Mensch und Maschine Wie Hightech-Prothesen die Wahrnehmung von Behinderung verändern

Im Sonderforschungsbereich "Hybrid Societies" der Technischen Universität Chemnitz beschäftigen sich interdisziplinäre Teams mit ferngesteuerten und autonom agierenden Robotern sowie mit intelligenten Prothesen. Erforscht wird, wie sich Menschen und Maschinen künftig im öffentlichen Raum begegnen und koordinieren können. Selbstbestimmt-Moderator Martin Fromme spricht mit Psychologie-Professor Dr. Bertolt Meyer und Informatiker Carsten Rudolph über Körperprothesen.

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An der TU Chemnitz wird die Wirkung von Körperprothesen u.a. mittels VR-Technik erforscht. Bildrechte: Mia Media

Martin Fromme (MF): Was sind die Kernfragen, denen Sie in Ihrer Forschung nachgehen?

Ein Mann an einem DJ-Pult
Martin Fromme (links) im Gespräch mit Prof. Dr. Bertolt Meyer (rechts). Bildrechte: Mia Media

Bertolt Meyer: Wir fragen in unserem Projekt, ob Prothesen das Stereotyp gegenüber Menschen mit Körperbehinderungen verändern. Menschen mit Körperbehinderungen werden in der Regel mitleidig wahrgenommen. Das ist das sogenannte paternalistische Stereotyp. Wir haben herausgefunden, dass die Reaktionen anders ausfallen, wenn Menschen mit Körperbehinderungen eine Hightech-Prothese tragen, etwa eine bionische Hand. Dann wird aus Mitleid eher positiv konnotiertes Interesse.

MF: Woran liegt das?

Bertolt Meyer: Das wissen wir nicht genau. Deswegen erforschen wir zusammen mit Psychologinnen und Psychologen, wie Prothesen, die unterschiedlich aussehen, wirken. Es geht sowohl um die Wirkung auf die Person, die sie trägt, als auch um Außenstehende. Da wir für die Forschung nicht ausreichend Menschen mit Prothesen haben, arbeiten wir mit einer virtuellen Realität. In einem Versuchsraum sollen Menschen, die zwei Arme haben, die Erfahrung machen, wie es ist, wenn ein Arm durch eine Prothese ersetzt wird. Dann können wir deren Empfindungen messen und systematisch variieren, wie die Prothesen aussehen, aus welchem Material sie sind, ob sie eher high tech oder low tech sind. Es geht dabei auch ums Ausprobieren.

MF: Nehmen wir als Beispiel einen Roboterarm aus Holz, der sehr spacig aussieht. Wie lange dauert die Arbeit an so einer Prothese?

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Martin Fromme testet eine Holzprothese in Virtueller Realität. Bildrechte: Mia Media

Carsten Rudolph: An diesem Projekt arbeiten wir seit etwas mehr als zwei Jahren. Der größte Fortschritt, den wir bis hier gemacht haben ist, dass wir es geschafft haben, ohne externe Handschuhe oder Bälle die Position im Raum aufzunehmen.

MF: Bertolt Meyer, Sie persönlich haben sich für eine Prothese entschieden. Wieso?

Bertolt Meyer: Die Pubertät war für mich eine schwierige Phase, in der ich auf Kriegsfuß mit meinem Körper stand. Ich war damals auch ziemlich dick und habe mich sehr, sehr unwohl gefühlt in meiner Haut. In diesem Kontext hatte ich das Bedürfnis, meine Behinderung zu kaschieren. So habe ich mich für eine myoelektrische Unterarmprothese entschieden habe. Das war eine hautfarbene Gummihand, die nur in der einen starren Position auf und zu ging. Außerdem konnte man nur zwischen Daumen und Zeigefinger greifen. Es ist überhaupt nicht nützlich und sieht grauenvoll aus. 2008 brachte ein Start Up eine Hand heraus, für die es einen durchsichtigen Gummi-Handschuh gab. Diese Version war die erste, bei der sich die ganze Hand bewegen kann, es gibt Gelenke, man kann eine Faust ballen. Das ist super zum Fahrradfahren, zum Kochen oder um etwas Rundes zu halten. Auch zum Tippen auf einer Tastatur ist sie toll, denn die Hand kann unterschiedliche Gesten machen.

Sowohl der funktionale als auch der psychologische Nutzen und der Gewinn an Lebensqualität war also enorm. Das hat mir neues Selbstbewusstsein gegeben.

MF: Neben Ihrer Forschungsarbeit legen Sie als DJ in Clubs elektronische Musik auf mit einer speziellen Armprothese, der "SynLimp". Was ist das?

Bertolt Meyer: Den SynLimp, sinngemäß "Synthesizer Körperteil", würde ich als eine Art Aufsatz oder Adapter bezeichnen. Die Prothese lässt sich mit einem Synthesizer verbinden.

MF: Wie funktioniert der SynLimp?

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Bertolt Meyer bedient einen Synthesizer. Bildrechte: Mia Media

Bertolt Meyer: Es handelt sich um einen analogen modularen Synthesizer. Durch Kabel fließt der Strom, der die Musik steuert. Mit Knöpfen verändert man die Musik. Jeder Knopf am Synthesizer ist per Kabel fernsteuerbar. Das heißt, ob ich den Knopf drehe oder den Strom rein schicke, ist egal. Mit der Prothesenhand ist es sehr schwierig, so einen Knopf zu drehen. Dabei wird in der Prothese ein elektrisches Signal aufgenommen, das in der Hand in eine mechanische Bewegung umgesetzt wird und ein Rädchen dreht. Daraus entsteht wieder ein elektrisches Signal. Weil das ein riesiger Umweg ist, entstand die Idee, das abzukürzen.

Gemeinsam mit Christian Zollner haben wir einen den Schaltplan entwickelt. Christian Zollner hat die Platine ätzen lassen, ich habe sie gelötet. Mein Mann ist Architekt und Künstler. Er kennt sich mit einem 3-D-Drucker aus, hat das Gehäuse entworfen und gedruckt. Dann haben wir alles zusammen gebastelt. Ich führe es vor: Um die Sounds zu verändern, muss ich den Regler nicht anfassen! Ich muss es nur denken.

MF: Wie, nur denken?

Bertolt Meyer: Ich muss nur denken, wie ich den Sound verändern will. Der Witz für mich ist , und da ist meine Behinderung ein Vorteil, ich hab in den letzten 15 Jahren jeden Tag hundert Mal den Muskelimpuls gegeben, um die Prothese auf und zu zu machen. Hunderte Male. Das heißt, für mich ist dieser Muskelimpuls wie eine zweite Natur, ich muss nicht darüber nachdenken. Ich mach es einfach, weil ich es durch meine Behinderung gelernt habe. Nur deswegen ist es für mich wie denken, jeder andere müsste sich auf die Muskelgruppe im Arm konzentrieren.

MF: Bertolt Meyer und Carsten Rudolph, vielen Dank für das Gespräch!

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 13. März 2022 | 08:00 Uhr