Stimmen Ukrainische Christen in Dresden: "Nur Beten funktioniert nicht"

Fassungslos blicken wir auf den Krieg in der Ukraine. Wie mag es erst denjenigen gehen, die aus der Ukraine stammen und hier in Deutschland leben? Wie groß muss ihre Sorge um Angehörige und Freunde sein? Und wie gehen sie mit der Situation, mit dem Krieg in ihrer Heimat um? Grit Krause hat einen Gottesdienst der ukrainischen griechisch-katholischen Gemeinde in Dresden besucht und mit einigen der Frauen und Männer dort über die derzeitige Lage gesprochen.

Ukrainische Soldaten stehen Wache am Bahnhof während Menschen versuchen Kiews zu verlassen. 4 min
Bildrechte: dpa
4 min

Fassungslos blicken wir auf den Krieg in der Ukraine. Wie mag es erst denjenigen gehen, die aus der Ukraine stammen, seit längerem in Deutschland leben und sich nun um ihre Angehörigen sorgen? Grit Krause berichtet.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 28.02.2022 15:30Uhr 04:07 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Die Bänke in der kleinen Kirche Mariä Himmelfahrt in Dresden sind an diesem Sonntag gut gefüllt, als die Gemeinde der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche hier ihren Gottesdienst feiert.

Gerade noch entkommen: Pfarrer Bogdan Luka

Dass Pfarrer Bogdan Luka überhaupt predigen kann, grenzt nach seinen Worten an ein Wunder, denn er hielt sich letzte Woche zu Kriegsbeginn noch in der Ukraine auf und hat es über Polen zurück nach Dresden geschafft. Die Bilder von unterwegs haben sich ihm eingeprägt.

"Tausende Menschen, viele Frauen mit kleinen Kindern, die einfach mit großer Hoffnung so stehen, seit Tagen. Sie verlieren Kraft, es fehlt an Essen, Wasser, es gibt niemanden, der vor Ort sich um die Menschen kümmern kann. Da ist nur die Solidarität miteinander, aber das ist nicht unendlich."

Gebet für die Landsleute ...

Und so beten er und die Gemeinde im Gottesdienst für die Landsleute in der Ukraine, bitten Gott darum, dass sie die Kraft haben, sich den russischen Angreifern in jedweder Form entgegen zu stellen, auch im Kampf, um sie zu besiegen:

Wir sind keine Angreifer. Wir beschützen unser Land und dieser Krieg ist im Grunde genommen ein Märtyrerkrieg. Ein heiliger Krieg. Es geht um Verteidigung, nicht um Angriff.

Bogdan Luka Pfarrer

... und praktische Hilfe

Die Haltung von Pfarrer Bogdan Luka teilen auch Gemeindeglieder wie Bonislav Matkivskyy:

Wissen Sie, wenn wir nichts machen, wird nichts gemacht. Nur Sprechen, nur Beten funktioniert nicht.

Bonislav Matkivskyy Arzt

Bonislav Matkivskyy ist Arzt und lebt seit etwa 20 Jahren in Dresden. Er berichtet von verletzten Angehörigen, von getöteten Bekannten, von einem bombardierten Krankenhaus. Er begrüßt es, dass Deutschland seinen Standpunkt geändert hat und jetzt der Ukraine Waffen zur Verfügung stellen wird, auch wenn es ihn ärgert, dass es dafür erst zum Krieg in seiner Heimat kommen musste.

Spenden sammeln und Unterkunft gewähren

Was ihn, wie die meisten anderen, die nach dem Gottesdienst noch vor der Kirche in Grüppchen zusammenstehen, manche diskutierend, manche auch nur schweigend, jetzt beschäftigt: Wie sie konkret helfen können. Verbandsmaterial und Medikamente beispielweise werden bereits gesammelt, und Bonislav Matkivskyy hat auch schon Flüchtlinge aufgenommen: "Ja, das sind private Bekannte von Bekannten und die haben angerufen, dass die Leute unterwegs sind und Unterkunft brauchen. Der Mann ist in der Ukraine geblieben, die Frau ist mit dem Auto nie im Leben so weit weg gefahren, 900 Kilometer, mit zwei Kindern kam sie nun über die Grenze, wir haben sie aufgenommen, klar."

Solidatitätskonzerte in Dresden geplant

Die Planungen zur Aufnahme von Flüchtlingen aus der Ukraine laufen gerade erst an, aber im Moment scheint die Bereitschaft groß zu sein, wie die Erasmus-Studentin Anna Sotnikova aus Lwiw/Lemberg berichtet: "Gestern habe ich über Facebook einen Aufruf gepostet, wer Menschen aus der Ukraine aufnehmen kann. Ich habe daraufhin viele Antworten bekommen. Ich habe die Solidarität gespürt. Dafür bin ich wirklich dankbar." Und Yaroslav Molochnyk ergänzt:

Wir denken die ganze Zeit darüber nach, wie man von hier helfen kann.

Yaroslav Molochnyk Musikstudent

Er ist Pianist, studiert an der Dresdner Musikhochschule: "Also wir sind Musiker und können nicht so viel machen, aber wir wollen versuchen, Konzerte zu organisieren." Der Erlös soll zur Unterstützung ihres Landes gespendet werden.

Einen Teil seiner Familie weiß Yaroslav Molochnyk derzeit in Sicherheit, seine Großmutter und seine Mutter, die ihn zufällig vor Kriegsausbruch besucht haben  und jetzt bei ihm in Dresden sind. "Wir haben Krieg!", sagt die alte Frau auf Deutsch. "Jetzt gibt es keinen Weg zurück … und wir können jetzt nichts machen, außer warten und versuchen zu helfen", erklärt ihr Enkel. Und so ist in der Gemeinde der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche neben der Sorge um die Angehörigen, Bekannten und Freunde in der Heimat auch Tatendrang zu spüren, ebenso wie die Hoffnung, dass sie mit der Unterstützung ihrer Landsleute nicht allein gelassen werden.

Stichwort: Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche

Die griechisch-katholische Kirche in der Ukraine ist seit dem 18. Jahrhundert mit Rom uniert, ihr gehören etwa 10 Prozent der ukrainischen Einwohner an, sie ist vor allem im Westen des Landes vertreten und verfolgt den Kurs einer eigenständigen ukrainischen Nation. Die Gemeinde in Dresden hat etwa 200 Mitglieder. Auch in Leipzig, Halle oder Erfurt gibt es Gemeinden.

Mehr zum Thema: Krieg in der Ukraine & Proteste in Mitteldeutschland

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Februar 2022 | 17:10 Uhr