue Synagoge Chemnitz: Im September 2020 feiert die jüdische Gemeinde Chemnitz ihr 135-jähriges Bestehen. Nur acht Überlebende des Zweiten Weltkries formieren sich 1945 wieder zu einer Gemeinde. 1961 bekommt sie ein eigenes Gemeindehaus, 2002 den markanten Neubau. Übrigens befindet sich dort auch die erste öffentliche Hörbuch-Bibliothek in russischer Sprache.

Synagogen in Mitteldeutschland
Die Architektur der Dresdner Synagoge ist mehrfach ausgezeichnet. Bildrechte: dpa

Zehn Jahre lang lagert der goldene Davidstern der Alten Dresdner Synagoge versteckt auf einem Dachboden. Gerettet haben ihn Dresdner Feuerwehrmänner während des Pogroms am 9. November 1938. Einer von ihnen, Alfred Neugebauer, übergibt ihn 1949 an den Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde. Heute schmückt der Stern den Eingang der 2001 geweihten Neuen Dresdner Synagoge.

Synagogen in Mitteldeutschland
Von 1938 - 1945 wird die Leipziger Brodyer-Synagoge als Seifenfabrik genutzt. Bildrechte: dpa

Bevor die Doppelhaushälfte in der Keilstraße 4-6 ab 1904 als Synagoge des Leipziger Talmud-Tora-Vereins genutzt werden kann, muss die Decke zwischen Erd- und erstem Obergeschoß entfernt und der Fußboden abgesenkt werden. Die Bezeichnung "Brodyer Synagoge" Leipzig geht auf die in der heutigen Ukraine gelegenen Stadt Brody zurück. Von dort stammen jüdische Pelzhändler, die sich im 18. Jahrhundert in Leipzig niederlassen.

Synagogen in Sachsen-Anhalt

Elisha Portnoy, Rabbiner der Jüdischen Gemeinde zu Dessau, spricht bei einer Gedenkveranstaltung während im Hintergrund eine Darstellung des zukünftigen Synagogenanbaus zu sehen ist.
Im November 2019 wird der Grundstein für die Weill-Synagoge in Dessau gelegt. Bildrechte: dpa

Mit der Weill-Synagoge entsteht in Dessau der erste Neubau einer Synagoge in Sachsen-Anhalt nach dem Zweiten Weltkrieg. Die äußere Gestalt der Synagoge soll an eine Tora-Rolle erinnern. Namensgeber ist der frühere Kantor der jüdischen Gemeinde und Vater des Komponisten Kurt Weill, Albert. Die Gemeinde hat sich 1994 neu gegründet und trifft sich seitdem in einem Gemeindehaus mit Gebetsraum. Die Arbeiten am Neubau sollen im Herbst 2022 beendet sein.

Synagogen in Mitteldeutschland
Seit 1947 gibt es in Halle wieder offiziell eine jüdische Gemeinde. Bildrechte: dpa

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird das Taharahaus, in dem die Leichenwaschung verstorbener Juden stattfindet, auf dem jüdischen Friedhof in Halle zur Synagoge umgebaut. 1953 wird sie geweiht. Zu Jom Kippur 2019 wird die jüdische Gemeinde Opfer eines Anschlags, während dort rund 50 Menschen den Gottesdienst zum Versöhungsfest feiern.

Eine Frau mit Hund geht in Magdeburg an dem Werbebanner "otto braucht eine synagoge" entlang.
Seit 2010 bezeichnet sich Magdeburg bundesweit als "Ottostadt". Bildrechte: dpa

Im November 2019 schenkt die Stadt Magdeburg dem Synagogenverein ein Grundstück. Errichtet werden soll der Neubau ganz in der Nähe der alten Synagoge, die in der Pogromnacht 1938 zerstört wurde. Im Oktober 2021 teilt der Förderverein mit, dass die Baugenehmigung nun vorliege. Die Bauarbeiten sollen demnach 2022 beginnen und 2023 abgeschlossen sein. In Magdeburg gibt es heute zwei jüdische Gemeinden, eine orthodoxe und eine liberale.

