Dienstags direkt | 14.06.2022 | 20 - 23 Uhr Benzin, Strom oder Getreide - wofür reicht der Platz auf unseren Feldern?

Rohstoffe für das Biobenzin E10, Futter für die Schweinemast, Flächen für Solarpanels und enorm viel Gülle – wie viel Platz bleibt auf unseren Feldern noch für Lebensmittel? Wie wirkt sich der Krieg im Agrarland Ukraine aus? Muss Landwirtschaft neu gedacht – wenn ja, und was sollte dabei auf keinen Fall vergessen werden?

Peace-Symbol auf einem Acker bei Erfurt
Der Krieg in der Ukraine bedroht auch die Ernährung vieler Menschen. Wie können wir unsere Landwirtschaft krisensicher aufstellen? Bildrechte: IMAGO/Steve Bauerschmidt

Unsere Gäste:

  • Martin Rentsch, Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP)
  • Wolfgang Vogel, Geschäftsführer Bauernland GmbH Beiersdorf, Ehrenpräsident Sächsischer Bauernverband
  • Professor Karl Wild, HTW Dresden, Leiter eines Projektes mit vertikalen Solarmodulen auf Feldern
  • Dr. Claudia Werner, Referentin für Biomasse / Bioenergie NABU Deutschland

  • Interview Andrea Beer, ARD-Korrespondentin Ukraine
  • Interview Matthias Reiche, ARD-Korrespondent in Brüssel
  • Interview Professor Felix Ekardt, BUND SACHSEN

Der Angriffskrieg auf die Ukraine hat die Verletzlichkeit globaler Ernährungsketten gezeigt. Das Agrarland war im vergangenen Jahr der fünftgrößte Weizenexporteur der Welt. Jetzt warten viele Menschen besonders aus den ärmeren Ländern Afrikas und Lateinamerikas bislang vergeblich auf das nötige Getreide. Es droht Hunger. “Die humanitäre Not ist durch Konflikte, Klimakrise und Corona quer über den Globus in die Höhe geschossen. Die globalen Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine sind in dieser explosiven Lage ein weiterer Brandbeschleuniger. Der Krieg zeigt, dass unser globales Ernährungssystem weder krisenfest noch zukunftssicher ist“, erklärt Martin Rentsch, Sprecher des Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP).

Die größte humanitäre Organisation der Vereinten Nationen im Kampf gegen den Hunger auf der Welt hat bereits vor Wochen in einer Mitteilung gewarnt: "Russlands Einmarsch in die Ukraine gefährdet die weltweite Ernährungssicherheit." Die internationale Gemeinschaft müsse handeln, "um die größte Ernährungskrise in der Geschichte und die sozialen, wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen, die folgen könnten, abzuwenden".

Martin Rentsch, Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP).
Martin Rentsch, Sprecher des Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) warnt vor einer Ernährungskrise durch den Ukrainekrieg - vor allem für Millionen Menschen in Afrika. Bildrechte: Martin Rentsch

Die humanitäre Not ist durch Konflikte, Klimakrise und Corona quer über den Globus in die Höhe geschossen. Die weltweiten Auswirkungen des Kriegs in der Ukraine sind in dieser explosiven Lage ein weiterer Brandbeschleuniger. Der Krieg zeigt, dass unser globales Ernährungssystem weder krisenfest noch zukunftssicher ist.

Martin Rentsch Sprecher des Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP)

51 Millionen Tonnen Getreide über die Häfen in der Ukraine abgewickelt

In den acht Monaten vor dem Krieg wurden laut WFP etwa 51 Millionen Getreide über die sieben Schwarzmeerhäfen des Landes exportiert. Dies reiche, um 400 Millionen Menschen zu ernähren. "Wir müssen die Häfen öffnen, damit Lebensmittel importiert und aus der Ukraine exportiert werden können", heißt es.  Hunderte Millionen Menschen weltweit seien davon abhängig, besonders aus Ländern, die ohnehin mit akutem Hunger kämpfen. Welche Auswirkungen hat der Ukraine-Krieg für die Landwirtschaft in Europa und in Deutschland? Wie sicher ist die weltweite Ernährung? Wie wertvoll sind unsere Flächen und wer entscheidet, wofür sie genutzt werden? Was passiert mit uns, wenn wir merken, dass die Versorgung mit Lebensmitteln nicht mehr sicher sein könnte?

