Nah dran | Jetzt ansehen Milan – Vom Kampf, ein Sohn zu sein

Sie wollte ein Mädchen und bekam ein Mädchen. Doch Sabrinas Kind zerreißt schon mit fünf Jahren seine Kleider, reißt sich die Haarspangen vom Kopf, trägt irgendwann nur noch Jungen-Klamotten. Milan weiß früh: Ich bin kein Mädchen, sondern ein Junge. Für Mutter und Kind beginnt ein langer Weg:

Ein Junge sitzt vor einer bunten Wand.
Bildrechte: RUNDFUNK BERLIN-BRANDENBURG

Seit er denken kann, führt Milan einen Kampf um die eigene Identität. Bei der Geburt ist er anhand seines biologischen Geschlechts weiblich, doch er fühlt sich als Junge. Er ist trans*. Der heute 18-Jährige erzählt: "Mit sechs Jahren war mir unwohl dabei, zum Beispiel einen pinkfarbenen Rucksack zu tragen. Ich war nie ein Mädchen, sondern habe mich von Anfang an als Junge gefühlt."

Das Mädchen hat es nie gegeben

Ein Junge und eine Frau
Milan und seine Mutter Sabrina. Bildrechte: RUNDFUNK BERLIN-BRANDENBURG

Milan wohnt mit seiner Mutter, seiner Schwester und seinem Stiefvater in Kleinmachnow, südlich von Berlin. Den Kontakt zu seinem leiblichen Vater hat er inzwischen abgebrochen. Für seine Mutter Sabrina war es anfangs nicht einfach zu akzeptieren, dass ihre Tochter keine Tochter sein will: "Der Verstand hat gesagt: Ja, er braucht Hilfe. Aber mein Herz war noch nicht so weit. Und dann hat er gesagt: Mama, wenn du nur drei Minuten spürtest, wie sich mein Körper anfühlt, würdest du mir helfen."

In einer kurzen Phase bemüht er sich so zu sein, wie sich seine Mutter ihre Tochter vorstellt, inklusive pinkfarbener Kleidung.

Ich dachte, okay, wenn Mama glücklich ist, dann bin ich auch glücklich. Aber so war es nicht.

Milan

Heute kleidet sich Milan gerne bunt, benutzt auch mal Nagellack. Denn das hat für ihn nichts mit dem biologischen Geschlecht zu tun. Die Unsicherheit, wie er nach außen wirkt, ist aber geblieben. Und vor allem die Angst davor, auf das 'Trans*-Sein' reduziert zu werden. Den Namen "Milan" hat er sich selbst ausgesucht. Sein früherer Name ist und bleibt sein Geheimnis, denn wie Milan sagt, hat es diese Person ohnehin nie gegeben.

Je früher die Behandlung, desto unkomplizierter

Mit 17 Jahren hält er schließlich seinen neuen Ausweis in den Händen und hat bereits mehrere Operationen hinter sich. Je früher ein Kind weiß, dass es trans ist, desto einfacher ist eine Geschlechtsangleichung. Mit Hormonblockern kann die Pubertät gestoppt werden. Bei Milan beginnt die Behandlung allerdings erst mit 14 Jahren. Seine Brüste waren damals schon gewachsen. Seit seinem 16. Lebensjahr wird ihm alle drei Monate Testosteron gespritzt.

Krankenhausbett
Milan hat sich mehreren OPs unterzogen. Bildrechte: RUNDFUNK BERLIN-BRANDENBURG

Der Endokrinologe Dr. Klaus-Peter Liesenkötter hat immer häufiger Patientinnen und Patienten wie Milan. Oft heißt es, die Zunahme von geschlechtsangleichenden Behandlungen bei Kindern und Jugendlichen sei nur ein Trend. Dr. Klaus-Peter Liesenkötter: "Ich frage immer zurück: Warum würde ich mir diese Behandlung freiwillig antun, wenn es nur ein Trend wäre? Ich jage mir ja nicht zum Spaß alle drei Monate eine Spritze in den Po oder unterziehe mich Operationen. Ich denke, jeder, der diese Transformation wählt, ist sich sicher, das wirklich zu wollen."

Ein Penis aus Silikon, Testosteron-Spritzen, ein neuer Ausweis – all das soll Milans Leben besser machen. Doch der Prozess der Geschlechtsangleichung dauert. Manchmal so lange, dass Milan kein Licht am Ende des Tunnels mehr sieht. "Ich hatte eine sehr selbstverletzende Phase mit Suizidgedanken." Denn: "Wie soll man glücklich sein nur wegen Testosteron-Spritzen?"

Ziel: Sich glücklich fühlen

Jeder Trans-Mensch geht einen anderen Weg, nicht jeder lässt sich operieren. Manche behalten ihr angeborenes Geschlechtsteil bis zum Lebensende. Milan hat sich jedoch entschieden, nach der Brust auch Gebärmutter und Eierstöcke entfernen zu lassen. Später soll aus einem Hautlappen des Unterarms ein Penis modelliert werden. Zunächst steht ihm ein rund dreistündiger Eingriff bevor, bei dem die Eierstöcke entfernt werden.

Die OPs sind kein Kinderspiel, sind nicht schmerzfrei. Aber ich finde, wenn ich dadurch glücklich werde, dann ist es der einzige Weg.

Milan
Ein Junge und ein Mädchen lachen.
Freundinnen und Freunde geben Milan Halt. Bildrechte: RUNDFUNK BERLIN-BRANDENBURG

Die Veränderung des Körpers ist nur ein Teil von Milans Transition. Ein anderer Teil betrifft das soziale Leben. Milans Freundinnen und Freunde nehmen ihn schon lange als Jungen wahr. Als Milan sich vor seiner Klasse als trans geoutet hat, gab es sogar Applaus. Halt findet auch bei seinem besten Freund. Und beim Capoeira, einem brasilianischen Kampftanz. Es geht darum, alles aus dem Körper herauszuholen: Kraft, Balance und Beweglichkeit.

Doch noch lassen ihn die Sorgen selbst beim Sport nicht los: "Am schlimmsten ist, sich ständig Sorgen zu machen, dass jemand merkt, dass ich keinen Penis habe. Wenn ich den nach der Operation habe, hoffe ich, dass ich mich einfach endlich richtig fühle."

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Nah dran | 03. Juni 2021 | 22:40 Uhr