Mitte des 18. Jahrhunderts wird die Synagoge in Gröbzig gebaut. 1934 wird sie zum Heimatmuseum umfunktioniert, was sie wahrscheinlich vor der Zerstörung in der Pogromnacht 1938 schützt. Am 3. November 1988 wird das Ensemble als Museum Synagoge Gröbzig wiedereröffnet. Es besteht aus der Synagoge, einem Gemeindehaus, dem Cheder - der jüdischen Grundschule, der Remise und dem jüdischen Friedhof. Zum Museumskomplex gehört ein Jugendbildungszentrum. Seit 2019 laufen Umbauarbeiten, die 2023 beendet sein sollen. Trotzdem lohnt sich ein Besuch vorab: Es werden noch Stadt- und Friedhofsführungen und pädagogische Programme angeboten, die Einblicke erlauben ins jüdische Leben in Anhalt.

Synagoge in Gröbzig, Lange Straße, seit 1796. Heute befindet sich darin ein Museum zur Geschichte und Tradition des Judentums.
Heute befindet sich darin ein Museum zur Geschichte und Tradition des Judentums. Bildrechte: Kai Flemming

Die Synagoge von Eisleben wird 1850 von dem Rabbiner Ludwig Philippson eingeweiht, ein bedeutender Wortführer für die Rechte der Juden. 1938 wird die Synagoge enteignet, entweiht und geschändet. Lange verfällt sie. Im Jahr 2010 erwirbt der Verein Eisleber Synagoge e.V. Gebäude und Grundstück. Seitdem bemüht sich das Bürgerprojekt um Sicherung und Rekonstruktion. Ziel ist es, dabei die noch vorhandenen Spuren zu bewahren, ein Museum und kulturelles Begegnungszentrum aufzubauen. Die Mitglieder des Vereins forschen zur jüdischen Regionalgeschichte. Durch die Verlegung von Stolpersteinen, Ausstellungen und pädagogische Angebote und Projekte vermitteln sie dieses Wissen über das jüdische Leben im heutigen Landkreis Mansfeld-Südharz. Dazu gehört die Auseinandersetzung mit der antijudaistischen Einstellung des berühmtesten Sohnes der Stadt, Martin Luther. Im September 2021 wurde der Verein für sein Wirken mit dem Werner-Sylten-Preis für christlich-jüdischen Dialog ausgezeichnet.

Die Synagoge in Haldensleben wird Anfang des 19. Jahrhunderts als israelitischer Tempel erbaut und direkt in der bürgerlichen Nachbarschaft platziert, was auf die hohe Akzeptanz der jüdischen Gemeinde damals schließen lässt, die erst seit 1809 in Haldensleben existiert. Die Synagoge wird 1907 an die Neuapostolische Gemeinde verkauft. 2002 übernimmt der Landkreis Börde die vom Verfall bedrohte Synagoge samt Kirche in sein Eigentum. Als Kulturdenkmal gehört sie nun zum Museum Haldensleben. 2007 kommt es zur großen Neueröffnung der Gebäude unter dem Namen "Haus der anderen Nachbarn". Es soll ein Ort sein der Verständigung zwischen Menschen verschiedenster Religion und Herkunft, die in Haldensleben lebten und immer noch leben. Das Haus befindet sich in der Steinstraße 18 und kann im Rahmen einer Führung oder während der vom Museum veranstalteten pädagogischen Programme besucht werden.

Synagogen in Thüringen

Synagoge Erfurt
Erst der dritte Entwurf für die Neue Synagoge Erfurt wurde von der Stadt genehmigt. Bildrechte: dpa

In Erfurt finden Feierlichkeiten der jüdischen Gemeinde seit 1952 in der Neuen Synagoge statt. Es handelt sich um den einzigen Neubau einer Synagoge in der DDR. In Erfurt steht zudem die älteste erhaltene Synagoge Europas. Das 900 Jahre alte Gebäude firmiert heute als Museums- und Begegnungsstätte: Alte Synagoge.

Synagoge von Berkach innen
1991 wiedereingeweiht: Die Synagoge von Berkach Bildrechte: MDR / Wolfram Nagel

Möglicherweise bis ins 16. Jahrhundert geht die Entstehung der jüdischen Gemeinde von Berkach zurück. 1838 wird eine Synagoge erbaut. Die jüdische Kultusgemeinde muss die Synagoge 1939 verkaufen. Sie soll eigentlich abgerissen werden. Immerhin gelingt es, eine der sechs Tora-Rollen zu retten. Das ausgeplünderte Gebäude geht 1943 in das Eigentum der Raiffeisenbank über. Nach dem Krieg wird sie kurzzeitig als Kommandantur der Sowjetarmee genutzt, später als Schmiede, Werkstatt und Lagerraum der LPG. Die Synagoge wird 1990 restauriert und am 3. November 1991 feierlich wiedereingeweiht. Seitdem kann sie von der Landesgemeinde wieder als Betraum genutzt werden.

An der ehemaligen jüdischen Schule gleich neben der Synagoge erinnert eine Tafel an den Kantor, Lehrer und Herausgeber der "Liturgischen Zeitschrift", Hermann Ehrlich, der dort auch wohnte. Wie die Synagoge an der Mühlfelder Straße bleibt das kleine Ritualbad als eine der wenigen sakralen Bauten der Südthüringer Landjuden erhalten, genutzt als Geräteschuppen.

In Aschenhausen bei Kaltennordheim gibt es bis 1938 eine jüdische Gemeinde. Ihre Entstehung geht in die Zeit um 1700 zurück. 1843 wird eine Synagoge geweiht, die sich am klassizistischen Stil der Dresdner Sempersynagoge orientiert. Deren äußere Hülle ist erhalten geblieben. Die Synagoge gilt als einer der interessantesten Sakralbauten des deutschen Landjudentums überhaupt.

1936 findet ein letzter Gottesdienst statt. Danach wird sie vom neuen Eigentümer als Scheune genutzt und deswegen in der Progromnacht 1938 vermutlich nicht angezündet. Zu DDR-Zeiten gibt es Überlegungen, in der einstigen Synagoge eine Stätte der Begegnung einzurichten. 1987 beginnt die Restaurierung, die mit Hilfe vieler Freiwilliger 1991 abgeschlossen wird. Seither wird sie als Stätte der Begegnung und Erinnerung genutzt.

Die Synagoge in Meiningen wird Ende des 19. Jahrhunderts in der Altstadt direkt am Mühlgraben, einem Nebenarm der Werra gebaut, als ein prachtvoller Bau im byzantinischen Stil. In der südthüringischen Stadt leben damals etwa 450 Jüdinnen und Juden, die sich erst ab 1866 überhaupt in der Stadt und Umgebung haben niederlassen dürfen. 1936 hält die Israelitische Kultusgemeinde dort ihren letzten Gottesdienst. In der Pogromnacht wird die Synagoge geplündert. Ende 1938 muss die Gemeinde sie verkaufen, 1939 wird sie komplett abgetragen. 1988 wird an dem Platz eine Gedenkstätte eingerichtet, wo alljährlich am 9. November an die systematische Verfolgung und Vernichtung jüdischen Lebens erinnert wird. Derzeit saniert die Stadt die einstige Villa der jüdischen Bankiersfamilie Strupp. Eine Stiftung, gegründet von den Nachkommen, will das Gedächtnis an berühmte jüdische Meininger wachhalten. Dazu gehörten Persönlichkeiten wie Ludwig Chronegk als Reformer des Regietheaters, Friedrich Gernsheim als Komponist und Dirigent, Moses Sachs als erster Deutsch-jüdischer Auswanderer 1830 und Fritz Bernstein, einer der ersten Minister Israels, der 1948 auch die Unabhängigkeitserklärung des neuen Staates unterzeichnet.