Daten Motive für Schwangerschaftsabbrüche gut erforscht, Versorgungslage nicht

Rebecca Nordin Mencke
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Jährlich finden in Deutschland rund 100.000 Schwangerschaftsabbrüche statt, die meisten davon nach der Beratungsregel. In Sachsen entscheiden sich Schwangere vergleichsweise spät zum ersten Mal für einen Abbruch. Zu den Lebensumständen und Motiven der Schwangeren ist einiges bekannt. Bei der Versorgungslage gibt es dagegen entscheidende Datenlücken. Auch beim Schutz von Beratungsstellen sowie Ärztinnen und Ärzten sehen Verbände und Juristinnen Nachbesserungsbedarf.

Eine Frau sitzt auf einem Bett und sieht sich einen Schwangerschaftstest an
Die Gründe für einen Schwangerschaftsabbruch sind vielfältig und unterscheiden sich etwa nach Alter und Region. Bildrechte: dpa

Auffälliger Rückgang im zweiten Pandemiejahr

Tendenziell ist die Zahl der jährlichen Schwangerschaftsabbrüche seit den 1990er-Jahren gesunken. Erfasste das Statistische Bundesamt 1996 noch knapp 131.000 Abbrüche, waren es seit 2014 konstant um die 100.000. Einen auffälligen Rückgang beobachteten die Statistiker vergangenes Jahr: Im 3. Quartal 2021 wurden 6,4 Prozent weniger Abbrüche als im Vorjahresquartal registriert. Im 2. Quartal lag der Rückgang sogar bei 8,5 Prozent, im 1. Quartal bei 7 Prozent im Vergleich zum jeweiligen Vorjahreszeitraum.

Warum es zu dem starken Rückgang kam, ist einem Behördensprecher zufolge noch unklar. Beratungsstellen sind mittlerweile erfahren mit Telefon- und Video-Beratung. Selbst im ersten Pandemiejahr, das noch mit größeren Einschränkungen und Unsicherheiten verbunden war, ging die Zahl der Abbrüche lediglich um 0,9 Prozent zurück.

Frauen in Sachsen entscheiden sich später für einen Abbruch

Dagegen sind regionale Unterschiede über die Jahre hinweg weitgehend stabil und vergleichsweise gut erforscht. Dabei geht es nicht allein um die Anzahl an Abbrüchen pro 100.000 Frauen, sondern auch um die Lebensumstände, unter denen sich die Betroffenen für einen Abbruch entscheiden.

Die Studie "Frauen leben 3", die die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) herausgab, stellte etwa fest, dass in Sachsen rund 34 Prozent der Betroffenen bereits mindestens 30 Jahre alt waren. Mit einem durchschnittlichen Alter von 26,1 Jahren waren die abbrucherfahrenen Frauen zudem am ältesten im Vergleich zu den anderen näher untersuchten Bundesländern. Fast die Hälfte der Betroffenen in Sachsen brach zudem nach dem ersten oder zweiten Kind eine Schwangerschaft ab.

In Baden-Württemberg und Niedersachsen etwa bedeutete der Abbruch deutlich häufiger einen Aufschub der Familiengründung: fast 70 Prozent der Abbrüche fanden vor dem ersten Kind statt und Betroffene waren im Schnitt jünger. Als Grund für die gegensätzlichen Tendenzen sehen die Studien-Autorinnen eine höhere Akzeptanz für frühe Mutterschaft in Sachsen.

Insgesamt hat Berlin kontinuierlich die meisten Abbrüche pro 100.000 Frauen, 2020 lag die Quote bei 935. Die niedrigsten Quoten hatten Rheinland-Pfalz (303), Baden-Württemberg (341) und Bayern (352). In Mitteldeutschland hatte zuletzt Sachsen-Anhalt mit 662 die höchste Quote, in Thüringen waren es 615, in Sachsen 532.

"Schwierige Partnerschaftssituation" ist häufigster Grund für Abbruch

Neben den Unterschieden zwischen den Bundesländern spielen etwa auch Bildungsstand sowie die Größe der Stadt eine Rolle. Zugleich unterscheiden sich die Werte teils deutlich, je nachdem ob man alle Frauen mit einbezieht oder lediglich diejenigen, die bereits schwanger waren und damit überhaupt vor der Entscheidung über einen möglichen Abbruch standen. So hatten 14 Prozent der niedrig qualifizierten Frauen mindestens einen Abbruch und lediglich knapp sechs Prozent der Frauen mit höchsten Qualifikationen. Letztere standen allerdings seltener überhaupt vor der Entscheidung. Schränkt man auf die jemals Schwangeren ein, gleichen sich die Unterschiede einander an.

