Reportage Mirjam wird sterben: Wenn das Leben schon mit 14 endet

Ins Schwimmbad, Urlaub auf dem Bauernhof in Bayern, vielleicht sogar Fliegen – das sind Mirjams Wünsche. Während Gleichaltrige von der Zukunft träumen, überlegt die 14-Jährige, was sie noch einmal tun möchte, bevor sie "den Löffel abgibt". Was ruppig klingt, spielt an auf die berühmte Liste, die auch Mirjam mit ihrer Familie aufsetzt, um das Leben am Ende noch einmal in die eigenen Hände zu nehmen.

Ein Mädchen kuschelt mit einem Hund
Mit ihrer Hündin Lia auf dem Bett zu kuscheln. Das hat Mirjam während der langen Krankenhausaufenthalte am meisten vermisst. Bildrechte: SWR

Mirjam ist an Knochenkrebs erkrankt, die letzten zwei Jahre verbrachte sie fast durchweg im Krankenhaus. Schließlich entscheidet sie sich gegen eine weitere Chemo, deren Nebenwirkungen sie nicht mehr ertragen will.

Nicht raus zu dürfen aus der Klinik, das war wie Gefängnis, nur im Gefängnis weiß man halt, was man gemacht hat.

Mirjam

Leben für den Augenblick: Mirjams "Löffelliste"

Mirjam weiß, dass sie bald sterben muss. Ein paar Monate bleiben ihr noch, vielleicht auch nur ein paar Wochen. Und deshalb will sie es nochmal wissen, auch wenn die Kräfte schwinden, sie durch die Krankheit ein Bein verloren hat. Zusammen mit ihrer Psychologin Christine Schütz vom Kinderpalliativ-Team Rhein-Neckar und ihrer Familie hat sie eine so genannte "Löffelliste" gemacht. Darauf steht alles, was sie noch erleben will. Erst wenn es keine Hoffnung auf Heilung mehr gibt, wird der Blick frei für die Zeit, die noch bleibt, weiß Schütz aus ihren Erfahrungen der Betreuung von Familien.

Es ist unser Weg. Wir müssen da durch, möglichst mit Würde.

Mirjams Mutter

Menschen im Schwimmbad
Mirjam musste wegen ihrer Krebserkrankung ein Bein amputiert werden. Trotzdem hat sie nochmal den Freischwimmer gemacht, um selbstständig ins Schwimmbad gehen zu können. Bildrechte: SWR

Doch unter Corona-Bedingungen bedeutet schon der schlichte Wunsch, schwimmen zu gehen eine Herausforderung, da alle Hallenbäder gerade geschlossen sind. Vor der Reise in den Bayrischen Wald gibt es ungeahnte Hindernisse. Und ob die Kraft zum ersten Mal Fliegen noch reicht? Zu wissen, nichts mehr für das eigene Kind tun zu können, war für Mirjams Mutter Sabine Becherer das schwerste. Nun sagt sie: "Wir müssen es so akzeptieren, wie es ist. Es gibt niemanden, der Schuld hat. Es ist unser Weg. Wir müssen da durch möglichst mit Würde." Für ihre Tochter wünscht sie sich, die Zeit, die bleibt noch genießen zu können."

"Ein bisschen hoffe ich schon, dass ich in eine bessere Welt komme. Aber ..."

Mirjam

Nicht viele haben die Kraft, in Kontakt zu bleiben

Unterstützt von ihrer Mutter, den beiden Schwestern und ihrer Freundin Hanna nimmt Mirjam ihr Leben ein letztes Mal in die Hand. Nur für Mirjam und ihre Familie öffnet die Stiftung Reha in Heidelberg ihr Hallenbad. Sie meistert ihren ersten Flug gemeinsam mit ihrer Schwester Anna. Mirjams Freundin Hanna kommt einmal in der Woche zu Besuch. Jedes Mal bringt sie ein selbst gemaltes Bild mit. Es gibt nur wenige Menschen aus dem alten Freundes- und Bekanntenkreis, die es schaffen, den Kontakt zu halten und "alles zu teilen", wie Hanna sagt. Unter großen Anstrengungen schafft es die Familie auch noch zum Bauerhof von Erna Graml nach Bayern. Sie kennt Mirjam, seit sie ein Baby war. Dort zu sein, bedeutet für Mirjam noch einmal Glück und Geborgenheit. So erfüllt sie sich den letzten Wunsch auf ihrer Liste.

Wir müssen sie gehen lassen. Uns bleibt nichts anderes übrig.

Erna Graml

Mirjam ist am 9.1.2022 zuhause gestorben. Ihre Mutter und ihre beiden Schwestern waren bei ihr. Unauslöschlich bleiben die letzten Erlebnisse, ihr Humor und ihr Tatendrang: "Ich denke ganz viel an sie. Wie sehr wir sie geliebt haben und wie sehr sie uns geliebt hat", sagt Sabine Becherer später. Man habe am Ende so einen Trotz entwickelt, noch etwas Gutes gemeinsam zu erleben." Das sei tröstlich.

Wiederholung der Reportage vom 28.11.2021

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | Selbstbestimmt | 20. November 2022 | 08:00 Uhr