In Deutschland muss die Energiewende gemanagt werden

Während in vielen Ländern Menschen vom Hunger bedroht sind, will und muss Deutschland seine Energiewende – angesichts der energiepolitischen Auswirkungen des Krieges – dringender denn je managen. Woher die Energie nehmen ohne Atomstrom, Braunkohle sowie Öl und – wie beabsichtigt -  ohne Gaslieferungen aus Russland? Experten und Politiker ringen um neue Ansätze und Flächen. Im Süden von Leipzig wird ein riesiger Solarpark errichtet, er soll ein Drittel des Strombedarfs der sächsischen Großstadt decken. Er steht auf Flächen, die nach dem Braunkohlebergbau bislang nur wenig genutzt worden. Wie realistisch sind Ansätze, Solarmodule auf Felder zu stellen und gleichzeitig Landwirtschaft zu betreiben?

Konkurrenz Solarenergie: Vertikale Solarmodule damit Mähdrescher ernten können

"Die Ackerfläche wird immer weniger. Deshalb wird es immer wichtiger dieses wertvolle und knappe Gut intelligent zu verwenden, zum Beispiel durch Doppelnutzung, wie etwa durch die Agri-Photovoltaik", erklärt Professor Karl Wild von der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden. Der Agrarwissenschaftler entwickelt mit seinem Team Verfahren und Landtechnik, um auf Ackerflächen mit Solaranlagen eine optimale Kombination aus Agrarproduktion und Solarstromerzeugung zu erreichen. Dafür errichtet er zusammen mit Partnern in Pillnitz gerade eine Agri-PV-Anlage mit senkrechten Sonnenkollektoren, die vom Freistaat Sachsen gefördert wird. "Solaranlagentypen nehmen mittlerweile eine große Bandbreite ein." Es gebe Module, die fünf Meter über dem Acker montiert sind, Module die sich automatisch über den gesamten Acker bewegen und Module, die senkrecht aufgestellt sind. Daneben suchen viele Unternehmen derzeit Flächen für herkömmliche horizontale Solarparks.

Professor Karl Wild, HTW Dresden, Leiter eines Projektes mit vertikalen Solarmodulen auf Feldern
Professor Karl Wild von der HTW Dresden hat eine Idee. Er will die Solarmodule senkrecht aufstellen und weiter Landwirtschaft betreiben. Bildrechte: Professor Karl Wild

Die Ackerfläche wird immer weniger. Deshalb wird es immer wichtiger dieses wertvolle und knappe Gut intelligent zu verwenden, zum Beispiel durch Doppelnutzung, wie etwa durch die Agri-Photovoltaik.

Professor Karl Wild Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden, Leiter eines Agri-PV-Projektes mit vertikalen Solarmodulen auf Feldern

Wie gelingt die Balance zwischen der Herstellung von Lebensmitteln und der Erzeugung von Energie? Wie viele Flächen können wir zur Energiegewinnung hergeben? Können wir eine energetische Nutzung überhaupt verantworten, wenn in anderen Ländern Menschen hungern und dringend Lebensmittel brauchen? Und rein ökologisch gesehen: Wäre es nicht besser, Solarpanels über Straßen und Autobahnen zu bauen, dort wo die Energie gebraucht und nicht noch mehr Fläche "versiegelt" wird?

Klimawandel, Dürren - wie wichtig ist eine ökologische Landwirtschaft?

Immerhin hat das WFP bereits dazu aufgerufen, beschädigte Ernährungssysteme zu reparieren und die Zerstörung der Böden aufzuhalten. Gesunde Böden seien eine wichtige Grundlage für die Ernährungssicherheit. Deswegen sollten vermehrt organische Düngemittel und Kompost (statt was?) eingesetzt werden. Wie wichtig, aber auch wie teuer sind funktionierende Ökosysteme, um eine nachhaltige Landwirtschaft betreiben zu können?

Wir müssen die Landwirtschaft ökologisch umgestalten und der Natur mehr Raum geben. Nur strukturreiche Flächen mit hoher Artenvielfalt und fruchtbaren Böden können den Folgen der Klimakrise standhalten und auch in Zukunft Erträge liefern.