Weitgehend unabhängig von Alter und Region war eine schwierige Partnerschaftssituation der wichtigste Hauptgrund, den Betroffene für den Abbruch nannten. Bei den Kinderlosen waren das fast 40 Prozent, unter allen Betroffenen noch gut jede Dritte. Jede Fünfte gab berufliche oder finanzielle Unsicherheit als Hauptgrund an. Besonders Frauen ab 35 Jahren äußerten gesundheitliche Bedenken, Frauen unter 25 fühlten sich dagegen häufig zu jung oder unreif.

Hauptgründe für die Entscheidung zum Abbruch (in Prozent)
  unter 25 Jahre 25-34 Jahre 35 Jahre und älter Gesamt
schwierige/ keine Partnerschaft 34,9 34,6 27,8 34,0
berufliche oder finanzielle Unsicherheit 22,3 18,1 19,4 20,3
gesundheitliche Bedenken 11,5 26,3 33,3 19,7
jung/ unreif 30,7 3,0 - 16,4
in Ausbildung/ Studium 25,3 12,8 - 17,6

Quelle: BZgA

Ratsuchende sind in der Entscheidung meist bereits sicher

Grundsätzlich finden die meisten Abbrüche nach der Beratungsregel statt. 2020 waren das 96.110, davon der Großteil vor der neunten Schwangerschaftswoche. Nach medizinischer Indikation erfolgten 3.809 Abbrüche, nach kriminologischer Indikation waren es 29. Auch diese Zahlen sind seit Jahren konstant auf ähnlichem Niveau.

Die Beratungsstellen bewegen sich dabei in einem großen Spannungsfeld. Die meisten Schwangeren sind bereits in ihrer Entscheidung sicher, bevor sie die verpflichtende Beratung wahrnehmen. Nach der Studie "Frauen Leben 3" verneinten 58 Prozent der Befragten die Aussage, ihre Entscheidung durch die Beratung noch einmal überdacht zu haben und fast 70 Prozent gaben an, das Gespräch habe keinen Einfluss auf die Entscheidung gehabt.

Dagegen schilderten in einem qualitativen Teil der Studie gerade die Entschlossenen unter den Betroffenen, dass sie sich im Vorfeld der Beratung vor "Überredungsversuchen" gegen einen Abbruch sorgten. Teils erlebten sie die Beratung auch tatsächlich als Versuch, sie zum Austragen der Schwangerschaft zu überreden.

Ein bisschen habe ich mir auch gewünscht, dass mir da vielleicht auch mehr Perspektiven aufgezeigt werden.

Betroffene über die Beratung in "Frauen leben 3"

Umgekehrt gab es aber auch Frauen, die sich im Nachhinein mehr Beratung gewünscht hätten – etwa zu möglichen Unterstützungsangeboten, hätten sie sich gegen einen Abbruch entschieden. Eine Frau wird zitiert mit den Worten: "Ein bisschen habe ich mir auch gewünscht, dass mir da vielleicht auch mehr Perspektiven aufgezeigt werden, also mehr, ja, mir gezeigt wird: 'Okay, Sie können das aber auch schaffen.'" Immerhin ein knappes Drittel der Befragten insgesamt gab an, durch die Beratung neue Informationen über finanzielle Hilfen und andere Unterstützungsmöglichkeiten erhalten zu haben. Je jünger die Betroffenen waren, desto mehr stimmten dieser Aussage zu.

Gewissensfragen, Anfeindungen und Überalterung

Auch bei der Versorgungslage gibt es große regionale Unterschiede. Insbesondere im Süden Deutschlands müssen Schwangere teils weite Strecken zurücklegen, wenn sie einen Abbruch vornehmen lassen wollen. Dabei sind die durchführenden Ärztinnen und Ärzte teils jenseits des üblichen Renteneintrittsalters. Andere führen aus Gewissensfragen keine Abbrüche durch oder sorgen sich vor Anfeindungen durch radikale Abtreibungsgegner.

Eine bundesweit verlässliche Datenlage zu Kliniken und Praxen, die Abbrüche vornehmen, gibt es allerdings nicht. Das Statistische Bundesamt führt zwar punktuell für das Jahr 1999 rund 1.650 Meldestellen auf und etwa 2.050 im Jahr 2003. Diese Zahlen sind einem Sprecher zufolge heute aber nicht mehr verifizierbar.

Genaue Zahlen zu Praxen sind unklar

Erst seit 2018 gebe es verlässliche Daten: Demnach gab es im vierten Quartal 2018 bundesweit 1.160 Meldestellen (111 in Sachsen, 49 in Sachsen-Anhalt, 41 in Thüringen). Bis zum 3. Quartal 2021 sank die Zahl auf 1.099 (102 in Sachsen, 48 in Sachsen-Anhalt, 37 in Thüringen). In den bevölkerungsreichen Bundesländern Bayern und Baden-Württemberg lag die Zahl zuletzt bei 89 und 95. Berlin weist dagegen mit 134 eine vergleichsweise hohe Dichte auf.

