Glaubwürdig | 21.08.2021 | In der Mediathek Warum Rayan Abdullah die Schrift heilig ist

Schon als Kind ließ ihn sein Vater in der Kunst der arabischen Kalligrafie unterrichten, in Deutschland studierte Rayan Abdullah später Visuelle Kommunikation, entwarf Piktogramme für die Berliner Verkehrsbetriebe und überarbeitete im Auftrag der Bundesregierung den Bundesadler. Als Professor für Typografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig initiierte er ein Projekt für geflüchtete Kunst- und Designstudenten. Rayan Abdullah sieht sich nicht nur als Lehrer, sondern als Vermittler zwischen den Religionen und Kulturen. Ein Porträt.

Rayan Abdullah 5 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Seine Werke begegnen uns stets und ständig: Denn Rayan Abdullah hat viele Logos und Piktogramme gestaltet, die unseren mobilen Alltag prägen – für die Deutsche Bahn, den Autokonzern VW oder die Berliner Verkehrsbetriebe. Seine Maxime:

Hand auf Buch
Piktogramme für die Berliner Verkehrsbetriebe Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Design lebt von der Funktionalität, sonst hat es keinen Wert.

Rayan Abdullah Typograf und Grafik-Designer

Von der arabischen Kalligrafie zum Bundesadler

Dabei kommt es ihm trotzdem auf eine gewisse Formvollendung an, die er ausgerechnet beim Bundesadler schmerzlich vermisste. Nicht mal Augen hatte die Version des deutschen Wappentiers aus den 1950er-Jahren, dazu einen geknickten Rücken und falsch stehende Krallen. Rayans Abdullahs Liste der Mängel war lang.

Drucke
Bundesadler: vorher, nachher Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein Bundesadler ohne Auge? Das kann nicht sein, dass wir Deutsche ein Wappentier haben, das blind ist!

Rayan Abdullah Typograf und Grafik-Designer
Finger auf Blatt
Von Rayan Abdullah ausgemachte Problemzonen des deutschen Wappentiers Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

In den 1990er-Jahren durfte er das Symbolbild gründlich überarbeiten – und entdeckte bei den Recherchen sogar eine Verbindung in seine Heimat, den Irak. Auch die berühmte alte Stadt Babylon trug den Adler im Wappen. Aufgewachsen ist Rayan Abdullah in Mossul, das zuletzt als Hochburg des IS zu trauriger Berühmtheit kam. Rayan Abdullah lernte dort die Kunst der Schrift bereits im Alter von sechs Jahren, sein Vater meldete ihn zum Kalligrafie-Unterricht an.

Kalligrafie ist das Schwierigste, was man überhaupt machen kann: Denn die Kalligrafie ist eine göttliche Form, geschaffen durch menschliche Hände und in Gestalt von Buchstaben.

Rayan Abdullah Typograf und Grafik-Designer
Rayan Abdullah
Ornamente aus dem Orient vor deutschen Aktenordnern Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass so große Kunstfertigkeit in Schrift und Ornamente gelegt wird, ist auch im Bilderverbot des Islam begründet, wie Rayan Abdullah weiter erklärt. Abbildungen von Mensch und Tier sind tabu, Dekore und Schriften dafür umso üppiger.

Wir wollen Gott und den Propheten nicht darstellen. Derjenige, der sich an den Propheten oder Gott erinnern will, kann das nur in seiner Vorstellung, in seinem Kopf tun.

Rayan Abdullah Typograf und Grafik-Designer

Schrift als Kulturgut

Hausfassade
Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Wie die Form, das Design der Funktion folgen soll, studierte Rayan Abdullah hingegen in Deutschland. In den 1980er-Jahren lernte er so mehr über die Grundsätze der Visuellen Kommunikation. Heute lebt und arbeitet er in Leipzig. 2001 wurde er Professor für Typografie an der traditionsreichen Hochschule für Grafik und Buchkunst (HGB). Dort, wo junge Menschen noch in den alten Werkstätten mit Lettern umzugehen lernen, statt nur auf eine Tastatur zu tippen. Rayan Abdullah findet, es sei enorm wichtig, dass Studierende wüssten, wie lange man braucht, um einen Buchstaben und damit auch die Zeit sichtbar zu machen:

Wir wollen, dass die Studierenden merken, dass die Schrift ein Kulturgut für die Menschheit ist.

Rayan Abdullah Typograf und Grafik-Designer

Lehrer und Vermittler zwischen den Kulturen

Hand auf Druckplatte
Handgemachte Typografie Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Dass an der HGB auch mehrere junge Menschen aus dem arabischen Raum studieren können, geht auf Rayan Abdullah zurück. Der Professor hat 2016 ein besonderes Projekt angestoßen: die Akademie für transkulturellen Austausch – kurz: AtA: "Als sich die Flüchtenden damals in Richtung Europa bewegt haben, habe ich laut gedacht: 'Mensch, was kann man eigentlich jungen Leuten, die jetzt bald in Deutschland ankommen, anbieten'“, erinnert er sich.

Rayan Abdullah neben einem Mann
Geflüchtete können ihr Design-Studium in Leipzig fortsetzen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Geflüchtete, die in ihrer Heimat bereits ein Kunst- oder Designstudium begonnen haben, können in Leipzig ihr Studium mit Unterstützung der Akademie beenden – mit sehr guten Aussichten auf einen Job in der Kreativbranche, wie Rayan Abdullah betont:

Wir sind stolz, dass diese jungen Leute vorankommen. Die ersten Bewerber machen bereits ihr Diplom an der Hochschule für Grafik und Buchkunst, damit können sie die Welt erobern.

Mehr über die Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig