Corona-Pandemie Landesinnung der Bestatter Sachsen: Meißen nicht die Realität

Es sind verstörende Bilder, die in den vergangenen Tagen in Meißen entstanden sind. Übereinander gestapelte Holzsärge in Andachtsräumen, teils nachlässig umwickelt mit Plastikfolie. Auf einigen steht "Covid" oder "Corona" geschrieben, der Krematoriumsleiter steht dazwischen und gibt ein Interview. Kritisiert wird die Krematoriumsleitung dafür aus der eigenen Branche. Es sei unwürdig, wie mit den Verstorbenen dort umgegangen werde, heißt es. Der kommunale Betrieb weist die Vorwürfe zurück. Man habe alles im Griff.

Zahlreiche Holzsärge sind übereinandergestapelt - auf einem steht Infektionsgefahr
Kaum noch Platz im Krematorium in Meißen. Die Särge werden unter anderem in der Trauerhalle gelagert. Bildrechte: xcitePRESS

Sachsens Krematorien arbeiten in den letzten Wochen am Limit. Noch sei keine Entspannung in Sicht, die Lage werde aber übersichtlicher, teilte die Landesinnung der Bestatter Sachsen mit. Die Bilder aus Meißen, die unter anderem von Tagesschau auf Instagram gezeigt wurden, seien daher sehr verstörend, sagte Innungsobermeister Tobias Wenzel MDR SACHSEN.

Meißen ist nicht die Realität

Hier werde eine ganze Branche und auch viele fleißige und engagierte Mitarbeiter der Krematorien in ein Licht gerückt, was so nicht reell ist, kritisiert Wenzel.

Hier werden eindeutig Managementfehler gemacht und auch die aufsichtsführenden Stellen versagen.

Tobias Wenzel Landesinnung der Bestatter Sachsen

Wenzel fordert personelle Konsequenzen. Die entsprechende Berufsgenossenschaft sei bereits informiert worden.

Kein Normalzustand

Auch der Bundesverband Deutscher Bestatter ist über die Bilder aus dem Krematorium in Meißen entsetzt.

Diese Bilder sind furchtbar und sind nicht der Normalzustand.

Stephan Neuser Generalsekretär Bundesverband Deutscher Bestatter

Neuser sieht drei Ursachen dafür, dass sich gerade in Meißen die Särge stapeln. Zum einen könnte der Preis für eine Einäscherung in Meißen günstiger sein, als anderswo. Zudem gebe es in Sachsen eine Übersterblichkeit. Und generell hätten Bestatter im Januar mehr zu tun, weil die Standesämter über die Feiertage länger geschlossen hätten und Sterbeurkunden erst nach und nach ausstellten.

Zahlreiche Holzsärge stehen in einem Gang übereinander gestapelt
Laut Bundesverband herrscht in Meißen eine Ausnahemsituation, die hausgemacht ist. Bildrechte: xcitePRESS

Wenn man dann Corona-Hotspots hat wie in Sachsen und eine Übersterblichkeit, dann kann das dazu führen, dass es in einzelnen Regionen zu einer Überlastung kommt.

Stephan Neuser Generalsekretär Bundesverband Deutscher Bestatter

Der Bundesverband habe der Stadt Meißen letzte Woche Hilfe angeboten, so Neuser. Eine Antwort habe man aber bislang nicht erhalten.

"Wir haben alles im Griff"

Die Aufregung über seinen medialen Auftritt versteht Krematoriumsleiter Jörg Schaldach nach eigener Aussage nicht. Auch die Kritik, dass in seinem Haus unwürdig mit Verstorbenen umgegangen werde, kann er nicht nachvollziehen.

Wir sind zwar am Limit, aber wir haben einen Plan und wir schaffen das.

Jörg Schaldach Leiter Krematorium Meißen

Die Verstorbenen würden nicht Tage im Krematorium gelagert. "Normalerweise arbeiten wir so, dass die Angehörigen nur einen Tag warten müssen. Aufgrund der Corona-Pandemie sind das nun zwei bis drei Tage," so Schaldach.

Als Ursache für die derzeitige Lage in seinem Haus sieht er die Übersterblichkeit in Sachsen, den Jahreswechsel, seine Preisgestaltung sowie die generell hohe Anzahl an Feuerbestattungen. Über 90 Prozent der Sachsen wünschten sich eine solche, sagte er. Hilfe von anderen Krematorien oder dem Land will Schaldach nicht. Weder finanziell, personell noch technisch.

Es ist eine Katastrophenlage, damit müssen wir klar kommen. Wir haben es aber im Griff.

Jörg Schaldach Leiter Krematorium Meißen

Damit das Krematorium nicht völlig zum Erliegen kommt, werden Verstorbene von Montag bis Sonntag im Drei-Schicht-System eingeäschert. Im Dezember seien hier über 1.300 Särge verbrannt worden, für den Januar werden es bis zu 1.600, schätzt Schaldach. Erst ab April, denkt er, normalisiere sich die Lage in den Krematorien wieder.

Ein Gebäude von außen
Das Krematorium in Meißen will trotz hoher Auslastung die Lage selbst in den Griff bekommen. Bildrechte: xcitePRESS

Nächstes Krematorium am Limit

Unterdessen meldet das nächste sächsische Krematorium Land unter. Im Krematorium Dresden-Tolkewitz habe in der vergangenen Woche von den mehr als 500 Verstorbenen nur etwa die Hälfte vor Ort eingeäschert werden können, erklärte Dresdens zuständige Bürgermeisterin, Eva Jähnigen am Mittwoch.

Schon in der ersten Januarwoche habe die Einrichtung so viele Verstorbene aufnehmen müssen wie noch nie zuvor, Täglich kämen dort weiterhin etwa doppelt so viele Verstorbene an als es zu dieser Jahreszeit üblich sei.

Unterstützt wird das Krematorium von Thüringen und Niedersachsen, die Särge übernehmen. Auch wird Dresden ein Gebäude außerhalb der städtischen Friedhöfe nutzen, um die Verstorbenen zu lagern.

Am Donnerstag soll es zwischen der Landesinnung sowie dem Innen- und Sozialministerium Gespräche über eine mögliche Koordinierungsstelle geben, um Krematorien, die am Limit arbeiten, zu entlasten.

Quelle: MDR/bb

Dieses Thema im Programm bei MDR SACHSEN MDR SACHSEN - Das Sachsenradio | 08.01.2021 | 14:30 Uhr aus dem Regionalstudio Dresden

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