Doch selbst diese Daten sind mit Vorsicht zu genießen: So wird zwar grundsätzlich erfasst, wo Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt werden. Offen bleibt aber, ob hinter einer Meldestelle ein einzelner Arzt oder eine Praxis mit mehreren Ärztinnen und Ärzten steckt, die jeweils Abbrüche durchführen. Ebenso unklar bleibt, ob Abbrüche an jedem Werktag oder zu sehr eingeschränkten Zeiten möglich sind.

"Die derzeitigen Zahlen geben keinen guten Aufschluss, wie die Versorgungslage real ist", betont daher auch Regine Wlassitschau von Pro Familia. "Wir würden uns wünschen, dass das besser untersucht und aufgeschlüsselt wird." Sie geht davon aus, dass sich mit verlässlicheren Daten noch einige Engstellen jenseits der bisher bekannten bemerkbar machen würden.

Drohungen durch Abtreibungsgegner kaum erfasst

Eine weitere entscheidende Datenlücke machen Frauenrechtlerinnen bei Einschüchterungsversuchen durch Abtreibungsgegner aus. Denn nicht allein Anzeigen nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz setzen Ärztinnen und Ärzte unter Druck. Mit sogenannter Gehsteigbelästigung versuchen Abtreibungsgegner immer wieder, Schwangere von ihrer Entscheidung zu einem Abbruch abzubringen: Etwa durch Plakate, direkte Ansprachen oder kollektive Gebete.  

Wir brauchen Schutzzonen vor Beratungsstellen, damit Ratsuchende unbehelligt kommen können.

Regine Wlassitschau Pro Familia

Pro Familia ist nach eigenen Angaben derzeit dabei, sich einen Überblick zu verschaffen, wie verbreitet das Problem unmittelbar vor den Beratungsstellen ist. Auch Sina Fontana vom Deutschen Juristinnenbund betont, es brauche Transparenz, welche Gruppen und Netzwerke hinter solchen Aktionen stehen und wie sie finanziert werden. Dass Äußerungen von Abtreibungsgegnern und –gegnerinnen bis hin zu Holocaust-Relativierung und –leugnung reichen, sei jedoch schon ohne statistische Erhebung auszumachen. "Damit ist auch der Handlungsbedarf gegeben."

Gutachten sieht Möglichkeit für neuen Ordnungswidrigkeitentatbestand

Ein Rechtsgutachten im Auftrag des Gunda-Werner-Instituts für Feminismus und Geschlechterdemokratie kam vergangenes Jahr zu dem Schluss, dass eine gesetzliche Neuregelung den Schutz der Schwangeren stärken könnte. Die Belästigung könnte demnach durch einen eigenen Ordnungswidrigkeitentatbestand geahndet werden.

So könnte das Schwangerschaftskonfliktgesetz dem Gutachten zufolge ergänzt werden: § 8 S. 2 SchKG n.F.: "Für die Beratungsstelle nach den §§ 5 und 6 haben die Länder ein ausreichendes plurales Angebot wohnortnaher Beratungsstellen sicherzustellen. Für die Schwangere muss der ungehinderte Zugang zu diesen Stellen sowie zu Einrichtungen, die Schwangerschaftsabbrüche vornehmen, gewährleistet sein."

Auf der Demonstration "Marsch für das Leben" hält ein blonder Mann mit sehr kurzen Haaren ein Schild mit der Aufschrift "Nein Zu Euthanasie und Abtreibung" in die Höhe.
Mit Demonstrationen und Aktionen direkt vor Beratungsstellen versuchen Abtreibungsgegner, Druck aufzubauen. Immer wieder fallen dabei auch Vergleiche, die den Holocaust verharmlosen. Bildrechte: imago images/IPON

Auch der Juristinnenbund und Pro Familia fordern, Gehsteigbelästigungen zu unterbinden und Beratungsstellen besser vor Anfeindungen zu schützen. Zwar stünden dem Grundrecht der Schwangeren auf eine selbstbestimmte Entscheidung kollidierende Grundrechte wie die Versammlungsfreiheit und die Religionsfreiheit gegenüber, erklärt Fontana. Es spreche jedoch nichts dagegen, Proteste an einen Ort außer Ruf- und Sichtweite von Beratungsstellen zu verlegen.

Ähnlich äußert sich Regine Wlassitschau von Pro Familia: "Es darf keine Beeinträchtigung der Beratung geben. Deshalb brauchen wir Schutzzonen vor Beratungsstellen, damit Ratsuchende unbehelligt kommen können, am besten bundesweit einheitlich." Derzeit müsse noch in jeder Stadt einzeln darum gerungen werden, sobald entsprechende Konflikte auftauchen.

MDR AKTUELL

Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL RADIO | 17. Januar 2022 | 15:30 Uhr