Dr. Claudia Werner Energiereferentin NABU Deutschland

Konkurrenz Tierfutter

Auf den Feldern wartet eine weitere Konkurrenz für eine nachhaltige Lebensmittelproduktion, eine die oft nicht gesehen wird, weil sie so selbstverständlich ist. Die Fleisch- inklusive Futterproduktion verschlingt einen riesigen Anteil landwirtschaftlicher Fläche. Laut Ökonom Marcel Fratzscher verschluckt sie weltweit (auch in Deutschland) etwa 77 Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche. Hingegen liefere sie nur 18 Prozent der Kalorien, welche die Menschen benötigen. Zudem erfordere die Produktion von Fleisch "im Vergleich zu pflanzlichen Lebensmitteln eine sehr viel höhere Intensität von Land und anderen Rohstoffen wie Wasser". Wie viel Ressourcen verschluckt die Massentierhaltung? Warum hilft es, auf Fleisch zu verzichten? Ist es zu vertreten, dass Bauern Gülle auf nicht genutzte Felder austragen?

Konkurrent Benzin E10

Die Liste ist noch nicht am Ende. Der traditionellste Konkurrent und Namensgeber der Tank-oder-Teller-Debatte ist der Biokraftstoff E10. Ursprünglich als biologische Alternative gedacht, verschlingt seine Produktion mit Mais, Gerste oder anderen zucker-und stärkehaltigen Pflanzen ebenfalls die Ressourcen vieler landwirtschaftliche Flächen. Längst gibt es Ansätze Bioethanol mit Abfall herzustellen. Ist das Benzin vom Feld nicht längst überholt?

Wolfgang Vogel, Geschäftsführer Bauernland GmbH Beiersdorf, Ehrenpräsident Sächsischer Bauernverband.
Wolfgang Vogel, Geschäftsführer Bauernland GmbH Beiersdorf produziert in Sachsen Getreide und verkauft es an regionale Mühlen. Bildrechte: Wolfgang Vogel

Die Landwirtschaft soll und muss, wie jeder andere Wirtschaftszweig auch, einen gerechte Wertschöpfung für ihre Produkte erzielen und nicht durch die Politik aus Berlin und Brüssel in ihrem unternehmerischen Handeln limitiert werden.

Wolfgang Vogel Geschäftsführer Bauernland GmbH Beiersdorf, Ehrenpräsident Sächsischer Bauernverband

Mehr wert als es kostet?

Dauerdebatte Preise: Seit Jahren monieren Landwirte in Deutschland die niedrigen Preise. Sie wollen und sollen für ihre Arbeit fair bezahlt werden, die Supermarktketten wiederum wollen mit günstigen Angeboten die Kunden locken und konkurrenzfähig bleiben und die Verbraucher haben - je nach Einkommen – zum Teil einen großen Spardruck. Auch wenn es oft anders empfunden wird: Lebensmittel in Deutschland sind immer noch viel günstiger als in vielen anderen Ländern Europas – auch jetzt nach der Preissteigerung. Gleichzeitig wirft jeder Deutsche durchschnittlich pro Jahr etwa 75 Kilogramm Lebensmittel in die Tonne.

Wie soll ökologische Landwirtschaft funktionieren, wenn die Preise gedrückt werden? Welche Rolle spielt Brüssel? "Die Landwirtschaft soll und muss, wie jeder andere Wirtschaftszweig auch, einen gerechte Wertschöpfung für ihre Produkte erzielen und nicht durch die Politik aus Berlin und Brüssel in ihrem unternehmerischen Handeln limitiert werden", erklärt Wolfgang Vogel, Geschäftsführer Bauernland GmbH Beiersdorf, Ehrenpräsident Sächsischer Bauernverband

"Benzin, Strom oder Getreide - wofür reicht der Platz auf unseren Feldern?" – Darüber sprechen wir bei "Dienstags direkt".

Moderation: Sina Peschke
Redaktionsmitarbeit: Katrin Tominski
Redaktionsleitung: Ines Meinhardt

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN | Dienstags direkt | 14. Juni 2022 | 20:00 Uhr